Review

It's lonely being a cannibal. Tough making friends.



Kalifornien in den 1840er-Jahren. Der Amerikanisch-Mexikanische Krieg
ist in vollem Gange, das emsige Streben der Truppen von Staatsoberhaupt
James K. Polk nach zusätzlichem Lebensraum ist letztendlich von Erfolg
gekrönt. Doch für einen Mann und seine Einheit sieht es eher beschissen
aus. Lieutenant John Boyd (Guy Pearce) ist der einzige
Überlebende einer der vielen Schlachten, seine Kameraden wurden allesamt
von Mexikanern nieder gemetzelt. Da Boyd daraufhin im Alleingang ein
gegnerisches Lager übernehmen konnte, wird er nun im Anschluss an die
Schlacht im Beisein mehrerer hochrangiger Generäle zum Captain
befördert. Doch der Schein trügt, denn Boyd hatte sich feige zwischen
den Leichen seiner Männer versteckt, um nicht selbst dem Tode zum Opfer
zu fallen und wird nun deswegen als "Dank" nach Fort Spencer in der
Sierra Nevada strafversetzt - mitten im Winter.






Dort trifft er auf eine Gruppe anderer Ausgestoßener. Den Ranghöchsten
Colonel Ives, den Mustersoldaten Private Reich, den etwas
zurückgebliebenen Private Toffler, den Säufer Major Knox, den Junkie
Private Cleaves sowie das Indianer-Geschwisterpaar Martha und George
(u.a. David Arquette und Jeremy Davies). Nach einer kurzen
Eingewöhnungsphase für Boyd gibt es für das abgelegene und strategisch
unwichtige Fort plötzlich etwas zu tun: Ein völlig heruntergekommener,
abgemagerter und durchgefrorener Mann mit langen Haaren und Bart (Robert Carlyle)
stolpert in den Hof und bricht zusammen. Wieder einigermaßen bei Sinnen
erzählt der F.W. Colqhoun getaufte Schotte, dass er einen Treck gen
Westen begleitet hatte, der unter der Führung eines gewissen Colonel
Ives stand. Da sie jedoch in einem plötzlich aufziehenden Schneesturm
gefangen gehalten wurden, waren die Pilger bald zum Überleben davon
abhängig, ungewöhnliche Mahlzeiten zu sich zu nehmen. Nach dem Verzehr
ihrer Tiere, Gürtel und Pflanzen begannen sie, den Ersten aus ihren
eigenen Reihen zu verspeisen, bis schließlich nur noch drei Leute übrig
blieben - Colqhoun, Col. Ives und eine Frau. Auf der Suche nach Hilfe
war Colqhoun nun monatelang durch die Wildnis geirrt, bis er schließlich
in Fort Spencer ankam. Sofort wird dann eine Rettungsaktion geplant, um
der zurück gelassenen Frau zu helfen, die sich laut dem Fremden immer
noch in den Klauen des Colonels befinden könnte. Doch der Indianer
George erinnert die Soldaten an eine alte Legende, die von Wendigo
handelt, einem bösen Dämon, der eine menschliche Seele befällt, um mit
ihrer Hilfe durch den Verzehr von Menschenfleisch immer stärker zu
werden. Und auch Boyd ist nicht wirklich wohl bei der ganzen Sache
...zurecht? Denn auch er musste ja in der grauenhaft langen Zeit bis zur
Einnahme der feindlichen Basis irgendwie überleben ...






Die nicht wirklich über ihre Heimat England hinaus bekannte Regisseurin Antonia Bird
setzt einem hier eine nette schwarze Horror-Komödie vor, die
größtenteils richtig gut mundet. Aufgrund dessen und auch wegen dreier
doch recht bekannter Hauptakteure (Pearce, Carlyle, Arquette), welche bereits damals aus Produktionen wie L.A. Confidential, Trainspotting oder Scream
ein Begriff waren, wundert es umso mehr, dass der Film weder in den
Lichtspielhäusern noch als Silberling großartige Umsätze zu verbuchen
hatte.






