Bei meiner Kritik von Stuart Simpsons El Monstro del Mar! habe ich - etwas vorschnell - behauptet, daß dieses Jahr wohl kein schönerer, coolerer Low-Budget-Genrefilm meinen Weg kreuzen wird. Nun, in Bezug auf "coolerer" habe ich nach wie vor keinerlei Bedenken; der Titel "schönster Genrefilm des Jahres" geht aber definitiv an The Whisperer in Darkness.
Die Mannen der H. P. Lovecraft Historical Society haben wieder zugeschlagen. Sechs (lange) Jahre nach dem famosen The Call of Cthulhu liegt nun, endlich, The Whisperer in Darkness vor. Im Oktober des Jahres 2007 erschien ein erster Teaser zu diesem ambitionierten Projekt, und dieses Appetithäppchen war so verdammt vielversprechend, daß die Fans voller Vorfreude wie Pawlowsche Hunde zu sabbern begannen. Seit damals ist viel Sabber den Fluß der Zeit hinuntergelaufen, aber gut Ding braucht nun mal Weile, und vier Jahre später war es dann soweit und das neue Werk wurde der Öffentlichkeit präsentiert. Wenn es ein Leben nach dem Tode gibt, dann bin ich mir sicher, daß H. P. Lovecraft äußerst zufrieden grinst, wo immer er auch gerade sein mag. Und selbst der große Cthulhu wird seiner häßlichen Fratze nach Ansicht des Filmes ein anerkennendes Lächeln abringen.
Das grobe Konzept von The Whisperer in Darkness ist ähnlich wie bei The Call of Cthulhu: was wäre, wenn der Film in dem Jahr entstanden wäre, in dem Lovecrafts Geschichte im Magazin Weird Tales (August 1931) erstmals erschienen ist? Folgerichtig ist der im Mythoscope-Verfahren gedrehte Film in kontrastreichem Schwarzweiß und entfacht einen wunderbar altmodischen Charme, der an diverse Klassiker erinnert, die um diese Zeit entstanden sind (wie z. B. Frankenstein, Island of Lost Souls, Freaks, King Kong). Wer Lovecrafts zugrundeliegende Erzählung kennt, weiß in etwa, was ihn erwartet. In etwa deshalb, da die Drehbuchautoren Sean Branney und Andrew Leman, um die Geschichte filmtauglich zu machen, einiges hinzufügten, ohne jedoch die Essenz der Vorlage zu verwässern (selbst das actionreiche Finale fügt sich perfekt ins Geschehen ein). So macht der Protagonist Albert Wilmarth bereits gegen Mitte des Filmes die haarsträubende Entdeckung, mit der Lovecrafts Geschichte endet.
Die im Cthulhu-Mythos angesiedelte Handlung ist schnell erzählt. Albert Wilmarth (Matt Foyer), ein Wissenschaftler der Miskatonic Universität und Experte in Sachen Folklore und Legenden, wird von George (Joe Sofranko) und Henry Akeley (Barry Lynch) kontaktiert, in deren Nähe (= das Hügelland und Waldgebiet in Vermont) sich angeblich grausige Kreaturen tummeln, die bestimmt nichts Gutes im Schilde führen. Bald schon sieht sich der ungläubige und rational denkende Wilmarth Dingen gegenüber, die seine schlimmsten Alpträume bei weitem übertreffen. An der Seite von Albert Wilmarth - der zu Beginn etwas unsympathisch und arrogant erscheint - taucht man als Zuschauer in die faszinierende Geschichte ein, geht mit ihm auf eine Reise ins Ungewisse, und steht schließlich dem von Lovecraft oft heraufbeschworenen, kosmischen Grauen Auge in Auge gegenüber.
Trotz der diversen Abänderungen des Drehbuchs trifft The Whisperer in Darkness den unheimlichen Ton der Vorlage so punktgenau, daß man seiner Begeisterung nur flüsternd Ausdruck zu verleihen wagt. Als Zuschauer sollte man eine ordentliche Portion Geduld mitbringen, da sich die Geschichte so langsam wie unaufhaltsam entfaltet (das war bei Lovecraft jedoch nicht anders), und lange Zeit bleibt die seltsame Bedrohung vage und nebulös. Die Macher beherrschen ihr Metier souverän, spielen mit Schatten (eine großartige Szene wird z. B. gänzlich als Silhouette umgesetzt) ebenso wie mit Geräuschen (beim unheimlichen Rascheln und Klacken, als Wilmarth nachts im Bett liegt, rieselten kalte Schauer über meinen Rücken), und setzen lichtspendende Petroleumlampen ebenso effektiv ein wie heftige Gewitter und starken Regen (und es regnet oft in Vermont). Das stimmige Produktionsdesign und die mit viel Liebe zum Detail kreierte Ausstattung sind ebenso umwerfend wie David Robertsons exzellente Kameraarbeit und Troy Sterling Nies' starker (Orchester-)Score. Die Spezialeffekte - egal ob Modelle, Miniaturen oder Stop-Motion - sind in Anbetracht des niedrigen Budgets schlichtweg sensationell; selbst der dezente Einsatz von CGI überzeugt auf allen Linien.
Lovecraft-Puristen dürften sich vielleicht an der Person Hannah Mastersons (kongenial verkörpert von der etwa zwölfjährigen Autumn Wendel) stören, da junge Frauen in den Geschichten des Kultschreibers kaum vorkommen. Da dieser Figur jedoch einige Bedeutung zukommt und sie zudem einen nicht zu unterschätzenden emotionalen Faktor ins Spiel bringt, sollte dieser Aspekt leicht zu verschmerzen sein. Und apropos Emotionen: wenn man sieht, mit wie viel Enthusiasmus und Leidenschaft die Macher bei der Sache waren und wie viel Herzblut sie in dieses Projekt investiert haben (im umfangreichen, staunend machenden Making-Of wunderbar ersichtlich), dann freut einen das beeindruckende Ergebnis um so mehr.
The Whisperer in Darkness ist ein phantastisches, stimmungsvolles Horrorabenteuer, das fasziniert, mitreißt und auf schaurig-schöne Weise prächtig unterhält. Ein Film von Fans für Fans. Ganz großes Independent-Kino!