Review

Wenn man die Darsteller von den "New Kids Turbo" in ein spanisches "Sin City" verfrachten  und Quentin Tarantino mit diesen Bausteinen einen Film abdrehen lassen würde, dann würde wahrscheinlich "Neon Flesh" rauskommen.

Es ist schon ziemlich ungewöhnlich sich auf diesen schrägen Film einzulassen. Hier gibt es nur Zuhälter und Prostituierte - oder Gangster, die noch Zuhälter werden wollen und Frauen, die dazu genötigt werden, auf den Strich anschaffen zu gehen. In der Welt von "Neon Flesh" scheinen sonst keine anderen Bürger zu existieren. Für Gutmenschen ist kein Platz.


Der im Zuhältermilieu aktive Kleinkriminelle Ricky (Mario Casas) schlägt sich seit seinem zwölften Lebensjahr alleine durch, da seine Mutter damals ins Gefängnis kam. Bald kommt sie jedoch frei und Ricky will ihren damaligen Traum erfüllen: Einen Edelpuff zu eröffnen. Diese Arbeit geht er mit seinem besten Kumpel Angelito (Vicente Romero) an, der schon als kleiner Zuhälter aktiv ist, aber nur abscheuliche Gurken im Programm hat.
Jedoch haben sie die Rechnung ohne den Obergangster Chino (Darío Grandinetti) gemacht, der in dieser Stadt alle Fäden zieht und sich Konkurrenz nicht einfach so gefallen lässt.

 Wer jetzt denkt, dass dies heftiger Tobak ist, liegt mit seiner Vermutung goldrichtig. Aber diese ganzen Menschen, die wir  in der realen Welt als Abschaum bezeichnen würden und nichts mit ihnen zu tun haben wollen kommen in einer relativ einfach gestrickten Story sehr strange, cool, mit einer kessen Lippe ausgestattet und irgendwie trotz aller Brutalität verdammt liebenswürdig rüber. Wenn man über diesen derben Humor lachen kann.
Jeder Charakter besitzt ungewöhnlich viel Tiefe für solch einen Film und überraschenderweise reichen die Facetten von klappsmühlenreif bis liebenswürdig. Der Humor ist derb und tiefschwarz, es wird nichts ausgelassen. Ob schwangere Flüchtlinge oder osteuropäische Mädchen auf den Strich gezwungen, Transen durch den Kakao gezogen werden oder auch Tiersex eine Rolle spielt. Es gibt scheinbar kein Tabuthema in diesem Film. Und obwohl diese Themen im eigentlichen Sinn schockierend sind, kommen sie in "Neon Flesh" locker flockig rüber, ohne sich irgendwie wirklich darüber lustig zumachen oder diese Sachen zu benutzen, für das Publikum  provozieren zu wollen.

Nein, der schmale Grat zwischen Gewalt, Humor und menschenverachtenden Material ist Regisseur Paco Cabezas einwandfrei gelungen und es gelingt ihm dabei sogar, nachdenkliche, rührende Szenen sowie raffinierte Storytwists einzubauen.

"Neon Flesh" ist harter Stoff und dürfte beim Publikum unterschiedliche Emotionen hervorrufen. Die Chorknaben dürften  schockiert und voller Ekel den Film aus dem Player werfen, die Harten im Garten könnte diese Mischung gefallen. Die Betonung liegt auf "Könnte".
Ich jedenfalls hab meinen Spaß gehabt und war fasziniert. So eine derbe Mischung bekommt man eben nicht alle Tage geboten.

Obwohl die deutsche Fassung leicht gekürzt wurde, fallen die Schnitte nicht so sehr ins Gewicht, da es sich bei den meisten Schnitten nur um Dialog-Zenzuren handelt.

Cut 8/10
Uncut 8,5/10

Details
Ähnliche Filme