"Vamps" wirkt - wenn man es nicht besser wüsste - wie das Debut einer jungen, frisch der Filmhochschule entkommenen Regisseurin: voller Begeisterung und zugleich etwas plump zitiert der Film in schöner Regelmäßigkeit Klassiker der Filmgeschichte, die nun wirklich jeder kennt, der sich für Filme interessiert - Hollywoods goldene Ära und der deutsche Stummfilm werden von "Das Cabinet des Dr. Caligari" (1919) über "Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens" (1921) und "Metropolis" (1927) bis hin zu Charlie Chaplin, Bela Lugosi, Groucho Marx und James Cagney zitiert. Für den "Chien andalou" (1928) ist dabei dann ebenso noch ein bisschen Platz übrig, wie auch für eine kleine Verbeugung vor "Carnival of Souls" (1962) und Kracauers "Von Caligari zu Hitler" (1947), einem dieser - inzwischen oftmals kritisch betrachteten - Standard-Texte aus dem Feld der Filmtheorie... Es gesellt sich dann noch ein Humor hinzu, der nicht gerade sonderlich subtil ist; vielmehr legt er es auf einem recht klamaukigen Niveau darauf an, die eigentümliche Poesie des Vampirfilms parodistisch ins Profane zu zerren: weibliche Vampire schweben bloß, weil sie sich ihre Absätze nicht ruinieren wollen (das kommt einem bereits aus Mel Brooks plumpen "Dracula: Dead and Loving it" (1995) bekannt vor), telepathische Kontaktaufnahmen sind nicht weniger nervig als die endlosen Messages, die die Telekommunikation über die Menschheit gebracht hat, Ratten werden nur mit einem Strohhalm ausgesaugt - und überhaupt lässt sich regelmäßig eine Diskrepanz zwischen der Schönheit der Vampirdamen (immerhin: Krysten Ritter & Alicia Silverstone) und den Notwendigkeiten des Vampirlebens (das Abschütteln der Erde vom Seidennachthemd nach dem Aufstehen, das Blecken der Eckzähne bei der Nutzung des Lippenstifts) bemerken... Und dann wäre da noch die Handlung, die zu einem nicht unerheblichen Teil aus einer RomCom im Uni- & Party-Milieu gebildet wird.
Aufhorchen lässt einen dann jedoch der Einsatz von Ikonen der jüngeren Musikgeschichte: Adam Ant, The Cure, The Clash, The Bangles, Devo und Ozzy Osbourne werden unter anderem zitiert; und eine der Vampirinnen erklärt nach dem Geschlechtsverkehr, sie habe seit den frühen 80ern nicht mehr solchen Spaß gehabt. Und tatsächlich war Amy Heckerling bereits 58 Jahre alt, als sie "Vamps" vorlegte; was auf den ersten Blick nichts weiter ist als eine neue Variation ihrer (übrigens deutlich besseren) Teenie- & Familienkomödien (mit dem von John Hughes geschriebenem "European Vacation" (1985) und "Clueless" (1995) als einsamen Höhepunkten), wird dann doch um einen bedeutsamen Punkt erweitert: Der Vampirfilm ist nicht bloß willkürlich gewählt worden; er gibt vielmehr den Rahmen ab, der es Amy Heckerling erlaubt, ausgerechnet mit Teeniefilm-Klischees die Erfahrung des Alterns (oder gar des Aus-der-Zeit-Gefallenseins) zu verarbeiten.[1] Das geschieht zwar ohne ernstere Untertöne, ohne übermäßig viel Wehmut, aber - es geschieht: Goody (Silverstone), im Jahre 1840 vampirisiert, ist äußerlich relativ jung, muss aber regelmäßig feststellen, dass ihre "gleichaltrig" wirkenden Mitmenschen weder dieselbe Musik hören, noch dieselben Filme schauen; und wenn sie dann zu nahezu jedem Gebäude der Umgebung dessen Geschichte durchs gesamte 20. Jahrhundert zurückverfolgen kann, muss sie sich stets mit dem History Channel herausreden. (In Jarmuschs freilich ungleich besseren "Only Lovers Left Alive" (2013) wird einem diese Situation wiederbegegnen: aus dem History Channel wird dort Youtube.)
