"Die Zeit wird vergehen, und Du vergisst diesen Sommer."
Die siebente Zusammenarbeit zwischen Woody Allen und/mit Mia Farrow, sein 16.ter Film insgesamt, begonnen Ende Oktober 1986, allerdings hinterher Teile des Filmes ausgelagert und neue Dreharbeiten aufgrund der Unzufriedenheit des Filmemachers mit seiner eigenen Produktion veranschlagt. Der zweite Teil der Hauptdreharbeiten begann nach dem Jahreswechsel in der dritten Februarwoche 1987, mit ganzen neun Wochen Arbeit nicht gerade geringfügig, ein Knobeln des Kreativen mit seinem eigenen Puzzle, eine neue und oft andere Aneinanderreihung von Dialogen und Szenen, von entsprechend auch die Kosten auf 10 Mio. USD hochtrieb, auch wenn das 'Zuschneiden' in Gedanken und der Realität jetzt kein gänzlich neues Verfahren des Individuums Allen, schon bekannt und berüchtigt bis eingeplant in den Terminkalender und die Bücher für die Ausgaben war; wobei der Regisseur angab, dass das wachsende Budget von seiner Gage abgezogen würde. Problematischer stellte sich vielmehr heraus, dass aufgrund der Verzögerungen nicht mehr alle Darsteller wie zuvor gegeben zur Verfügung standen, es blieben eigentlich nur (die stark aufspielenden) Wiest und Farrow konstant bei dem Projekt, welches ungewöhnlicherweise und dem Erfolg eher abträglich zur werbeintensiven Weihnachtszeit veröffentlicht wurde, September im Dezember:
Nach einem Selbstmordversuch ist Lane [ Mia Farrow ] zur Erholung in ihr Landhaus in Vermont gezogen. Ihre beste Freundin Stephanie [ Dianne Wiest ] ist zu ihr gekommen, um den Sommer und damit etwas ohne ihren Mann zu verbringen. Lanes laute und oft taktlose Mutter Diane [ Elaine Stritch ] ist vor kurzem mit ihrem Mann Lloyd [ Jack Warden ], einem Physiker und Lanes Stiefvater, angekommen. Lane hat zwei enge Nachbarn: Peter [ Sam Waterston ], einen erfolglosen Schriftsteller, und Howard [ Denholm Elliott ], einen Französischlehrer. Howard ist in Lane verliebt, Lane ist in Peter verliebt und Peter ist in Stephanie verliebt.
Allen spielt hier nicht mit, er dreht 'nur', er wird entsprechend nicht in der Rangordnung der Schauspieler erwähnt, die alphabetisch wie üblich gehalten ist, Farrow (mit einer besten Szene) an #2, an erster Stelle Elliott, seine erste und einzige #1 wahrscheinlich überhaupt, längst gewürdigt, warum auch nicht. Die Auswahl an Darstellern ist hier etwas kleiner als üblich, sonst sind mehr und namhaftere zu finden, mindestens zwei Seiten bei den Credits, hier nur die eine, die ersten Handvoll Leute, die die Figuren mit Leben füllen und ihnen Seele verleihen, Eliiott ist übrigens auch in der ersten Szene, auch zu Recht, vieles hier richtig gemacht. Farrow kommt hinzu, "ach, reg Dich nicht auf", das Haus ist nur mit vier Personen gefüllt, es ist trotzdem voll, trotzdem zu eng, trotz der Größe hier, die wesentlich mehr Raum lässt als sonst zuweilen, als bspw. die engen Kaschemmen bei Ehemänner und Ehefrauen (1992), hier ein ordentliches Landhaus, mehretagig, mit Blick hinaus. Farrow ist ein Nervenbündel; was das angeht, hat sie nichts verlernt, Waterston sieht reichlich gut aus, wie ein junger Edward Norton, dieselbe Frisur, derselbe Blick, das fällt sofort auf zusätzlich zu dem von Allen gewohnten Intro, weiße Schrift auf schwarzen Hintergrund, dazu ein lauschiges Stück Musik. Leute werden eingeladen, Kurosawa wollte man sehen, in die Stadt gefahren werden, hier werden andere Sachen erzählt als bei dem Japaner, ein Schriftsteller ist anwesend, eine Lebensgeschichte möchte hier geschrieben werden, Waterston spielt anders als Norton, energischer, in Erinnerungen wird geschwelgt, von Vergangenem geredet, von der Liebe von früher, darüber oder wie sie einem fehlt. Es wird versucht, im Rhythmus zu bleiben, es wird versucht, einen Käufer zu finden für das Haus, es möchte umgezogen werden in eine der New Yorker Kaschemmen.
Über das Kinderkriegen wird hier wieder geredet, Meinungen eingeholt, auch über die Arbeit gesprochen, über das Schreiben und das Lesen, über die Kreativität und das Leben und Überleben, es wird viel geredet, viel um Verzeihung gebeten, um getanes Unrecht gestritten, ein Dasein im früher, im Damals, im Noch. Widerworte werden zuweilen eingeworfen, es will sich nicht aufgeregt werden, es wird versucht zu beruhigen, es wird versucht wortlos zuzuhören, es wird die Arbeit gelobt, die fremden Worte, die eigenen Worte werden in Zweifel gezogen, wie so oft vorher und nachher schon. Geflirtet wird auch manchmal, sehr früh schon, die Personenkonstellation muss erstmal aufgeführt und geklärt werden, manchmal wird gesiezt, manchmal wird geduzt, manchmal wird Eifersucht in Betracht gezogen, es wird hier nicht per Voice Over wie sonst oft eingesprochen. "Es war ein großes Vergnügen zu sehen, wie sie wieder zu Kräften kam.", eine schreckliche Zeit wurde durchgemacht, es wird sich oder wurde sich in Abhängigkeit und Erschrecken und Verwirren begeben, es werden die eigenen Gefühle und das Empfinden infrage gestellt und sich darüber gewundert, verletzliche Personen hier, alle miteinander, en gros. Früher war alles anders, die Zeiten haben sich geändert, in mehrerlei Hinsicht, in mehreren Dingen, es werden Personen unterschiedlichen Alters in Augenschein genommen, "das Ganze ist wichtiger als die Summe der Einzelteile", es wird allein und mit Gästen gelebt, es wird nachgefragt, es wird um die Ernsthaftigkeit gestritten.
