Manchmal genügt doch noch eine flotte Idee, um einem oder mehreren Genres etwas frischen Wind zu verleihen und so geht es auch Joe Cornishs "Attack the Block", der usprünglich auf der Idee beruhte, eine Storyline wie "Signs" in einem Süd-Londoner Umfeld anzusiedeln.
Das heißt also in aller Simplizität: anonyme Wohnblöcke, sozial schwaches Umfeld, unberechenbare Jugendliche und dann einfach eine Alieninvasion in den Mix werfen.
Die Idee ist so untypisch, daß es ein paar Jahre dauerte, bis eine Finanzierung gesichert war, aber rückblickend ist das Ergebnis erfrischend genug für all die Mühe.
Was schlußendlich dem Zuschauer präsentiert wird, ist ein Genremix, der viel besser als in anderen Beispielen den individualistischen Ton der unabhängigen Kultfilme der Spätsiebziger und Frühachtziger trifft, ohne sich wirklich darum zu bemühen.
In gedrängten Locations, der Film spielt fast ausschließlich in einem Hochhaus-Wohnblock und wenigen angrenzenden Straßen und Plätzen, genügt ein Abend, eine Nacht, für ein klassisches Invasions- und Belagerungsszenario. Cornish entwirft mit wenigen Federstrichen einige Figuren, eine jugendliche Fünfergruppe, die gern kifft, große Sprüche reißt und schon mal Passanten in der Dunkelheit ausraubt. Dazu das Opfer, eine junge Krankenschwester; einen kleinen Drogenboß, dessen Innenplantagenverwalter (ein routiniert agierender Nick Frost als einziges bekanntes Gesicht), einen Kumpel und zwei Kinder im besten Goonie-Modus, die sich nebenbei in der Szene herumtreiben.
Viel mehr als die stille nächtliche Anlage, eine Menge Feuerwerk (es ist die Guy-Fawkes-Nacht im November) und die leeren, anonymen Gänge des Blocks braucht man dann nicht, um so viel Spannung und Dramatik wie möglich aus der Story herauszuquetschen.
Gedreht mit jugendlichen Laiendarstellern bekommt man dann als Regisseur auch den originären Tonfall der Moderne hin, so daß es nun nur noch an den Aliens mangelt, die in einem kreativen Geniestreich als nachschwarze Fellbündel dargestellt hat, von denen man in der Dunkelheit nur das silbern schimmernde Gebiß ausmachen kann, weil ihr Fell sämtliches Licht schluckt. Im Plot als Gorilla-Wolf-Motherfucker bezeichnet, trifft die Umschreibung den Eindruck sehr gut.
Die gerade mal knapp über 80 Minuten erweisen sich dann als Reduktion pur: Verfolgungsjagden und Verschanzen, Selbstverteidigung und Überzeugungsarbeit, Milieustudie ohne überflüssigen Krimskrams. Trotzdem kriegt Cornish alles unter: SF, Horror, Action, etwas Sozialdrama (angesichts der Schicksale der Jugendlichen), etwas Tragik und einen nötigen Schuß Komödie, der sich aus Kifferwitzchen und dem Szeneslang ergibt, niemals aufgesetzt wirkt.
Damit nähert er sich praktisch unbewußt dem typischen Carpenter-Movie an, der auch in begrenzten Tableaus eine innere Filmlogik erschuf. Auch hier haben die Aliens einen Grund für ihre Anwesenheit, nicht die totale Invasion der Erde, sondern ein Effekt, der von den Jugendlichen selbst hervorgerufen wurde, eben weil sie in einer Form von Underdogstolz ihren Einzugsbereich verteidigt haben.
Bis aber klar wird, was die Aliens zu ihrer Angriffstaktik bewegt, wird man mit Rasanz bei der Stange gehalten, immer wieder tauchen die "gorillas" überraschend auf oder wirbeln die Szenerie durcheinander. Der Angriff auf einen Polizeiwagen, in dem sich Opfer wie Delinquent befinden, preßt das Maximum aus Buddy-Szenarios, die anschließende Motorroller- und BMX-Verfolgungsjagd hat den nötigen Drive. Noch stärker wird der Effekt bei Szenen in der Tiefgarage oder schließlich in einer meisterhaften Sequenz, in der sich die Überlebenden erst in einer Wohnung den Angreifern erwehren müssen (Zusammenarbeit) um sich dann mittels Feuerwerkskörpern in einen sicheren Hafen zurückziehen zu müssen, was aber dazu führt, das sie sich selbst eine Todesfalle basteln, als der Rauch die Topographie der Hochhausflure entscheidend vernebelt.
In kleineren Häppchen gibt es dann, und das ist lobenswert, auch etwas Blut zu sehen, niemals selbstzweckhaft oder grotesk, aber aufblitzend doch sehr herb, wobei es Cornish sich nicht nehmen läßt, selbst die Figuren zu dezimieren, mit denen er offenbar sympathisiert.
All das ist nicht weltbewegend, aber geschickt ausbalanciert und nicht zu sehr auf eine Zielgruppe oder eine Alterdekade zugeschnitten. Absurditäten außerhalb des Alien-Plots halten sich im Rahmen und der unvermeidliche Rap- und Elektroscore stören ausnahmsweise die Atmosphäre auch nicht.
So stößt Cornish mit seinem Langfilmdebüt zwar nicht die alten Meister vom Podest, liefert aber einen mehr als spannenden und unterhaltsamen Film für alle jungen Erwachsenen ab, den man mal nicht von A bis Z ab Szene 3 vorhersagen kann. Oder wie es einer der Jugendlichen ausdrückt: "This ain't Pokemon!" - no Shit! (7,5/10)