Man könnte beim lesen der Inhaltsangabe fast meinen, es handelt sich hierbei um einen Abklatsch von Walter Hills "Driver" oder "Transporter" mit Jason Statham. Doch "Drive" erweckt nur oberflächlich diesen Eindruck und erinnert optisch an die 70er und 80er Jahre. Ganz große Klasse ist der Score, besonders die Titelmelodie sticht hier hervor. Wie üblich in früheren Jahrzehnten, werden gerne mal ganze Songs gespielt, die sich sehr abwechslungsreich der wechselnden Gemütsstimmung der Hauptfigur anpassen. Von fetzig über klassisch bis hin zu opernhaften Sounds ist alles vertreten, um die stark unterkühlte Grundstimmung des Films perfekt zu unterstützen. Die ruhigen, körnigen und meist sehr amtosphärischen Bilder von Regisseur Nicolas Winding Refn (Pusher, Bronson) haben etwas Einzigartiges, genauso wie Hauptdarsteller Ryan Gosling (Mord nach Plan) der mit seinen Blicken und Gesten mehr sagt als tausend Worte. Refn ist sowieso ein Regisseur, dessen Bilder eine eigene Sprache sprechen. Auch die spezielle Positionierung der Kamera fällt sofort ins Auge, genauso die brillanten Kamerafahrten über die Stadt bei Nacht. Oder so Kleinigkeiten wie die pinken Schriftzüge, welche diese herrlich Retro-Optik komplettieren. Eine durch und durch altmodisch angehauchte Mixtur aus Thriller und Drama, die trotz ihrer Ruhe perfekt funktioniert, jedoch leider storytechnisch Originalität vermissen lässt.
Tagsüber ist er Mechaniker, nebenbei arbeitet er als Stuntfahrer und ab und zu steuert er ein Fluchtfahrzeug. Der Driver (Ryan Gosling) soll nun mit seinem Mentor Shannon (Bryan Cranston) in ein großes Geschäft einsteigen, welches der Mafiosi Bernie Rose (Albert Brooks) und dessen rechte Hand Nino (Ron Perlman) finanzieren. Doch der Driver verliebt sich währenddessen in seine Nachbarin Irene (Carey Mulligan), deren Mann Standard (Oscar Isaac) gerade aus dem Knast entlassen wird. Und Standard ist auch der Schlüssel zu einer Katastrophe, schließlich gerät der Driver ins Visier der Mafia.
Ein junger ziemlich schmächtiger Mann ohne Namen und Vergangenheit. Seit sechs Jahren ist er nun in Los Angeles bei Shannon und alle seine Jobs haben mit Autos zu tun. Als Fahrer sowie als Mechaniker ist er ein Naturtalent, sein privates Auto ist ein 73er Chevrolet Chevelle, den Gosling höchstpersönlich für den Film restaurierte, um sich besser mit seiner Rolle auseinandersetzen zu können. Und die ist tatsächlich sehr speziell, denn der Driver ist ein fast seltsamer, aber dennoch sympathischer Typ. Refn lässt dem Zuschauer viel Spielraum, die Vergangenheit des Drivers selbst zu deuten.
"Drive" bewegt sich jedenfalls meilenweit weg vom Mainstream, wie schon der Beginn aufzeigt. Hier fährt der Driver das Fluchtfahrzeug für Räuber und anstatt die Konfrontation mit der Polizei zu suchen wie beispielsweise in "Transporter", macht es der Driver wesentlich klüger und versucht jeglichen Streit zu umgehen. Viele werden hier einen Actionfilm erwarten, doch dem ist in keinster Weise so. Im ganzen Film gibt es eine schick inszenierte Autoverfolgungsjagd, die jedoch mit einem Autocrash auf dem Boden der Tatsachen bleibt. Hier unterscheidet sich "Drive" von typischen Hollywoodstreifen, denn anstatt auf jegliche Schauwerte zu setzen, werden diese hier umgangen. Gelgentlich lässt Refn die Gewalt förmlich explodieren, wenn der Driver sich seiner Haut erwehren muss und dafür seine Gegner ultrablutig ins Jenseits schickt. Und hier erschrickt man förmlich, zu was der schmächtige Driver fähig ist.
Sieht man jedoch von Refns Inszenierung mal ab, ist die Chose nicht sonderlich einfallsreich. Ninos eigenmächtiges Handeln ist die einzige Überraschung im Film, ansonsten konzentriert man sich sehr auf die Beziehung zwischen dem Driver und Irene. Auch Standard stellt noch einen Ausnahmecharakter da, hervorragend verkörpert von Oscar Isaac (Sucker Punch, Der Mann, der niemals lebte). Jedoch sollte man sich auf diesen ruhigen Erzählstil von Refn einlassen können, manchmal hätte ich mir doch ein wenig Tempo gewünscht, gerade die erste Halbzeit ist zu ereignislos geraten.
Dieser circa 15 Millionen Dollar teure Independentfilm hat durchaus das Potential zum Kultfilm. Allein wegen Refns brillanter Inszenierung ist "Drive" sehenswert, die Retro-Optik wird besonders Nostalgiker ansprechen. Gosling und die niedliche Carey Mulligan (Public Enemys, Alles, was wir geben mussten) liefern eine tolle Performance weitab jeglicher Hollywood-Schauwerte. Überhaupt bleibt "Drive" sehr real und dabei teilweise erschreckend brutal. Action ist extrem rar gesäht, die Story hat keine Neuerungen zu bieten und manchmal könnte mehr Schmackes dahinter stecken. Dennoch spreche ich meine Empfehlung mit sehr guten 7 Punkten aus.