Review

Verschwörungstheorien aller Art sind ja im Politthriller Gang und Gäbe, warum das nicht auch mal im großen Stil im Gewand des biographischen Historienfilms probieren? Milos Formans Oscar-Abräumer Amadeus hat schließlich schon einige Jährchen auf dem Buckel. Die Zeit ist also durchaus reif, um mal wieder beherzt filmische Denkmalpflege der ketzerischen Art zu betreiben.

Diesmal soll es dem britischen Nationalheiligtum William Shakespeare an den gestärkten Kragen gehen und dabei nichts weniger als seine literarische Urheberschaft angezweifelt werden. Die im Historien-Thriller Anonymus aufgestellte These ist allerdings weniger blasphemisch als gemeinhin vermutet, brodelt doch der Streit um die Autorenschaft des berühmtesten englischen Dramatikers schon seit gut 150 Jahren. Schließlich ist über die Lebensumstände Shakespeares so gut wie nichts bekannt, des weiteren existiert kein Schriftstück, kein Hinweis in seinem Testament, das seine Urheberschaft belegen würde. Zwar lehnt die wissenschaftliche Shakespeare-Forschung die daraus resultierende Debatte geschlossen ab, kann aber nicht verhindern, dass außerhalb ihrer elitären Kreise das Thema immer wieder neue Nahrung erhält und damit weiterhin kontrovers vor sich hin brodelt.

Dass sich ausgerechnet der deutsche Hollywoodexport Roland Emmerich an die vermeintliche Demontage des Dichterheroen gewagt hatte, löste vor allem unter anglo-amerikanischen Kritikern und Literaturexperten einen orkanartigen Sturm der Entrüstung aus. Ist der Schwabe doch ausschließlich für inhaltlich platte, aber mit spektakulären Effekten aufgepeppte Zerstörungsorgien bekannt und damit offenbar per se disqualifiziert für die Auseinandersetzung mit hoher Kunst oder kulturhistorischen Streitfragen. So schickte sich der „Master of Desaster" offenbar nach all seinen Weltuntergangsspektakeln auch noch dreist an, auf seine bekannt plump-krachige Art die abendländische Kultur zu pulverisieren. Ein ungeheurer Affront!

Mal unabhängig von der hier deutlich zur Schau getragenen Überheblichkeit muss man sich schon die Frage stellen, ob die werten Herrschaften den Film überhaupt gesehen, oder falls doch - Gott behüte - vielleicht gar nicht verstanden haben.
Anonymus ist weit weniger Demontage einer literarischen Lichtgestalt, als vielmehr ein Königsdrama Shakespearschen Ausmaßes. Zwar bedient sich der Film der unter den Anti-Stratfordianern aktuell präferierten Theorie, dass der dem Hochadel entstammende 17. Earl of Oxford Edward de Vere den einfachen Schauspieler William Shakespeare als Strohmann einsetzte, da er aufgrund seines Ranges nicht unter dem eigenen Namen veröffentlichen konnte. Allerdings geht es Emmerich nicht um die „Demaskierung" des (im Film) ebenso windigen wie schmierigen Scheinautoren - dass Shakespeare die gefeierten Stücke nicht geschrieben hat, ist von Beginn an klar - , sondern um die tragische Geschichte de Veres, der seine literarischen  Leidenschaften und Talente nur im Verborgenen ausleben darf, was ihn letztlich politische Karriere, Liebe und Lebensglück kostet.

