Review

Steter Tropfen höhlt den Stein 

Die Dardenne-Brüder machen seit Jahren in Belgien das, was weder Hollywood geschweige denn der deutsche Film mehr hinbekommen - einfache, menschliche Geschichten, die weder dick auftragen noch kitschig werden, dafür uns umso mehr berühren. Wie in "Der Junge mit dem Fahrrad", in dem 87 Minuten gefühlt nichts Spektakuläres passiert & man am Ende von der alltäglichen Magie, der Trauer & dem Glück, trotzdem wie eingenommen & weggeblasen zurückbleibt. Dezent, ehrlich, fesselnd, auf dem Boden geblieben, pur - einfach starkes Kino, heute wie damals schon mit "Rosetta" Ende der 90er.

In diesem feinfühligen Feinschmecker-Film, wird ein junger Teenager von der Entscheidung seines Vaters enttäuscht, der ihn auf Grund seines eigenen komplizierten Lebens, nicht mehr sehen will. So landet der verlassene kleine Cyril über den Umweg Kinderheim, bei einer Friseurin mit großem Herz & lernt, was es heißt zu Lieben, geliebt zu werden & zu Verzeihen. Eine einfache, simple Story, die trotz einer fast heiligen Lebensretterin nie unwahrscheinlich wirkt - wir als Zuschauer immer mittendrin, involviert & in mehrfacher Hinsicht angetan. Durch die kurze Laufzeit kommt selbst bei Arthouse-Skeptikern nie Langeweile auf, selbst wenn man nicht ganz so verzaubert wird wie ich. Eine gute Geschichte, glaubhafte Charakter, ein Wohlfühl- & Erleichterungsgefühl am Ende - einfach ein Film, der die Welt mit positiven, wie realistischen Augen sieht & sie meiner Meinung nach ein Stück besser macht. Das beste Beispiel ist der "Showdown", in dem durch das Ausbleiben von Rache, Action oder Schock, eine unglaubliche Katharsis einsetzt. 

Der Look ist Dardenne-typisch unspektakulär hübsch, die Darsteller liefern herausragende Leistungen ab. Der kleine Junge  ist das Gegenteil von sonstigen, oft nervenden oder steifen Kinderdarstellern, wird nur übertroffen von seiner filmischen Pflegemutter - was Cecile de France als alles opfernde, fast heilig dargestellte Ziehmutter hier abliefert, ist aller Ehren & Preise wert. Die Story lässt genügend Freiraum für Interpretationen, zum Mitdenken, was ein neugieriges & gleichzeitig konzentriertes Publikum fordert & fördert. Vorgekaut & übererklärt wird woanders. Klein aber oho, ist der Film fast so etwas wie die Quintessenz des Regie-Duos - fein, rein, mehr Sein als Schein. Das Gegenteil einer Traumfabrik - eine (idealisierte) Realitätsfabrik.

Fazit: einfühlsames & in Erinnerung bleibendes Drama, dass das belgische Kino auf seinem beeindruckenden Vormarsch zeigt. Frei von Platitüden, eine stille Hymne an das Gute im Menschen - The Dardennes do it again! Kaum jemand schält das Magische so spielerisch aus dem harten Alltag!

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