Ghostface gegen die Popkultur
Als Wes Craven 2011 mit der vierten Runde seiner legendären Meta-Slasher-Reihe zurückkehrte, war das Genre selbst längst zu einer Art Recyclinganlage geworden. „Saw“ hatte den Torture-Porn institutionalisiert, „Paranormal Activity“ machte aus flackernden Schlafzimmerkameras ein Geschäftsmodell, und Hollywood liebte vor allem eines: Remakes. Alles wurde neu aufgelegt – „Halloween“, „Friday the 13th“, „A Nightmare on Elm Street“. Der Horrorfilm befand sich in einer Endlosschleife.
Also tat „Scre4m“ das Einzige, was die Reihe schon immer am besten konnte: Er machte die Schleife zum Thema.
Der Film beginnt mit einer dieser berühmten, verschachtelten „Scream“-Eröffnungen – ein Spiel im Spiel im Spiel. Teenager schauen Horrorfilme, die wiederum Horrorfilme über Teenager zeigen, die Horrorfilme schauen. Es ist ein cineastischer Spiegelkorridor, der sich immer weiter multipliziert, bis man kaum noch weiß, wo Realität und Parodie anfangen. Craven inszeniert das mit einer Gelassenheit, die nur jemand besitzt, der das Genre seit Jahrzehnten von innen kennt. Er weiß genau, wie lange er die Spannung dehnen kann, bevor das Messer fällt.
Und dann fällt es natürlich.
Die Handlung bringt uns zurück nach Woodsboro, jenem idyllischen amerikanischen Städtchen, das inzwischen so etwas wie Ground Zero der Popkultur-Morde ist. Sidney Prescott (Neve Campbell) kehrt für eine Buchpromotion zurück – ein Detail, das perfekt in die ironische Selbstreflexion des Films passt. Die ehemalige „Final Girl“ ist jetzt eine Überlebens-Influencerin avant la lettre, eine Frau, deren Trauma in Bestsellerform verkauft wird.
Campbell spielt Sidney mit einer ruhigen, abgeklärten Härte. Sie ist kein panisches Opfer mehr, sondern eine Figur, die weiß, dass sie Teil eines Systems geworden ist – eines Systems, das ihre eigene Geschichte immer wieder neu verwertet. Wenn Ghostface wieder anruft, wirkt es fast wie ein alter Bekannter, der zu lange weg war.
Neben ihr kehren auch die alten Weggefährten zurück: Courteney Cox als Gale Weathers, inzwischen in einer Ehe- und Karrierekrise gefangen, und David Arquette als Sheriff Dewey Riley, der immer noch wirkt, als hätte ihn das Leben leicht überfordert. Ihre Dynamik bringt eine angenehme Nostalgie ins Spiel – eine Art ironischen Klassentreffen-Tonfall, der dem Film ein emotionales Fundament gibt.
Doch „Scre4m“ gehört vor allem der neuen Generation.
Emma Roberts als Jill, Sidneys Cousine, ist das perfekte Produkt der YouTube-Ära: hübsch, smart, leicht genervt von der Welt – und vor allem völlig sozialisiert in einer Kultur permanenter Selbstinszenierung. Ihre Clique diskutiert Horrorfilmregeln nicht mehr anhand von VHS-Klassikern, sondern anhand von Remakes, Reboots und viralen Clips. Die berühmten „Regeln“ der Reihe sind inzwischen selbst zu einem Franchise geworden.
In einer besonders schönen Szene erklärt Filmnerd Charlie mit professoraler Begeisterung die Regeln eines modernen Horrors:
„It’s not a reboot. It’s a requel.“
Das Wort existierte 2011 noch nicht wirklich, aber Craven versteht bereits, was Hollywood bald perfektionieren würde: Nostalgie als Geschäftsmodell. „Scre4m“ wirkt heute fast prophetisch – ein Film über eine Kultur, die ihre eigenen Ikonen immer wieder neu verpackt, bis sie zu Marken werden.
Visuell bleibt Craven dem Stil der Reihe treu. Die Kamera von Peter Deming gleitet durch Häuserflure, Schlafzimmer und Gartenpartys mit einer unauffälligen Eleganz, die Spannung erzeugt, ohne sich aufzudrängen. Viele der Morde passieren in überraschend hellen, alltäglichen Räumen – Küchen, Wohnzimmer, Vorgärten. Das Böse lauert nicht im Schatten, sondern mitten im amerikanischen Vorstadtlicht.
Was „Scre4m“ jedoch wirklich zusammenhält, ist Cravens Verständnis für Timing. Seine Inszenierung wirkt nie gehetzt, obwohl der Film voller Popkulturreferenzen ist. Die Dialoge haben einen Rhythmus, der fast screwballartig wirkt – Figuren reden schnell, ironisch, manchmal leicht zynisch. Und dann, mitten im Gespräch, bricht plötzlich Gewalt herein.
Ghostface selbst bleibt dabei eine der elegantesten Horrorfiguren der letzten drei Jahrzehnte. Anders als die stummen Titanen des Genres – Michael Myers oder Jason Voorhees – ist er ein gesprächiger Killer. Seine Waffe ist nicht nur das Messer, sondern auch der Telefonhörer. Er flirtet mit seinen Opfern, spielt mit ihnen, analysiert sie. Mord als Gesprächskunst.
Natürlich stellt sich irgendwann die klassische „Scream“-Frage: Wer steckt unter der Maske?
Die Auflösung gehört zu den bissigsten Momenten der gesamten Reihe. Ohne zu spoilern: Craven und Drehbuchautor Kevin Williamson verwandeln den finalen Akt in eine Art medienkritisches Kabinettstück. Es geht um Aufmerksamkeit, um Ruhm, um die absurde Logik einer Kultur, in der Berühmtheit wichtiger geworden ist als jede moralische Kategorie.
In einer Welt von Reality-TV und Social Media – so scheint der Film zu sagen – ist selbst ein Serienkiller nur noch ein Content Creator.
Dass „Scre4m“ dabei gleichzeitig brutal, witzig und erstaunlich melancholisch ist, macht ihn zu einem merkwürdigen Spätwerk. Wes Craven inszeniert hier nicht einfach einen weiteren Slasherfilm. Er dreht einen Film über das Altern eines Genres – und vielleicht auch über das Altern eines Regisseurs, der seine eigene Schöpfung noch einmal seziert.
Als „Scre4m“ 2011 erschien, wirkte er für manche Zuschauer wie eine verspätete Rückkehr. Heute sieht man ihn eher als Übergangsfilm: ein letzter, cleverer Kommentar eines Horror-Meisters, bevor Hollywood endgültig in die Ära der Reboots und „Legacy Sequels“ eintrat.
Oder anders gesagt: „Scre4m“ ist der seltene Slasher, der nicht nur fragt, wer stirbt als Nächstes – sondern auch, warum wir immer noch zuschauen.