Immer wieder kreist der Film in Haupt- & Nebensträngen darum, dass man sich im Alter teilweise automatisch anpasst, in anderen Dingen aber seiner Generation verwurzelt bleibt; darum, dass manche Dinge sich ständig, andere Dinge sich niemals ändern; darum, dass Liebe und Sex die Altersgrenzen überbrücken können; oder darum, dass man jünger sein kann, als man aussieht - oder älter. (Da ergeben die 30jährigen in Mittzwanziger-Rollen geradezu rundum Sinn.) Es liegt auf der Hand, dass diesen Situationen keine tiefschürfenden Erkenntnisse abgewonnen werden; aber immerhin vermag der Film es zumindest theoretisch, zwei Zielgruppen gleichermaßen anzusprechen: die heutige Jugend und die Altersklasse Heckerlings; besonders erfolgreich ist der Film dann aber dennoch nicht geworden: womöglich weil die Gags häufig zu albern und die Effekte oftmals zu schlecht geraten sind.
Dabei ist der Plot an sich durchaus gelungen (wenngleich nicht umwerfend): Stacy (Ritter), Goodys erst in den 1990er Jahren vampirisierte Freundin (die bis kurz vor Filmende über das wahre Alter von Goody im Unklaren bleibt), stammt wie ihre Freundin von derselben Stammesvampirin (Sigourney Weaver) ab, die sich im Gegensatz zu ihren Zöglingen, welche sich mit anderen Vampiren - darunter Dracula (Malcolm McDowell) - wie anonyme Alkoholiker treffen, um über den Umstieg auf Tierblut zu debattieren, von Menschenblut ernährt. Während Goody im Verlauf des Films ihren gealterten 68er-Freund kennen und erneut lieben lernt, kommt Stacy einem jungen Filmstudenten nahe, dessen Vater (Wallace Shawn) als Van Helsing-Nachkomme ein fanatischer Vampirjäger ist. Als Stacy schwanger wird, gilt es [Achtung: Spoiler!] zum Wohl des Kindes das Vampirdasein aufzugeben: zu diesem Zweck muss - so die launige, aber ergiebige Prämisse des Films - die Stammesvampirin enthauptet werden, was mit der Hilfe der Van Helsings bewerkstelligt wird. Stacy kann also am Ende des Films als 40jährige, normalsterbliche Mutter mit ihrem Partner glücklich werden, während Goody rasant zur 200jährigen Greisin altert und nach einem erfüllten Leben & einem letzten Laugenbrezel am Times Square zu Asche zerbröselt, die sich im Wind verteilt.
Unübersehbar steht "Vamps" mit seinem behandelten Gegensatz zwischen Moral und Trieb, mit seiner Thematisierung des Alterns und einer mehrere Generationen umfassenden Lebenserfahrung in einer Tradition von Anne Rices Romanen und Neil Jordans Rice-Verfilmung "Interview with the Vampire: The Vampire Chronicles" (1994); selbst Jordans Kniff, eine Nähe zwischen dem jahrhundertealten Vampir und dem Kino selbst vorzuführen, findet hier Verwendung und weist das Kino als Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit aus - womit auch der Versuch einhergeht, etablierte Klassiker einem jungen Publikum schmackhaft zu machen. Insgesamt ist "Vamps" freilich nicht viel mehr als eine moralisierende RomCom, die das Subgenre des Vampirfilms vor allem dazu nutzt, um das Altern zu thematisieren. Neben den kleinen Auftritten von Weaver, Shawn und McDowell ist es dann auch vor allem dieser sympathische Grundzug - dass Heckerling mit fast 60 Jahren noch immer ihrer jugendlichen Ausgelassen- & Albernheit nachgehen und dennoch zugleich das Älterwerden ansprechen kannn, dass sie Altbekanntes wiederholen und in der Wiederholung eine Abweichung aufscheinen lassen kann - der die Sichtung eines ziemlich mäßigen Films doch empfehlenswert werden lässt; zumal "Vamps" keinesfalls als bloße Selbsttherapie einer gealterten Filmemacherin auftritt, sondern eher als nostalgischer, aber trotzdem mit der Zeit gehender Rückblick für ein Publikum, das mit "European Vacation" oder "Fast Times at Ridgemont High" (1982) groß geworden ist.
4,5/10
1.) Teeniefilm trifft es nur teilweise: Silverstone war beim Dreh bereits 36, sieht jünger aus und spielt eine bald 200jährige Vampirin, Ritter war 31, wird im Film von ihrem Gegenüber auf 17 Jahre geschätzt (wobei freilich ein paar Jährchen draufzuschlagen wären, wenn man den Flirt- & Komplimente-Modus ausschaltet) und hat als Vampirin 40 Jahre auf dem Buckel, wobei sie mit 20 gebissen worden sein soll. (Beide Figuren werden auf dem Covertext der koch media-DVD als "Mitte Zwanzig" eingestuft.) Ihr Lover, ausgerechnet ein Nachkomme der Van Helsings, ist 25 (glaubt jedoch, man könne ihn womöglich für einen 20jährigen halten) - wird jedoch vom 30jährigen Dan Stevens gespielt.