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Es gibt nur wenige Filme, die den Zuschauer gleich in den ersten Einstellungen so nachhaltig einfangen ohne spektakuläre Bilder oder spannende Sequenzen. DETACHMENT ist so ein Beispiel und der Film vermag es zudem auch in beispielhafter Weise nicht den moralischen Zeigefinger gegen die Schüler, Pädagogen oder Eltern zu erheben. Die Geschichte um Henry Barthes (Adrien Brody) als Aushilfslehrer an einer Schule vermeidet es zudem weitgehend, die sozialen Konflikte zwischen den Lehrern, Schülern und deren familiären Umfeld allzu vordergründig darzustellen. Sondern diese werden auf Basis eines ruhigen und klischeearmen Dramas aufgezeigt, das einem aber nicht vor unangenehmen und sogar brutalen Szenen verschont.

Henry Barthes ist Aushilfslehrer, wie man später feststellt aus Passion. Trotzdem erlebt man ihn als sehr engagierten Pädagogen, der ein besonderes Händchen hat mit verhaltensauffälligen Schülern umzugehen. Aber auch er hat sein Päckchen zu tragen mit seinem Großvater im Altersheim dem es nicht gut geht und dem überforderten Pflegepersonal. Und er selbst geht langfristige soziale Bindungen nicht gerne ein. Dafür steht auch der Filmtitel DETACHMENT, (steht in Englisch für Abtrennung, Abspaltung (von Gefühlen), aber auch Distanziertheit). Er steht auch für Henrys Zerrissenheit zwischen eigenen Problemen, den täglichen Misserfolgen des Lehrbetriebes und des Anspruchs eines möglichst guten Pädagogen. Im Lichte dieser Probleme mit den Erziehungsberechtigten seiner Schüler fordert er auch einen "Lehrplan für Eltern".

Adrien Brody als Henry spielt preisverdächtig. Anders kann man es kaum ausdrücken. Für Brody Fans ist DETACHMENT ein absolutes Muss. Er spielt den Pädagogen weder als Übermenschen, pädagogisches Weichei oder Sündenbock. Aber er legt eine hohe Intensität in die Zerrissenheit wie sie oben beschrieben wurde. Es gelingt ihm ein Balanceakt zwischen den ruhigen Phasen und den wenigen eruptiven Ausbrüchen, wenn die Überlastung unerträglich scheint. Nach einiger Zeit sieht man nur noch den Lehrer Henry Barthes in ihm, sein facettenreiches Spiel beeindruckt auf voller Linie. Es ist unspektakulär, aber voller Herzblut und man leidet mit ihm zwischen seinen Hoffnungen, die am Horizont immer wieder von aktuellen Ereignissen weggefegt werden.

Nach einem wirklich gefühlvollen Beginn besticht DETACHMENT nicht primär durch die Geschichte selbst, sondern wie sie sich vor den Augen des Zuschauers abspielt. Es braucht keine spektakulären Wendungen, Überraschungen oder gar Action. Dennoch wird man sehr an das Gezeigte gebunden und in ein pessimistisches und zeitweise schier aussichtsloses Szenario der Handlungsmöglichkeiten von Henry und anderen Lehrkräften gezogen. Dabei ist alles sehr realitätsnah gehalten und wirkt deswegen so verstörend. Kleine oder sogar nebensächliche Handlungen können hier Großes bewirken, im positiven wie im negativen Sinne. Viele Momente sind sentimental, ohne sich aber in Gefühlsduselei zu ergehen.

Technisch begeht Regisseur Tony Kaye äußerlich den Weg eines Independentfilms mit immer wieder schnellen Bildeinschüben, einer manchmal recht unruhigen Kamera mit viel Zooms, kurzen Gedankenfetzen aus der Vergangenheit von Hauptperson Henry über dessen Vita wir interessante Dinge erfahren, Zeichentricksequenzen und ungewöhnlichen fast surreal wirkenden Bildern und Kamerapositionen mit Weitwinkel und ähnlichen leichten Verfremdungen. Die Nahaufnahmen von Gesichtern unter diesen Bedingungen haben mich hier und da an Werke Kubricks erinnert. Wie ein Blitz treffen diverse Bilder des Films den Zuschauer völlig überraschend, wenn es um abschreckende Beispiele für Schüler im Bezug auf Geschlechtskrankheiten oder deren Verhalten beim Quälen von Tieren geht.

Kein Film ist perfekt und so hat auch DETACHMENT Momente in denen er etwas formelhaft wirkt, überladen, vorhersehbar, schwarz-weiß und auch die Person von Henry wird zeitweise zu positiv überhöht und fast auf eine Jesus-artige Stufe transformiert. Das Sprechen von Brody in die Kamera zum Zuschauer im Rahmen eines Interviews oder einer Therapie wird aus meiner Sicht dramaturgisch nicht benötigt. Dies trifft auch auf eher klischee-geprägte Nebenplots wie der mit der jungen Obdachlosen zu. Der Soundtrack ist für diese Art Film relativ aufdringlich, zwar meist zart im Hintergrund, aber dennoch fast durchgängig in etwas beliebiger Form vorhanden. Weniger wäre hier vielleicht auch mehr gewesen.

Dies wird aber deutlich überstrahlt durch die Leistung Brodys als auch diverser Nebenrollen, die sehr gut von Marcia Gay Harden als Directorin Dearden oder auch Lucie Liu als Dr. Parker dargestellt werden. Und durch die Art und Weise der Kameraführung und Inszenierung ergibt sich ein erschütterndes Drama, welches noch lange nachwirkt, trotz seiner grundsätzlichen Schwerverdaulichkeit und sperrigen Momente. Regisseur Tony Kaye hat für mich mit dem 1998er AMERICAN HISTORY X seine exzellente filmische Visitenkarte abgegeben, die er nun mit DETACHMENT in Form eines ebensolchen Dramas wiederholt.

7,5/10 Punkten

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