Ulrich Seidls Film "Hundstage" ist zusammen mit "Die Klavierspielerin" wohl ein Meilenstein in einem eigenen Genre: Die Darstellung psychischer Abgründe der Menschheit, objektiv, berichtend, für den Zuschauer quälend erdrückend und ohne Hilfestellung, ohne Lösung, ohne Pause.
Hundstage ist kein Film mit einer Handlung, vielmehr erinnert er an einen Dokumentarbericht (Ausdruck Seidls filmemacherischer Vergangenheit) mit Ausschnitten aus dem Privat-, teilweise Intimleben der Menschen. Schauplatz ist Wien und das Bürgertum, von jung bis alt, von arm bis reich, von faul bis strebsam, von dumm bist intelligent. Jede soziale Schicht wird dargestellt, erbarmungslos nackt vor dem geistigen Auge. Kein Tabu das nicht unentdeckt bleibt, keine Widerwärtigkeit ist noch so zu schade um sie nicht aufzuzeigen. Kompromisslos wird der Zuschauer entführt in seine eigene Welt, Wien als Makrokosmos, schauspielerisch von Laien dargestellt, um diese eigene Filmwelt realer darzustellen - was dem Film (leider?) "gnadenlos" gut und ohne Rücksicht auf verletzte Gefühle gelingt.
Erschreckend ist die Atmosphäre des gesamten Films. Eine Interpretation fehlt, Hintergründe und Vergangenheiten der Protagonisten interessieren den Rezipienten ohne die Erfüllung des Bedürfnisses nach Aufklärung. "Hundstage" ist letztlich ein Puzzle der gesamten Menschheit, Teil für Teil wird aneinandergereiht und ergibt ein Gesamtbild, allerdings keine hollywoodbeschönigte Rosamalerei sondern eine bittertraurige, ernüchternde, erschreckende, depressive Schwarzmalerei, bei der allenfalls als (sinnbildliche) Auflockerung grau und anthrazit vorkommt.
Verschiedene Handlungsstränge und Schauplätze zeigen uns auf, wie die Realität an einem heißen Sommertag hinter den Kulissen aussieht. Tiefste Abscheu regt unsere Gemüter, enervierende Dialoge, kaum nachvollziehbare Gedankenstränge und Handlungen, teilweise gewaltsame Darstellung menschlicher Abgründe - all dies versetzt uns in eine Welt des Zwiespalts zwischen Bewunderung und Ablehnung ob dieses filmischen Meisterwerks, genauso wie es unsere Gefühle aufspaltet in Mitleid oder Aggression. Wer den Film nicht alleine erleben kann, wird sicherlich viel Diskussionsstoff mit den anderen Mitzuschauern für die Zeit danach haben.
Traurig die Erkenntnis, das kein einziger Charakter auch nur annähernd liebenswert ist. Wer bereits vorher misanthrope Gefühle hatte, könnte durch diesen Film darin bestärkt werden. Ein Film, den man gesehen haben muss. Und sei es nur, um es zu lieben ihn hassen zu können. (10/10)