Als Charles Spencer Chaplin im Jahre 1913 von der Keystone-Filmgesellschaft für den US-amerikanischen Filmmarkt entdeckt wurde, konnte noch niemand ahnen, dass aus dem damals 24jährigen eine der größten Persönlichkeiten der Filmgeschichte werden sollte. Die Basis dafür sollte Chaplin selbst bereits 1921 mit seinem ersten Langfilm „The Kid“ schaffen, der eindeutig zu seinen besten Werken zu zählen ist.
In diesem Film bedient sich Chaplin wieder einmal seiner angestammten Tramp-Rolle, die hier ein ausgesetztes Baby findet. Zunächst versucht Charlie, das Baby wieder loszuwerden, doch schon bald wird er sich seiner neuen Aufgabe bewusst: er muss für das kleine Wesen sorgen und es aufziehen. Fünf Jahre später sind die beiden ein eingespieltes Team: Gemeinsam versuchen sie, meist auf unorthodoxe Art und Weise, Geld zu verdienen. Jedoch werden die beiden, die ein inniges Vater-Sohn-Verhältnis verbindet, durch die Polizei getrennt, nachdem sich herausgestellt hat, dass Charlie nicht der leibliche Vater des Kindes (Jackie Coogan) ist…
Chaplin begeht in „The Kid“ wirklich eindrucksvoll eine ausgewogene Gratwanderung zwischen amüsanter Slapstick-Comedy und bedrückender Dramatik, die auch heute noch den meisten Regisseuren arge Schwierigkeiten bereitet. Lacher, die Chaplin durch seine Slapstick-Einlagen erzeugt, werden hier durch direkt folgende, bedrückende Momente im Keim erstickt. Die sozialkritische Komponente, die in erster Linie für die bedrückenden Momente von „Der Vagabund und das Kind“ verantwortlich ist, sollte Chaplin noch einige Male in seinem filmischen Schaffen bemühen, jedoch nie mehr so eindrucksvoll und berührend wie hier: dem armen Tramp wird das Kind, das ihm ans Herz gewachsen ist, weggenommen, eben weil der Tramp arm ist. Auf die Tatsache, dass er wohl besser für das Kind sorgen kann als irgendjemand sonst, wird seitens der Polizei und des Waisenhauses ebenso außer Acht gelassen wie die emotionale Bindung des Jungen an den Tramp.
Dieses Thema fand auch in der jüngeren Vergangenheit oft (in abgewandelter Form) den Weg zurück auf die Leinwand (z.B. in John Hughes’ „Curly Sue“), jedoch blieben diese Adaptionen des Chaplin-Stoffes in den meisten Fällen nur halbherzige Versuche einer Neuauflage des Themas, die zu keinem Zeitpunkt den Charme und die Emotionalität des Originals erzeugen konnten. Großen Anteil am Charme dieses frühen Chaplin-Filmes hat dabei vor allen Dingen die anrührende Performance des Jung-Mimen Jack Coogan. Überraschend souverän für einen Jungen seines Alters bedient er sich der gesamten Palette seiner schauspielerischen Fähigkeiten, indem er im einen Moment kindliche Freude darstellt, um im nächsten Augenblick in erschütternder Trauer und Verzweiflung aufzugehen.
Lediglich eine zum Finale des Filmes hin eingeschobene Traumsequenz des Tramps erweist sich als im gesamten Erscheinungsbild des Filmes deplatziert. Chaplin versuchte damit, darzustellen, wie leicht ein Paradies durch Sünden unterminiert, wie leicht das Schöne durch das Böse zerstört werden kann. Sicherlich in seiner Botschaft richtig und irgendwie auch wichtig, jedoch trübt dieser expressionistisch erscheinende Einschub den Gesamteindruck etwas.
Und dennoch ist Charlie Chaplin mit „The Kid“ ein herausragender Film gelungen: in gerade einmal 50 Minuten packt er die gesamte Bandbreite menschlicher Emotionen und lässt so seine Zuschauer eine Achterbahnfahrt zwischen Freude und Depression durchleben. Ein eindrucksvoller Beweis (wenn nicht gar der eindrucksvollste Beweis) dafür, dass sich Drama und Komödie in einem Film nicht gegenseitig ausschließen müssen:
A comedy with a smile… and perhaps a tear! 9/10