„Die Figuren reden wie Sissi, aber sie benehmen sich, als wären sie aus Harlem.“ (Logolt, hollyglade.com)
Vor Österreichern unter kollektivem Einfluss eines Sonnenstichs sollte man sich an Acht nehmen… suggeriert zumindest Ulrich Seidls dramatische, bitterböse Satire aus dem Jahre 2001, nach mehreren Dokumentarfilmen sein erster Spielfilm. In einer klinisch, leblos und trist wirkenden Neubausiedlung einer Wiener Vorstadt wurden sechs episodenartige Handlungsstränge angesiedelt, die parallel zueinander stattfinden und in chronologischer Abfolge gezeigt werden, wobei sie sich teilweise gegenseitig berühren. Zunächst ist es sehr gewöhnungsbedürftig und aufgrund des breiten Wiener Akzents für deutsche Zuschauer sicherlich etwas sperrig, die einzelnen Charaktere dabei zu beobachten, wie sie sich sonderbar und fragwürdig verhalten, doch hat man sich erst einmal auf den Film eingelassen, wird er ungemein fesselnd und der Zuschauer immer mehr zum ungläubigen Voyeur. Die Protagonisten entstammen unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und Altergruppen, haben aber alle gemein, dass sie einen höchst einsamen, unglücklichen, seelisch verkümmerten Eindruck machen und sich die eigene Unzufriedenheit in aggressivem, respektlosem, egozentrischem oder schlicht unbeholfenem Umgang mit den Mitmenschen zum Ausdruck bringt, die als Ventile für unterdrückte Wut, Trauer und Frustration herhalten müssen. Das mit anzusehen ist schwer verdaulich und allein schon durch die möglichst authentische, an „Dogma 95“-Filme gemahnende unverfremdete Inszenierung Seidls, der mit vielen sich quasi selbst spielenden Laiendarstellern drehte, überaus beängstigend – insbesondere dann, wenn man ähnliche Verhaltensmuster nicht nur aus Zeitung und Boulvard- oder „Reality-TV“ kennt, sondern sie in seinem Umfeld beobachten konnte oder man in einzelnen Szenen womöglich gar sich selbst wiedererkennt. Die Darsteller beweisen dabei einen unverkrampften Mut zur Nacktheit, zur Hässlichkeit, zum ungeschönten Realismus, der zu keinem Zeitpunkt künstlich herbeigeführt erscheint. Eine Distanz zum Gezeigten zu wahren ist nur schwer möglich, selbst humoristische Szenen zeigen eigentlich nur die zynische Absurdität des Alltags und lassen einem spätestens dann das Lachen im Halse stecken bleiben, wenn auch diese Momente unweigerlich auf eine zwischenmenschliche Katastrophe zusteuern. Dieser pessimistische Blick auf die Einwohner jenes Vororts ist natürlich mitnichten auf Österreich beschränkt und lässt sich vermutlich auf so gut wie jede westliche Zivilisation anwenden. Auch ich habe schon Orte kennengelernt, in denen eine ganz ähnliche, angespannte Atmosphäre vorherrschte, eine latente Gewaltbereitschaft in psychischer wie physischer Hinsicht, die jeden Moment zu eruptieren droht. Und es geht hier wohlgemerkt nicht um Menschen, die in materieller Hinsicht ganz unten angelangt sind und sich daher gegenseitig zerfleischen, sondern um alltägliche bürgerliche Zeitgenossen mit einem starken Defizit an inneren Werten, Moralvorstellungen und ethischen Überzeugungen. Manche Episode des Films funktioniert dabei etwas besser, setzt sich stärker im Gedächtnis fest, hat schockierendere grafische Schauwerte zu bieten. Andere Episoden gehen dadurch möglicherweise etwas unter oder erschließen sich aufgrund ihrer Subtilität dem Zuschauer erst bei einer Zweitsichtung in Gänze. Zeit zum Durchatmen bekommt der sich fremdschämende, angeekelte oder einfach nur erstaunte Zuschauer dabei dennoch kaum. Die Pointenlosigkeit des Films hinterlässt im Idealfall einen nachdenklich gestimmten, verstörten Zuschauer, der die „Hundstage“ nicht wie Popcorn-Kino nach Filmende abstreift. Seidl bietet keine Lösung an, er lässt lediglich einen winzigen Hoffnungsschimmer im Zuge des einsetzenden, evtl. reinigenden Gewitters aufblitzen, an den sich zu klammern aber Indiz für einen naiven Optimismus wäre, den Seidl seinen Publikum auszutreiben versucht hat. Ein Magenschwinger aus dem Nachbarland, den man nicht so schnell vergisst. Wieviel „Hundstage“ steckt in dir?