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Sieben lange Jahre sind seit seinem letzten veröffentlichten Film - Satan's Playground (2006) - ins Land gezogen. Sein ambitioniertes Projekt The Ocean ist gescheitert (oder vielleicht doch nur vorerst auf Eis gelegt? Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.), aber nun liegt mit Torture Chamber endlich der neue Tomaselli vor. Und schon nach wenigen Augenblicken spürt man Freude in sich aufsteigen. Wie wenn man nach vielen Jahren eine alte Schulfreundin, die man immer gern gemocht hat, wieder trifft, sich in ein Café setzt und bei einem Kaffee oder einem Bier gut gelaunt über alte Zeiten plaudert. Man fühlt sich sofort wohl, und erst in diesen Sekunden merkt man, wie sehr man das alles doch vermißt hat. Das Wiedersehen mit Tomaselli läuft ähnlich ab. Denn auch wenn viele Jahre vergangen sind, er ist noch immer ganz der Alte, hat sich weder verbiegen noch entmutigen lassen, formt seine dunklen Visionen nach wie vor auf seine so eigenwillige wie unverwechselbare Weise zu einem Filmkunstwerk. Schon nach den ersten Bildern fühlt man sich wieder wie zu Hause, nur daß dieses zu Hause in diesem Fall halt ein bizarres Schreckensgebäude ist, und daß hier die Alpträume zum Leben erwachen und Angst und Grauen verbreiten.

Im Zentrum von Torture Chamber steht eine zerstörte Familie. Der dreizehnjährige Jimmy Morgan (Carmen LoPorto) wurde bei einem Feuerunfall gräßlich entstellt. Sein Gesicht gleicht nun einer dämonischen Fratze, und sein Äußeres spiegelt auch sein Innenleben wider. Er ist durch und durch böse, hat übernatürliche Kräfte, und nutzt diese, um eine kleine Gruppe Kinder um sich zu scharen, mit denen er sich an allen, die ihm Unrecht getan haben, rächen will. Sein Lager schlägt er in einem alten Turm auf, der nicht nur mit einem Folterkeller sondern auch mit einem verzweigten Tunnelnetz bestückt ist. Jimmys Mutter (die bis dato in jedem Tomaselli-Film mitspielende Christie Sanford), eine tiefreligiöse Frau, denkt, daß Jimmy von einem Dämon besessen ist und daß man diesen austreiben kann. Sie hält zu ihrem kleinen Jungen, obwohl er ihr schreckliche Dinge antut. Mark (Richard D. Busser), Jimmys älterer Bruder, ging nach der schwierigen Kindheit ins Kloster und hat sich von seinen Eltern entfremdet. Trotzdem hilft er seiner Mutter und versucht, den Dämon zu exorzieren. Diese Dreierkonstellation, kombiniert mit Jimmys Rachefeldzug, ist sowas wie ein roter Faden, der sich durch den Film zieht. In kleineren Rollen sind Vincent Pastore (Malavita - The Family) als Jimmys Arzt, Lynn Lowry (Shivers) als Kunstprofessorin sowie Danny Lopes und Raine Brown als Liebespaar zu sehen, welches in die Fänge der mordlüsternen Kinder gerät.

In meinem Text zu Tomasellis Meisterstück Horror (2003) schrieb ich einst: "Horror ist ein Kunstwerk des Grauens. Eine Phantasmagorie. Ein einem Drogenrausch ähnelndes Erlebnis. Ein filmgewordenes Stück purer, unverfälschter Horror." Im Großen und Ganzen kann man diese Einschätzung eins zu eins auf Torture Chamber übertragen. Tomaselli brennt einmal mehr ein surreales, audio-visuelles Feuerwerk des Schreckens ab, wo am laufenden Band unerklärliche Dinge geschehen, denen eine ungemein verstörende Qualität anhaftet. Man fühlt sich wie in einem grotesken Alptraum (oder im Kopf eines Wahnsinnigen oder in einer höllischen Paralleldimension) gefangen, wird vom wilden Fluß mitgerissen, ohne sich dagegen zur Wehr setzen zu können. Die Geschichte, die so sprunghaft und verwirrend erzählt wird, daß man sie sich eigentlich selbst erarbeiten muß, ist zweitrangig. Tomaselli verläßt sich voll und ganz auf die kraftvollen Bilder (die exquisite Kameraarbeit stammt von Timothy Naylor) und auf das schaurige Sound-Design (das schuf Tomaselli selbst). Manche Momente davon erinnern stark an Jean Rollin (Requiem pour un vampire) und Nicolas Roeg (Don't Look Now), andere wiederum an Mario Bava (Operazione paura) und Dario Argento (Suspiria). Doch Torture Chamber ist kein bloßer Abklatsch von den (besten) Werken dieser berühmten Meister. Tomaselli transferiert diese Einflüsse in seine eigene zappendustere (Höllen-)Welt und kreiert daraus etwas völlig Eigenständiges, atemberaubend Ungewöhnliches und erfreulich Originelles.

