Review

Der neurotische Sozialphobiker und „Muttersöhnchen“ Elling sowie sein Kumpel Kjell Bjarne, ein grobschlächtiger, einfach gestrickter Verhaltensauffälliger, sind die beiden Hauptfiguren, um die sich diese norwegische Komödie von Regisseur Petter Næss aus dem Jahre 2001 dreht. Ich tat verdammt gut daran, dem mir zugeflüsterten Geheimtipp zu folgen und diesen Film zu erwerben, denn „Elling“ ist eine ganz wundervolle Komödie um zwei Außenseiter, Freaks, schräge Vögel, gescheiterte Existenzen, Klapsbrüder, wie auch immer man sie nennen mag, die sich in der Psychiatrie kennengelernt haben und im Rahmen eines staatlichen Resozialisationsprogramms in eine gemeinsame Wohnung und damit in die Freiheit und den mit ihr einhergehenden, als insbesondere von Elling bedrohlich empfundenen Alltag entlassen wurden. Dabei werden die beiden psychisch Kranken keinesfalls für billigen Klamauk verheizt, im Gegenteil: Quasi als Antithese zu überfrachteten Hollywood-Blockbustern erzählt „Elling“ unaufdringlich und vollkommen kitschfrei eine herzliche, mutmachende Geschichte übers Fußfassen im Leben, darüber, endlich auf eigenen Beinen zu stehen und den Alltag zu meistern, seine eigene, individuelle Nische zu finden, seinen ganz persönlichen Weg zu Glück und Erfüllung, die in vermeintlichen Selbstverständlichkeiten liegen können. Als ich Elling dabei beobachtete, wie er sein Schneckenhaus immer mehr verlässt und die Stadt nach und nach erkundet, fühlte ich mich unweigerlich an meine eigene Gefühlswelt erinnert, als ich seinerzeit von zu Hause auszog – mit dem Unterschied, dass es sich bei Elling und Kjell Bjarne (der übrigens stets bei seinen zwei Vornamen genannt wird – soviel Zeit muss sein) um zwei Herren bereits mittleren Alters handelt. Diesen allzeit präsenten Umstand hebt der Film allerdings nicht künstlich hervor, sondern stellt es als ganz selbstverständlich an, es auch in diesem Alter noch zu versuchen, nicht aufzugeben und sich gegenüber den Annehmlichkeiten des Lebens zu öffnen, die z. B. in Literaturlesungen oder einem restaurationsbedürftigem Buick („Warum kennt jeder den Namen dieses Autos?!“) liegen können. Denn selbst die Liebe erhält dann sogar noch eine Chance, wie Kjell Bjarne anhand der schwangeren Nachbarin am eigenen Leibe erfahren darf. Beim Entdecken der Welt, die zunächst einmal nur die nähere Umgebung ist, gerät das ungleiche Duo in allerlei überaus gelungene Situationskomik, wobei der Humor oft auch im Detail liegt. Doch Næss verklärt die beiden nicht zu unterhaltsamen Clowns, sondern fügt dem Film auch eine tragische Note hinzu und zeigt, dass ein neurotischer Elling auch ganz schön unfair sein und nerven kann, wenn die Dinge einen anderen Lauf nehmen, als er es gern hätte. Zusammenfassend kann man vielleicht sagen: Die positive Aussage „Ellings“ erklärt den Alltag zum Abenteuer und harmlose Verrückte zu wichtigen Mitgliedern der Gesellschaft. Dabei schauspielern Ellefsen und Nordin so überzeugend, dass man ihnen ihre Rollen zu jedem Zeitpunkt voll und ganz abnimmt und deren Qualitäten mich hin und wieder gar an die eines Duos Richard/Depardieu erinnern. Mit vermutlich kargem Budget, völligem Verzicht auf jegliche Effekthascherei und einem starken Drehbuch, das besonders die leiseren Zwischentöne beherrscht, wurde „Elling“ nicht nur zu einem Wohlfühlfilm der Klasse einer „fabelhaften Welt der Amelie“, der genau meinen Nerv trifft, sondern auch ein für den Auslands-Oscar nominierter Kassenschlager in Norwegen. Dennoch sollte klar sein, dass, um die positive Ausrichtung nicht zu gefährden, das Drehbuch gewisse schwerwiegendere Probleme, die bei derartigen Krankheitsbildern normalerweise auftreten, nahezu gänzlich umschifft - was aber nichts an der inspirierenden Wirkung möglicherweise sogar besonders für selbst Betroffene ändert. Neu war mir allerdings, dass man in Norwegen auch so versessen auf Sauerkraut ist…

Unbedingt anschauen, denn ein wenig von Elling und Kjell Bjarne steckt doch in jedem von uns, oder?

Details
Ähnliche Filme