Manchmal, oft genug schon in den ersten Minuten wird gebeten, sich aus den Dingen herauszuhalten, das Haus ist nicht groß genug, um sich auf Dauer aus dem Weg zu gehen, trotz verschiedener Zimmer und alle mit Türen. Die einen sind Eltern und Kinder, die anderen sind Paare, manche sind nur Gast tatsächlich oder Untermieter, es wird der Liebe nachgehangen, den verpassten Chancen, den nicht gesagtem Worten, den unbeholfenen Taten. Schuld und Sühne wird hier auch gesucht und verteilt, fleißig mit beiden Händen ausgeschüttet, Farrow zieht sich an wie ein "polnischer Flüchtling", dazu die dicke Brille, die Haare länger, im Gesicht. Manchmal wird nur beobachtet und zugehört, es werden Psychiater aufgesucht, man bekommt auch zu Hause Therapien und Sitzungen, "Alt werden ist die Hölle", ein neues Thema für einen Allen, hier mit zum Mittelpunkt gemacht, die fehlende Zukunft, ein weiteres Bestreben. Manchmal werden Komplimente verteilt, eher selten und eher unangepasst, "das Gewitter kommt näher", es wird um einen herumscharwenzelt, mal geflohen, mal versteckt, mal auf- und heimgesucht, mal den anderen mit seinen Gefühlen und Gedanken erschreckt. Um Lebenskunst und Lebenskünstler geht es hier, um Kultur und Verpflichtungen und (einen Lehrling der Schreib)Kunst, es geht um das Tanzen und das Festhalten und ungünstige Momente, es wird kein Klischee ausgelassen und mit allen davon gespielt. Um Aufklärungen und Erklärungen wird hier geredet, man kommt sich näher, man will damit aufhören, bevor es zu spät ist, es kommen noch Gäste, zum richtigen oder zum falschen Moment, je nachdem, wen man fragt, wer hier was zu sagen hat und was nicht.
Ein Empfang steigt oder eher eine kleine Gastfreundschaft, eine Party unter Familien und Bekannten und Nachbarn, eine Frau ist etwas lauter als die Anderen. Jazz und Klassik sind auf der Tonspur, zwischen schlägt der Blitz in den Stromkasten ein, das Licht geht aus, man macht weiter bei Klavier und Kerzenschein. Die Mutter und ihre Lebensgeschichte stehen eingangs im Mittelpunkt des Filmes, ihr Verhalten gezeigt, das mit sich selber und mit anderen reden, schon als Teenager ein Rebell und viel erlebt, viel zu erzählen, viel aufzuschreiben, theoretisch. Beichten werden gemacht, der anderen Figuren, Offenbarungen in dunkler Nacht. Auf den Altersunterschied wird angesprochen, das Timing ist meist ungünstig, jeder in die 'falsche' Person verliebt, jeder einseitig verliebt, Berührungen gesucht, der Himmel klart auf, die Sterne zu sehen, "ein kurzes krampfhaftes Zucken" ist das Universum, eine tiefe und entglittene Wahrheit, eine berufliche Sicht und eine sehnsuchtsvolle durchdringende Anschauung, viel zum Zuhören, viel zum Mitschreiben, fern einer 'richtigen' 'Dramaturgie', das Beschreiben einer längeren Situation, ein Tag und eine Nacht, eine Zeit wie so viele Tage davor und danach, trotzdem etwas Besonderes, da hier die Kamera nah.
Es wird viel getrunken, es werden Dämme gebrochen, in die Intim- und Privatsphäre Anderer eingedrungen, in verletzbare Wesen, "Ich hab schon ein Leben", ein Liebesfilm der anderen Art, als sanftes und gleichzeitig kraftvolles Drama mit vielen Katastrophen hier, als wahrhaftige schmerzhafte Zeichnung, als Geben und Nehmen, als Zweifeln und Verzweifeln, als Gesellschaftsporträt, der Raum ist egal, die Zeit auch, wichtig sind die Figuren, sie könnten auch nackt auf einer leeren Bühne und ohne jedes Material oder Mobiliar stehen; nur die Musik sollte bleiben, die Gespräche, das Elend, die Zweifel, die Fehler begleitend. Zwischendurch geht der Strom wieder an, man hat sich mittendrin mit anderen Gegenständen beholfen, es wurden Gelegenheiten zum Aussprechen gefunden, mal wird sich vor der Haustür getroffen; Bewegungen wie in Zeitlupe und auch so zögernd und zaudernd, an einem anderen Tag wird das Haus von möglichen Kunden, von potenziellen Käufern in Augenschein genommen. Der Preis ist nicht gestiegen, der Preis ist nochmal gesunken. "Peter, der Sommer ist vorbei."; "Die Zeit wird vergehen, und Du vergisst diesen Sommer."