Ein kleiner Junge wird von seinem alleinerziehenden Vater verstoßen, weil dieser einen neuen Lebensabschnitt beginnen möchte, bei dem der Sprössling stören würde; nur hat der Mann nicht genug Eier in der Hose, das seinem Sohn so explizit zu sagen, also schickt er ihn mit der Lüge "nur für einen Monat" ins Kinderheim. Dort macht der Junge nur Probleme und bricht mehrmals aus, um seinen Vater wiederzufinden. Eine Friseuse (Cecile France) aus der Nachbarschaft des Vaters erklärt sich bereit (mit staatlichem Segen), den Jungen jedes Wochenende bei sich wohnen zu lassen...
Was ein schöner Film! Besonders interessant ist dass die Dardennes (ja, die) nach kurzer Zeit die Wochentage in Kinderheim und Schule komplett aus dem Film ausblenden und bloß die Wochenenden zwischen dem Jungen und der Friseuse zeigen - und zwar als ob die verschiedenen Wochenenden eine ununterbrochene zeitliche Einheit wären. Das ist ein fragmenthater Film, der aber nicht fragmenthaft wirkt, sondern sehr fließend. Das zeigt sich auch an diversen anderen Auslassungen (z. B. die Motivationsfrage der Frau). Die Dardennes richten den Fokus dermaßen geschickt auf bestimmte Aspekte dass man gar keine Auslassungen wahrnimmt/bemängelt.
Ein nicht unbeachtliches Kunststück ist dass die ganzen ollen Klischees (z. B. "Junge lernt eine böse Jugend-Gang kennen, die ihm familiären Zusammenhalt suggeriert, um ihn zu Straftaten zu bewegen") nicht stören. Denn trotz aller Klischees wirkt die Geschichte sehr organisch und die Figuren plastisch. Man kann als Zuschauer tatsächlich Empathie, menschliches Interesse für den Jungen und seine Umstände entwickeln.
Toll gefiel mir auch dass der Film, obschon hier harter Tobak thematisiert wird, eine gewisse Leichtigkeit besitzt. Es wird genau der richtige Ton getroffen: Nicht so viel Leichtigkeit dass der Film banal wirkte, aber auch nicht so viel Schwere dass der Film schwer verdaulich wäre.
Sehr schöner und von den Dardennes mit einem regelrecht unangestrengt wirkendem Geschick inszeniert. Ubaldo zufrieden ist, wenngleich dies kein Film ist, dem ich große Relevanz oder Potential zu Denkanstößen attestieren würde. Aber das ist ja auch gar nicht zwingend, damit ein Film toll ist.