Review

John (Michael Lerner) ist Ende Dreißig, Krankenpfleger in einer Augenheilklinik und lebt noch bei seiner dominanten Mutter (Zelda Rubinstein). Beide haben eine Obsession: Augen. Wegen ihres Augenleidens stiftet die psychisch gestörte Mutter ihren Sohn zum Morden an. Ferner soll er seinen Opfern die Augen entnehmen und sie seiner Mutter bringen. IM AUGENBLICK DER ANGST befasst sich zu Beginn mit der Schilderung der Gräueltaten der beiden Psychos bis es zum Cut kommt, sich die Kamera von der Leinwand abhebt und ins Publikum zoomt. Die Geschichte von John und seiner Mutter, so stellt sich heraus, ist nämlich nur ein Film, den sich ein Publikum im Kino ansieht. Im Publikum sitzen die beiden Freundinnen Patty und Linda. Eine von ihnen beschleicht der Verdacht, dass sich nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im Kino ein Killer herum treibt…

„Von jetzt an werden alle Augen dieser Stadt uns gehören!“

IM AUGENBLICK DER ANGST ist ein interessantes, vom spanischen Regisseur Bigas Luna konstruiertes Stück Horrorfilm, das – im Vergleich zu dem, was Ende der 80er populär war – so richtig schön aus der Art schlägt und erfrischend unamerikanisch daherkommt. Zunächst einmal die verkorkste Mutter-Sohn-Beziehung, die Norman Bates wie ein Paradebeispiel für geistige Gesundheit erscheinen lässt. Augen sind ein zentraler Gegenstand im Film, sowohl in intakter, als auch in herausgeschnittener Form, eine fiese Augen-OP, die Erinnerungen an EIN ANDALUSISCHER HUND wach werden lässt. Dann die trickreiche Film-im-Film-Thematik, bei der man sich wahrlich in allen Belangen als verängstigter Zuschauer wieder erkennt. Der Film spielt mit visuellen, beinahe hypnotischen Elementen. Spiralen drehen sich im Schleudergang, was Augenkoller verursacht, so dass man wie das Publikum im Film geneigt ist, ins Delirium zu fallen. Als dann gegen Ende das Geschehen auf der Leinwand und das Geschehen im Kino beginnen parallel abzulaufen, verwischen tatsächlich Realität und Fiktion und die Illusion ist perfekt. Ein Killer auf der Leinwand, einer im Kino. Der eine, der sich den anderen zum Vorbild genommen hat oder vielleicht tatsächlich vom Film hypnotisiert, von der Macht des Kinos zum Morden getrieben wurde?

IM AUGENBLICK DER ANGST ist eine Hommage an den Horrorfilm, eine heimliche Verbeugung vor der Macht des Kinos. Am Ende des Films meint eine Zuschauerin, der Killer im Film würde ihr von der Leinwand aus das Auge ausstechen. Hier weist IM AUGENBLICK DER ANGST darauf hin, dass ein gelungener Horrorfilm tatsächlich in der Lage sein kann, dem Publikum physisches Leid zuzufügen. Zwar nicht in der Form des Augenausstechens, aber wer kennt bitte nicht die Beklommenheit, die Unsicherheit, wenn man allein nach einer Spätvorstellung spät nachts nach Hause gehen muss. Wer hat sich noch nicht über einen Film tage- oder wochenlang das Hirn zermartert oder mit Freunden darüber diskutiert. Und wer kennt es nicht, dass sich einem die Nackenhaare aufstellen, wenn im Film ein wehrloses Opfer weggeschleift wird und ihm beim Versuch sich irgendwo festzuklammern, die Fingernägel abbrechen. Blutdruck, Puls, Schwitzen, Zittern… - dass das Kino die Macht hat, tief in unser Bewusstsein, ja selbst in unser Unterbewusstsein vorzudringen, möglicherweise sogar unser Handeln und Denken steuert, ist bekannt. Dieser Film verdeutlicht es noch einmal in Perfektion.

„Es befindet sich ein Wahnsinniger im Kino. Bitte bleiben Sie ruhig!“

Fazit:
Film im Film im Film im Film. Wo hört Film auf? Wo fängt Realität an? Und was ist, wenn die dünne Linie dazwischen einen Riss bekommt? Netter Killerfilm mit brillanten filmischen Mitteln und hammerharter Aussage.

Details
Ähnliche Filme