15 Jahre nach dem ersten und 9 Jahre nach dem letzten "Scream" machte sich Regisseur Wes Craven erneut an eine Fortsetzung der beliebten Horrorfilm-Reihe.
Mit Kevin Williamson holte man den geistigen Erfinder und Drehbuchautor der ersten beiden Teile mit ins Boot, der aufgrund künstlerischer Differenzen erneut von Ehren Kruger abgelöst wurde, der bereits das Skript zum Finale der Ur-Trilogie verfasst hatte.
Das Endergebnis, das zwar ein Vielfaches seines Budgets eingespielt hatte, aber weit hinter den Erwartungen zurückblieb, ist dann auch vielmehr ein - im positiven Sinn - Blut durchtränktes Potpourri der ersten drei Teile. Versatzstücke, Motive und ganze Sequenzen der Ur-Trilogie finden im vierten "Scream" Verwendung und sorgen für ein unterhaltsames Deja-Vu mit den altbekannten Hauptcharakteren der ersten drei Teile und vielen neuen Gesichtern.
Gleich zu Beginn sorgt die Eingangssequenz für die ersten Überraschungen und spielt gekonnt mit den Erwartungen der Zuschauern.
Doch nach dieser genialen Einleitung braucht "Scream 4" dann doch eine gute halbe Stunde, bis sich der Zuschauer auf die "neue" Generation, einer sichtlich gealterten Neve Campbell und jeder Menge neumodischen Firlefanz wie Apps, Twitter, Facebook-Stalker und Internet-Livestreams gewöhnt hat, die das Erscheinungsbild der neuen "Scream"-Ära prägen.
Auf den ersten Blick wirkt das erste Drittel wie ein müder Abklatsch des ersten Teils - doch im weiteren Verlauf der Handlung wird mehr und mehr deutlich, dass dies durchaus beabsichtigt war und mit dem Motiv des Killers zusammenhängt.
Ist diese Hürde einmal genommen und hat man sich mit den klischeehaften Tussis der Gegenwart arrangiert, macht der neue "Scream" auch zunehmend mehr Spaß.
Die Parallelen zum Ur-"Scream" sind unverkennbar und dienen dazu, die beliebte Reihe selbst zu zitieren oder in Bezug auf voran gegangene Teile diese Zitate als falsche Fährten zu nutzen und somit mit den Erwartungshaltungen des Publikums zu spielen.
Viele Szenen und Motive wurden aus früheren Teilen übernommen, variiert oder umgekehrt, denn eine neue Ära bedeutet auch gleichzeitig neue Regeln für das Genre.
Dabei bleibt das intelligente Drehbuch von Kevin Williamson sowohl den alten als auch den neuen Regeln treu, karikiert dabei die Klischees des Genres und auch mit einem Augenzwinkern die eigene Reihe.
Der Humor speist sich dabei mehr aus dem Umstand, das Genre zwar nicht neu zu erfinden, sondern den Fortsetzungs- und Remake-Wahn Hollywoods und sich - als vierter Teil einer Reihe - selbstreflektierend auf die Schippe zu nehmen.
Da wird im genialen Prolog die Torture Porn-Welle und der Goregehalt der "SAW"-Reihe kritisiert, während in "Scream 4" - auch um die Erwartungen der Zuschauer zu erfüllen - die Ghostface-Attacken extremst blutig inszeniert wurden und dieser Teil sicherlich zu den härtesten der Reihe gezählt werden darf.
Es sind die ironischen Spitzen, das liebevolle Zitieren der eigenen Reihe, das Philosophieren über das Genre und seine Entwicklung im Laufe der Zeit, die allein den halben Unterhaltungswert ausmachen. Ansonsten wird das brutale Treiben auf der Leinwand nur durch wenige amüsante Dialoge gebrochen - und das ist auch gut so.
"Scream 4" lebt aber nicht nur von seinem Witz, seinen Wendungen und dem Spiel mit den Erwartungen der Zuschauern, sondern auch von seinem Cast.
Mit Neve Campbell als Sidney Prescott, David Arquette als Dewey Riley und Courtney Cox als Gale Weathers-Riley stehen die letzten überlebenden Sympathieträger der Ur-Trilogie im Vordergrund der Handlung um das Zepter an eine neue Generation zu übergeben, die von vielen bekannten Gesichtern getragen wird.
Die alte Garde überzeugt dabei wie eh und je: Campbell gibt die toughe und kämpferische Screem-Queen, während Arquette zum Sherrif befördert wurde, dabei weniger den Tölpel gibt und vielmehr einige Streitereien mit seiner Frau Gale auszufechten hat, die im Laufe der Reihe wohl den extremsten Charakterwandel durchlaufen hat: von der karrieregeilen Reporterin des ersten Teils hin zur freundlichen, Sidney gegenüber freundschaftlich aufgeschlossenen Schriftstellerin in der Schaffenskrise, die es sich selbst und dem Zuschauer beweist, dass sie noch genauso zickig sein kann wie im ersten Teil.
Auch die Vertreter der neuen Generation machen ihre Sache sehr gut, also schauspielerisch gibt es da kaum etwas auszusetzen. Vor allem das Doppelspiel des Killer-Duos ist sehr überzeugend und auch der Wahnsinn kommt hier um einiges glaubhafter rüber als noch bei Matthew Lillards und Skeet Ulrichs Overacting-Performance im Finale des ersten Teils.
Erik Knudsen (bek. aus "SAW II" und der TV-Serie "Jericho") als neuzeitlicher "Randy"-Verschnitt ist dabei noch der blasseste und unscheinbarste Vertreter im Cast, der seiner Rolle kaum Akzente verleihen kann. Hier wünscht man sich Jamie Kennedy aus der Ur-Trilogie zurück.
Auch Anthony Anderson (bek. als skrupelloser Dealer aus der fünften Staffel von "The Shield" sowie aus diversen Joel Silver-Produktionen wie "Exit Wounds" oder "Romeo Must Die") und Adam Brody (Seth Cohen aus "O.C. California", "Cop Out" oder "Jennifers Body") bleiben in ihren Nebenrollen als Deputies eher farblos. Ihre Charaktere hätten ausbaufähiger sein können, leider dienen sie nur als Kanonenfutter für den Slasher-Gehalt.
Handwerklich ist auch der vierte "Scream" grundsolide. Wes Craven inszeniert stilsicher und routiniert wie eh und je, das Drehbuch von Williamson sorgt für eine Menge falscher Fährten, die das Rätselraten um die Identität der beiden Killer bis zum Finale spannend gestalten.
Marco Beltramis Score ist allerdings im Vergleich zu seinen früheren Kompositionen deutlich schwächer ausgefallen. Vereinzelte Leitmotive des Originals haben ihren Wiedererkennungswert, insgesamt ist der Soundtrack aber etwas zu einfallslos ausgefallen.
Nach anfänglichen - wenn auch unbeabsichtigten - Startschwierigkeiten entwickelt sich auch der vierte "Scream" schnell zu einem spannenden und temporeichen Horror-Thriller, der mit sorgfältig gesetzten Schocks, unerwarteten Wendungen und einer überraschenden Auflösung das Nervenkostüm des Zuschauers kitzelt und ein ebenbürtiger Vertreter der Reihe geworden ist.
Trotz neuer Regeln und neuer Gesichter ist Wes Craven auch in der neuen "Scream"-Ära ein Old School-Slasher gelungen, der sich auf solides Handwerk verlässt ohne zu einer CGI-Effektorgie zu verkommen.
Darauf einen Dujardin und 7,5/10