Review
von Leimbacher-Mario
System of a Down
„Detachment“ von „American History X“-Regisseur Tony Kaye war sein bis heute letzter Langfilm in der Traumfabrik (und überhaupt). Hier erzählt er von einem desillusionierten Vertretungslehrer an einer New Yorker Brennpunktschule, der zuerst etwas unterkühlt und neutral bis langweilig wirkt, der nach und nach aber durch Beobachtungen und neue Ansichtsweisen nicht nur die harten Herzen der Problemjugendlichen gewinnt…
„Detachment“ kennt kaum jemand und die Kritiker überschlugen sich zu seinem Release damals auch nicht gerade vor Lob. Wenn es überhaupt Berichte und Reviews gab. Dennoch bin ich der Meinung, dass Kayes trauriges (Schul-)Drama deutlich mehr Aufmerksamkeit und positive Stimmen verdient. Nicht nur wegen seiner dichten Starbesetzung - vor allem Adrien Brody spielt mal wieder rigoros groß auf. Nicht nur, weil man dem Macher von „American History X“ durchaus mal vertrauen kann. Sondern weil der Film ein dickes Brett ist, das durchbohrt werden will. Doch diese seelische bis fast schon körperliche Arbeit und Tortur lohnt sich! Man kann das als „misery porn“ vorschnell abtun, viel Wiederspielwert/-lust hat/macht das nicht, man kann das zu drastisch und einseitig gezeichnet finden. Denn die Hoffnung ist zwar da, doch muss man sie durchaus mit der Lupe suchen. Für mich hat das zum Teil bitterböse Werk aber seine humanen Punkte klar gemacht, den Kern der Sache getroffen, seine Gefühle - von Wut bis Traurigkeit - extrem gut und ungefiltert transportiert. Das Thema der (lieblosen) Eltern schwebt über allem, die brutalen und ziellosen Jugendlichen wirken eher als Katalysator wie als wirkliches Übel. Selbst wenn sie hier teils wirklich üble Dinge tun. Der Look ist eher monochrom und unschön, aber einige visuelle Tricks und Collagen werten den realistischen Blickwinkel auf. Alles wirkt irgendwie eher 90s als 2010er. Teilweise kommen „Leon, der Profi“-Vibes auf, teilweise Gedanken an Hoodklassiker wie „187“ oder „Dangerous Minds“. Auch dieses abgefuckte Gefühl von Solondz' „Happiness“ ist nicht fern. Doch im Grunde ist „Detachment“ sein eigenes, schmutziges Ding, aus dem man sogar durchaus Hoffnung und Lichtblicke ziehen kann - wenn man denn etwas über den schmutzigen Tellerrand schaut und dieses ungeschminkte, radikale Gedicht wirken bis ziehen lässt.
Fazit: einer der größten, menschlichsten filmischen Downer und Geheimtipps der letzten 20 Jahre - vielleicht etwas trist und einseitig, aber für mich definitiv einen wunden, traurigen Punkt treffend. Brutal und deprimierend. Plus starke Besetzung.