De Veres Geschichte ist dabei eng mit der des englischen Königshauses unter Elisabeth I. verknüpft. So teilen die beiden nicht nur die Leidenschaft für die Dichtkunst, sondern ein ums andere Mal auch das Laken und das nicht ohne Folgen. Edwards Vormund und Schwiegervater Sir William Cecil bemüht sich unterdessen vergeblich ihn für seine politischen Ambitionen nutzbar zu machen. De Vere zeigt sich uninteressiert  an der Staatskunst und angewidert vom den höfischen Intrigen und Machtspielen. Das hindert ihn allerdings nicht, seine Beobachtungen menschlicher Abgründe in seinen Theaterstücken zu verarbeiten und unter dem Pseudonym Shakespeare dem Volk vorzuführen. Als das Schicksal seines unehelichen Sohnes ihn schließlich doch auf das politische Parkett zwingt, kämpft er ganz seinen Anlagen gemäß mit Feder und Tinte gegen Schwert und allerlei Seilschaften. Am Ende läuft alles auf einen hochdramatischen dritten Akt hinaus, der direkt aus seinem Oeuvre entstammen könnte. Die Bühne scheint endgültig von der Realität eingeholt worden zu sein ...

Dass man der komplizierten Handlung bis zum großen Finale folgen will, liegt nicht zuletzt an dem großartigen Cast. Der eher auf schräge Vögel abonnierte Rhys Ifans liefert ein eindrucksvolles Portrait des zwischen Leidenschaft, Standeszwängen und malträtierten Gefühlen sich aufreibenden de Vere. David Thewlis und Edward Hogg brillieren als seine höfischen Kontrahenten ebenso wie Vanessa Redgrave als alternde Queen Elisabeth I.  
Zu den Stärken des Films gehören auch die opulente Ausstattung und die - für Emmerich-Verhältnisse geradezu spärlichen - Spezialeffekte. So gab man sich nicht nur bei zeitgenössischen Kostümen und Interieurs größte Mühe, sondern baute auch das berühmte Globe-Theatre eins zu eins in den Babelsberger Filmstudios nach. Visuell besonders beeindruckend sind die CGI-Aufnahmen des elisabethanischen London mitsamt Tower Bridge, diversen Straßenzügen und Panoramabildern der ganzen Stadt aus der Vogelperspektive.

Die größte Überraschung bei Anonymus ist aber sicherlich Emmerichs Fähigkeit, bei dieser komplizierten und verschachtelten Geschichte den Überblick behalten zu haben. Trotz mehrerer Zeitebenen zwischen denen der Film permanent pendelt, verliert man - konzentrierte Aufmerksamkeit vorausgesetzt - nie den Überblick und wird mit einem faszinierenden und spannenden Historiendrama belohnt, sofern man sich auf die gewagte und unbewiesene "Strohmann"-These einlassen kann bzw. will.
Vor allem die clevere Verknüpfung zentraler Handlungsebenen diverser Shakespeare-Stücke mit der filmischen Realität sorgen für intellektuellen Kitzel und lassen Emmerichs bisherige Werke narrativ weit hinter sich. Der Versuch den Hochadel ausgerechnet mit der von ihm belächelten und verachteten Dichterei aufs Kreuz zu legen, hat einen unwiderstehlichen süffisant-ironischen Charme.

Natürlich ist John Orloffs Skript gespickt mit Interpretationen und Vermutungen rund um die Biographie des 17. Earl of Oxford. Die im Film behauptete Liaison mit Elisabeth I. ist ebenso wenig bewiesen, wie seine Rolle im Intrigenspiel um ihre Nachfolgeregelung. Gleiches gilt auch für die Veröffentlichung seiner Werke durch das „Pseudonym" Shakespeare.
Anonymus ist damit kein historischer Spielfilm der Anspruch auf Authentizität erhebt, sondern vielmehr ein Drama in historischem Gewand das vornehmlich - wenn auch anspruchsvoll - unterhalten will. Der Film hat damit dasselbe Ziel wie die Bühnenstücke des großen englischen Dramatikers und bedient sich derselben bewährten Zutaten: Liebe, Intrigen, Verrat, Inzest, Betrug und Mord. Das wird insgesamt vielleicht nicht ganz so geschliffen und pointiert vorgetragen wie in Shakespeares größten Erfolgen, ein applaudierendes Publikum hat sich Emmerich damit aber zweifellos verdient.

Details
Ähnliche Filme