Im Vergleich zu Horror leidet Torture Chamber unter einer kleinen Schwäche. Der Film ist ein wenig zu lang. Das stetige Bombardement der Sinne führt mit der Zeit zu einer gewissen Ermüdung; man spürt, daß sich die Macht der Bilder und die Effektivität des Sounds etwas abnutzen, vielleicht, weil die Augen und die Ohren mit diesem Overkill bald überfordert sind. Doch das ist Meckern auf extrem hohem Niveau, und selbst wenn man nach einer Stunde etwas müde im Kopf wird und das bizarre Geschehen "anstrengend" erscheint, tut das der Freude an dieser Furcht einflößenden Perle keinen Abbruch. Ja, tatsächlich, Torture Chamber flößt Furcht ein. Tomaselli hat ein unglaubliches Geschick bzw. Gespür für Bilder, Töne und Szenen, die im Zuschauer ein Gefühl der Angst und der Bedrohung auslösen. Das ist ein Talent, das sehr selten ist, und Tomaselli beherrscht es nach Belieben. Das macht ihn wahrscheinlich auch zum begabtesten Auteur, der aktuell im Genre arbeitet. Seine Handschrift ist klar und unverwechselbar und voller Leidenschaft und Ideenreichtum. So wie man ein Werk von Jean Rollin bereits nach kürzester Zeit als solches identifiziert, so erkennt man auch einen Tomaselli-Film spätestens nach wenigen Minuten. Viele Motive wiederholen sich in seinem Schaffen mit schöner Regelmäßigkeit (Kinder, die bösen Kräften zum Opfer fallen, entstellte/dämonische Fratzen, bizarre Träume, religiöse Symbolik); in Torture Chamber gesellen sich noch unheimliche Masken sowie verzehrende Feuer dazu.

Eingefleischte Fans der zwiespältigen Torture Porn-Welle, die angesichts des Titels und des Covers auf einen weiteren bluttriefenden Beitrag hoffen, werden hier wohl ratlos und enttäuscht aus der Wäsche gucken. Tomaselli liebt es, mit der Erwartungshaltung des Publikums zu spielen. Manchmal stellt er diese sogar völlig auf den Kopf. Nicht, daß in Torture Chamber nicht gefoltert werden würde, bei Gott, nein. Schließlich kommen viele mittelalterliche Folterwerkzeuge zum Einsatz, wie z. B. eine Streckbank, eine Kopfpresse, die eiserne Jungfrau und ein besonders fieses Gestell, welches ich mal salopp "den Grill" nenne. Aber er verzichtet fast gänzlich auf unnötige Money-Shots in selbstzweckhaften Close-Ups; stattdessen beobachtet die Kamera die in der Geschichte verankerte Gewalt aus respektvollem Abstand. Und interessanterweise hinterlassen diese (SFX-technisch ausnahmslos handgemachten) Gewaltszenen weit mehr Eindruck als die öden, ausgewalzten Blutrünstigkeiten der meisten Torture Porn-Machwerke. Aber wer dem Meister auf den Leim geht, hat selbst Schuld. Denn wer sich etwas näher mit dem zeitgenössischen Horrorfilm befaßt, der weiß über Dante Tomaselli Bescheid. Weiß, daß seine Independent-Produktionen ein stark europäisches, oft italienisches Flair haben. Weiß, daß seine Filme mit glattgebügeltem Mainstream- und konventionellem Horrorkino überhaupt nichts am Hut haben. Weiß, daß er seine Visionen so kompromißlos wie atmosphärisch dicht und stilvoll surreal umsetzt. Und weiß, daß seine Filme so richtig schön schaurig sind und daß sie so viel Angst einflößen, daß man die Auswirkungen körperlich spürt. Insofern ist es natürlich allerhöchste Zeit, daß die Filme dieses sträflich unterschätzten Meisterregisseurs endlich auch im deutschsprachigen Raum losgelassen werden.

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