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"Wenn man diesen Burschen hinters Steuer setzt, gibt es nichts, was er nicht kann."

Während der namenlose und wortkarge Einzelgänger (Ryan Gosling) tagsüber als Stuntman oder in der Autowerkstatt seines Freundes Shannon (Bryan Cranston) arbeitet, übernimmt er nachts Aufträge als Fluchtfahrer bei Raubüberfällen. Er selbst beteiligt sich aber nicht an den Überfällen. Er fährt.
Eines Tages lernt er die alleinerziehende Mutter Irene (Carey Mulligan) kennen und verliebt sich in sie. Er verbringt einige Zeit mit ihr und ihrem Sohn und erfährt, dass ihr Ehemann Standard (Oscar Isaac) im Gefängnis sitzt. Dieser wird überraschend entlassen und hat ein Problem: Schulden veranlassen ihn dazu sich an einem Überfall zu beteiligen. Der Außenseiter bietet seine Hilfe bei der angeblich sicheren Ausführung des Überfalls an. Doch dieser misslingt und plötzlich sieht sich der Fahrer in seinen Zukuntsplänen bedroht.

Wer hinter dem Titel "Drive" einen actionbetonten Rennstreifen mit effektreicher Materialschlacht vermutet liegt falsch. Der Independentfilm bewegt sich abseits des Hochglanzkinos, stilistisch in den 80ern und präsentiert das Geschehen zwischen ruhiger Eleganz und kompromissloser Gewalt.

Nicolas Winding Refn ("Walhalla Rising", "Pusher"-Reihe) vereint lange hypnotische Kamerafahrten, introvertierte Einzelgänger als Protagonisten, einen ausgefallenen, die Handlung unterstützenden Soundtrack und eruptiv einbrechende, exzessive Brutalitäten, so wie man es von seinen vorigen Filmen kennt.
Direkt zu Beginn zeigt "Drive" wie eine Flucht mittels PS kräftigem Untersatz auch ohne das aufeinanderprallen von Fahrzeugen funktionieren kann. Hierzu nutzt der Protagonist den Polizeifunk, die Lichtverhältnisse der Straßen und die Kenntnis der Umgebung. Bereits hier wechseln sich ruhige Fahrten hinter Polizeiwagen mit fluchtartigen Sequenzen ab, was auch auf die folgende Erzählweise zutrifft.

Den Wechsel zwischen ruhigem, fast schon unterkühltem Drama und überfallartiger Action kommt überwiegend unerwartet. "Drive" provoziert dadurch ein sehr wechselhaftes Bad der Emotionen. So zelebriert der Film in der ersten Hälfte eine Romanze mit stillen Blicken anstatt abgedroschener Dialoge und setzt mittels immenser Kammeranähe zu den Darstellern den Schwerpunkt auf seine Figuren. Erst in der zweiten Hälfte geben sich ruhige Momente und überaus heftige Gewaltausbrüche die Hand, die merklich von ihrer Handfertigung profitieren.

Wenig originell steuert die konventionelle Handlung auf die Konfrontation eines in die Enge getriebenen, prinzipientreuen Außenseiters zu, der sich nicht der Übermacht einer mächtigen Organisation beugen will und damit seine ehrgeizigen Aufstiegspläne aufs Spiel setzt. Die enorm ruhige Erzählweise führt dabei zu ein paar Längen, die allerdings durch das Zusammenspiel von Bild und Ton beinahe wieder ausgeglichen wird.
"Drive" baut eine beeindruckende Atmosphäre auf. Der Synthie-Pop-lastige Soundtrack unterstützt die mal wohlig warme, mal eiskalte Stimmung und nutzt seine Themen "Nightcall", "Under Your Spell" und "A Real Hero" für die wichtigsten Momente.

Das Zusammenspiel der Darsteller untereinander und das Gespür für ihre Charaktere funktioniert außerordentlich gut, auch wenn diese etwas zu naiv angelegt sind. Schnell gewinnt der Protagonist an Sympathie und entfaltet die Dynamik seines Charakters, von der kalten Routine seines Doppellebens über seine rohe, konsequente Gewalt bis hin zur unschuldigen Zärtlichkeit im Blick zu Irene. Erschreckend ist die Authentizität und Schärfe, die Ryan Gosling ("State of Mind") seiner Figur bei jeder Regung verleiht und den Zuschauer auf eine Gratwanderung zwischen Identifikation und Furcht schickt. Ähnlich ausdrucksstark, allerdings weniger präsent, ist Carey Mulligan ("Wall Street: Geld schläft nicht").
Die Schauspieler Bryan Cranston, Oscar Isaac ("Sucker Punch"), Ron Perlman ("Hellboy"-Reihe, "Mutant Chronicles"), Albert Brooks und Christina Hendricks hinterlassen durch ihre eingeschränkten Nebenrollen einen weniger bleibenden Eindruck, geben ihren Figuren aber emotionale Ambitionen.

Schon in den ersten Momenten zeigt sich "Drive" mit stimmigen nächtlichen Los Angeles-Bildern, einem Vorspann mit rosa Schriftzug und atmosphärischen Synthesizer-Score am 80er Jahre Gangsterkino orientiert. Actionfans sitzen allerdings definitiv im falschen Film. Trotz harter Szenen, die völligst unangekündigt einschlagen ist der Film überwiegend ein düster-kaltes Drama, dass eine enorme Atmosphäre entwickelt. Nicht zuletzt Dank seiner spielfreudigen Darsteller, die trotz der geradlinigen Handlung und ruhigen Erzählweise den Film in Bewegung halten.

9 / 10

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