Indirekt weist die Story Parallelen auf zur sog. "Donner Party",
welche eine Gruppe von 87 Siedlern bezeichnet, die 1846 ebenfalls mit
einem Treck an die Westküste pilgern wollten. Angeführt wurde sie von
einem gewissen George Donner. Wie bei der Gruppe im Film kam ein
plötzlicher Schneesturm dazwischen, der die Reisenden für 4 Monate in
den Bergen der Sierra Nevada gefangen hielt. Letztlich überlebten nur 47
Siedler, von denen einige laut ihrer Tagebücher nur durch das
Verspeisen anderer durchkamen.



Darüber hinaus brachte Autor Ted Griffin jede Menge eigene Ideen
ein, die er geschickt um das Hauptgerüst herum sponn. So geht es dem
doch sehr angeschlagenen Calqhoun erstaunlicherweise schnell wieder
besser, trotzdem leidet er immer noch unter seinem Hunger nach
Menschenfleisch, kann in dieser Rolle jedoch nicht jeden der Soldaten
gänzlich überzeugen. Vor allem der zusehends dem Wahnsinn zu verfallen
drohende Kriegsversehrte Captain Boyd ist dem Fremden gegenüber mehr als
misstrauisch, hat darüber hinaus aber selbst auch andauernd eine
gewisse Sucht im Nacken, die ihn martert ...

Hier sei lustigerweise erwähnt, dass Guy Pearce, Ironie sei Dank, im richtigen Leben Vegetarier ist. Laut seinem Kollegen Robert Carlyle
hatte er immense Probleme mit den Szenen, in denen der Charakter Boyd
Fleisch zu sich nehmen musste, welches der Schauspieler dann gleich nach
dem Cut wieder ausgespuckt hatte. Allerdings kam dies natürlich der
Glaubwürdigkeit bezüglich Boyd's angewiderter Aversion gegenüber der
köstlichen Speise durchaus zugute.






Alles in allem behandelt der Plot also die Frage nach dem Warum und dem
Wie - warum wird jemand zum Kannibalen und wie geht er damit um. Stellt
er sein eigenes Überleben, dem darwinschen Archetypen gleich, in den
Vordergrund und geht buchstäblich über Leichen, um letztendlich den
Status eines einsamen Raubtiers zu erlangen? Oder sind ihm Vertrauen und
menschliche Nähe wichtiger und schöpft er seine Kraft aus dem
Miteinander? Auch Vertrauen spielt eine große Rolle und letztendlich
wird es gar ein wenig existenzialistisch. So oder so sei bereits an
dieser Stelle wenigstens so viel verraten, jeder der Akteure trifft
letztendlich für sich selbst seine Wahl, mit der er zwangsläufig leben
muss; sofern er noch lange zu leben hat ...






Nach insgesamt 100 teils atmosphärisch dichten, teils recht
brutal-blutigen und immer mal wieder durch zynische Humoreinlagen
gewürzten Minuten hat man sich dann auch an der Schlachtplatte satt
gegessen und genießt ein Ende, das einen doch recht unkonventionellen
Horrorfilm genreuntypisch schlüssig auslaufen lässt. Geradezu nüchtern
wurde eine innovative Story ohne großartige Spezialeffekte oder -Stunts,
weitestgehend durch ein gutes Skript und überwiegend gut agierende
Darsteller vorgetragen. Allerdings fehlt dem Ganzen einfach die alles
überspannende Ernsthaftigkeit, um wirklich den Zuschauer dazu zu
drängen, sich wirklich mit den Fragen, die der Streifen eindeutig
stellt, selbst auseinander zu setzen. Um das zu erreichen, hätte es auch
noch einiges an Tiefe bedurft oder möglicherweise einer längeren
Laufzeit mit einem intensiveren, weiter ausholenderem Plot. So bleibt
ein etwas anderer Beitrag aus der Kannibalen-Ecke, der sich trotz allem
von üblichen Themenverwandten abheben kann und seinen Hauptauftrag,
nämlich zu unterhalten, erfüllt hat.

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