John Boyd (Guy Pearce) wird Mitte des 19. Jh. in ein entlegenes Fort abkommandiert, wo nur eine handvoll Männer ihren Dienst versieht. Boyd, der mehr oder weniger aus Versehen eine Kriegsauszeichnung erhalten hat, agiert - obwohl Hauptdarsteller - den ganzen Film über als Schlaftablette. Seine Rolle ist eher undurchsichtig, er ist weder der gebrochene Held, noch ein Feigling, er stiert meist nur vor sich hin und re-agiert nur auf Vorkommnisse. Irgendwie passt er aber ganz gut zu den anderen Fort-Bewohnern, die man alle als Freaks bezeichnen könnte. Rein theoretisch hätte man den Film übrigens auch irgendwoanders und in einer anderen Epoche spielen lassen können, denn das wichtigste Element ist die Einöde und Abgeschiedenheit, die dem eigentlichen Thema Kannibalismus einen Rahmen gibt.
Das langweilige Rumhängen im Fort hat bald ein Ende, als eines Nachts ein halberfrorener Mann auftaucht, der eine wirre Geschichte von Kannibalismus erzählt. Dieser Colqhoun (Robert Carlyle) lockt fast die ganze Besatzung des Forts unter einem Vorwand irgendwo in die Wildnis, um sie dann genüßlich zu dezimieren. Carlyle weiß sich hierbei von einem Jammerlappen, der unter Schock zu stehen scheint, hin zu einem wahrhaft dämonischen Kobold, der alles unter Kontrolle hat, zu steigern. Glänzend sein Auftritt am felsigen Abhang, hier läuft er zu Höchstform auf!
Boyd, der dem Massaker als Einziger entkommt, kann sich zurück ins Fort durchschlagen. Aber Colqhoun ist auch bald wieder da - allerdings anders als erwartet. Ab diesem Zeitpunkt fängt der bis dato etwas konfus anmutende Film an, langsam Spannung aufzubauen. Boyd wird zunächst nicht geglaubt, und gerade sein darstellerisches Phlegma macht ihn auch vor den Anderen unglaubwürdig. Aber dann geschehen weitere merkwürdige Dinge. Kurz vor Schluß gibts nochmals eine Überraschung, bevor dann im Showdown Gut gegen Böse kämpft. Ein Happy-End wird es nicht...
Die Thematik des Kannibalismus wird hier auf eine ganz andere Weise beleuchtet als dies in den bekannten Genre-beiträgen aus Italien der Fall ist; der Fokus liegt klar auf der (allerdings höchst zweifelhaften) Hypothese, daß der Verzehr von Menschenfleisch Stärke verleiht, gar übernatürliche Kräfte freisetzt (z.B. schnell heilende Wunden, Überwindung der Tuberkulose) und - nur angesprochen - auch potenzfördernd wirkt. Colqhouns Ausführungen zu diesem Thema, denen der Film einigermaßen Raum gibt, sind überzeugend und verlockend dargestellt. Ohne Robert Carlyle wäre der Film allerdings trotz seiner stimmigen Naturaufnahmen nur halb so gut.
Wer in diesem Streifen Blut erwartet, wird genügend finden - allerdings meist in Gesichter und Hände gespritzt. Hier wird aber in keinster Weise auf Schockeffekte gesetzt und die wenigen Morde finden eher unspektakulär durch Erschießen oder Erstechen statt. Splatter- und Slasherfans sei daher dringendst abgeraten, sie würden bitter enttäuscht.
Besondere Beachtung verdient auch der Score: Ist man es gewohnt, daß dieser entscheidende Handlungsabläufe andeutet, ankündigt, verstärkt oder untermalt, so spielt die Regie fieserweise mit genau dieser Erwartungshaltung des Zusehers: besonders in der ersten halben Stunde scheint die Musik absolut nicht zum Geschehen zu passen, z.B. wenn hinterherlaufen und ermorden mit "fröhlichen" Tönen unterlegt werden. Später jedoch passt es wieder größtenteils, und nur noch 1 - 2 Szenen scheinen musikalisch "falsch" untermalt zu sein. Der Score selbst ist ein äußerst gewöhnungsbedürftiger Bastard aus irischer Folklore, Yankee-Doodle und industrial samples, der sich da ziemlich schräg ins Gehör schraubt. Dies alles trägt natürlich zu einem (wie ich meine beabsichtigten) verstörendem Filmerlebnis bei.
Ravenous - ein Film, der Anleihen aus mehreren Genres nimmt, dabei aber keines wirklich bedient, weiß dank Carlyle mit zunehmender Dauer doch noch Spannung aufzubauen. Diese nur vordergründig blutige, ansonsten fast schon spirituelle Aufarbeitung des Themas Kannibalismus kann ich durchaus weiterempfehlen.