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Wenn man sich „Ravenous“ so anschaut, dann möchte man kaum glauben, dass Regisseurin Antonia Bird Vegetarierin ist. Denn ihre unterhaltsame Mischung aus Western, Horror und Komödie ist ein wahres Schlachtfest.
Die Handlung spielt im Jahre 1847: Captain John Boyd (Guy Pearce) ist im Amerikanisch-Mexikanischen Krieg zum Helden geworden, aber mehr durch Zufall: Als er sich bei einer Schlacht tot stellte, wurde er auf einen Leichenhaufen hinter den feindlichen Linien gepackt, von wo aus er es schaffte, einen mexikanischen Kommadoposten einzunehmen.
Entsprechend dieser ‚Heldentat’ wird er zwar geehrt, aber möglichst schnell in ein Fort in Kalifornien abgeschoben, dessen Soldaten noch skurriler sind als er: Der schüchterne und leicht verängstigte Toffler (Jeremy Davies), der das Wort Gottes verkündet, obwohl es keiner wirklich hören will; Colonel Hart (Jeffrey Jones), der seine dicken Bücher auch gerne mal zum Walnussknacken verwendet; der Arzt Major Knox (Stephen Spinella), der als dauerbesoffener, ehemaliger Veterinär kaum Patienten findet, die sich von ihm behandeln lassen wollen; der Friedenspfeife kiffende Private Cleaves (David Arquette); zwei Indianer Scouts und Private Reich (Neal McDonough), ein harter Soldat, der in Eiswasser badet und einen würdigen Sparringspartner für Seagal und Co. abgeben würde.
Ganz klar: Bei oben erwähnter Konstellation beginnt „Ravenous“ eher humorvoll, zumal die schrägen Charaktere gut besetzt sind. Außerdem besitzt Jeffrey Jones („Stay Tuned“, „Wer ist Harry Crumb?“) große Komödienerfahrung und David Arquette ist Spezialist für skurrile Typen.

Doch mit dem Auftauchen des mysteriösen Fremden Colquhoun (Robert Carlyle) schlägt „Ravenous“ Horror-Töne an. Colquhoun erzählt den Lagerbewohnern eine grausame Geschichte: Sein Treck steckte im Eis fest und beim Kampf ums Überleben waren sie gezwungen Menschenfleisch zu essen. Doch dies führte zu Mord innerhalb der Gruppe und so floh er, während er eine Frau zusammen mit dem Anführer Colonel Ives zurückließ. Da Ives nach Aussage von Colquhoun den größten Hunger auf Menschenfleisch hatte, macht sich ein Rettungstrupp aus Hart, Boyd, Reich, Toffler, dem einen Scout und Colquhoun auf die Suche nach der Höhle, in der der Treck sich beim Einschneien versteckte. Doch auch Colquhoun offenbart bei der Reise Störungen, die er von dem Menschenfleischkonsum davongetragen hat.
Hier verunsichert Antonia Bird den Zuschauer gekonnt, denn so langsam kommen Zweifel auf, ob Colquhoun nicht doch ein überzeugter Kannibale ist, obwohl er behauptet, das Menschenfleisch nur zum Überleben gegessen zu haben.

Nach Ankunft bei der Höhle bietet sich dem Zuschauer die wahrscheinlich beste Sequenz des Films: Bei der Untersuchung der menschlichen Überreste durch Reich und Boyd stellt sich heraus, dass Colquhoun in Wirklichkeit der mordlustige Menschenfresser ist. Doch es ist zu spät: Colquhoun fällt wie ein Tier über die Truppe her. Lediglich Boyd kann schwer verletzt entkommen und muss den Kampf gegen den Killer aufnehmen...
In diesem zentralen Stück ist „Ravenous“ herausragend: Während Boyd und Mike die Höhle untersuchen (und dabei sowohl sie als auch der Zuschauer mit einem Auftauchen von Colonel Ives rechnen), bereitet die Musik unterschwellig die kommende Entladung der Spannung vor. Dieser beinahe hypnotische Musikeinsatz verfeinert die meisten Schlüsselstellen inb „Ravenous“.
Das Blutbad, das Colquhoun anrichet, bietet vor allem etwas für Actionfans, da er mit den Soldaten Katz und Maus spielt, was auch noch sehr spannend rübergebracht wird.

Über den nun folgenden Hauptteil des Films will ich nicht zuviel verraten, aber hier wird Kannibalismus, vor allem aus der Not heraus charakterisiert. Es geht in erster Linie um das Thema inwiefern scheinbar normale Menschen zu Kannibalen werden können, was schon in tiefsinnigerer Form in „Überleben“ behandelt wurde. Doch trotzdem bezieht „Ravenous“ die Thematik geschickt ein.
Ähnlich werden auch Indianermythen, vorgetragen durch die Figuren der Scouts, in das Geschehen eingewoben. In ihnen dreht es sich vor allem um die übermenschlichen Kräfte, aber auch das Suchtverhalten, welches Kannibalismus mit sich bringt. Dieser Aspekt steht auch in sehr interessanter Beziehung zum Anfang: Schließlich konnte Boyd den Kommadoposten auch erst einnehmen, als unter dem Leichenberg liegend er lauter Blut im Rachen hatte.

Leider bietet „Ravenous“ in diesem Teil ein wenig zuviel Gerede, welches unnötig ist, da die vermittelten Inhalte bereits anders und besser vermittelt wurden (wie z.B. durch die Indianermythen). So zieht sich der Film bis zum Showdown noch etwas in die Länge, was leider den positiven Gesamteindruck etwas schmälert.
Schauspielerisch ist „Ravenous“ auf ganz gutem Level; vor allem Guy Pearce überzeugt in der Rolle des nur teilweise freiwilligen Helden, die sich an seine Darstellung in „L.A. Confidential“ anlehnt. Robert Carlyle bringt den Psycho überzeugend und auch Jeffrey Jones sind auf ihrem Fachgebiet (siehe oben).
Malerisch sind die verschneiten Landschaften, welche eine herrliche Atmosphäre schaffen. Diese sind von Antonia Bird, ebenso wie der Rest des Films, gekonnt in Szene gesetzt worden, auch wenn die Regie nichts außergewöhnliches bietet.
Der Film bietet einiges an Härte: Natürlich einige Kannibalenszene, die auch glücklicherweise nicht voyeuristisch gemacht worden sind, sowie zwei actionreiche Szenen (Colquhoun räumt unter dem Suchtrupp auf [s.o.]; Showdown) und einige heftige Details (offener Knochenbruch, Kehlenschnitt etc.). In der Premierefassung wurden seltsamerweise nur kannibalistische Szenen und der Showdown verkürzt (auch harmlose Sprüche), während viel härtere Szenen (u.a. erwähnte Massakersequenz durch Colquhoun) unangetastet blieben.

Im Großen und Ganzen ist „Ravenous“ zwar kein Ausnahmefilm, doch der gelungene Genremix bietet gute Unterhaltung für starke Nerven. Auch als Partyfilm hervorragend geeignet.

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