Review

Drive (2011)

"Ich bin Fahrer..." (DRIVER: Ryan Gosling)

...Und ICH durfte gut 100 Minuten lang mehr als begeistert und permanent aus dem Beifahrerfenster herausstaunend "mitfahren"!

Der Däne Nicolas Winding Refn hat hier nach den bereits sehr guten "Kim Bodnia"-Filmen Bleeder und Pusher wohl seine "Meisterprüfung" mit Bravour bestanden.

Story-Anriss:
"Driver", Stuntman und Automechaniker Ryan Gosling lernt seine Nachbarin Irene und ihren kleinen Sohn Benicio kennen und schätzen. Erste zarte, respektvolle Bande werden geknüpft, eine kleine aber feine Lovestory bahnt sich an. Doch kurze Zeit später wird Irene's Mann Standard, noch in der Schuld einiger ehemaliger "Schutzgeber" stehend, aus der Haft entlassen und schon bald färbt sich nicht nur SEIN Hemd tiefrot...

Bryan Cranston trotz ungewohnter (für Breaking Bad Zuschauer) Tommy Lee Jones-Synchro wieder mal eine Bank in Sachen Schauspiel.
Ron Perlman, genialstes breites Grinsen nach Steven Tyler und immer filmbereichernd, gefällt wie gewohnt und gehört zur Kategorie: Raum betreten, Raum gefüllt. Ob James Biberi als schmieriger Jogginganzugtragender "Cook", Albert Brooks als überheblicher Gangsterboss "Bernie Rose", oder auch Oscar Isaac als "Standard", alle füllen hier ihre Rollen mit genügend Leben aus. Auch Kaden Leos als "Benicio" und dessen Mutter Carey Mulligan als "Irene" wissen zu überzeugen.

Kommen wir zum "Driver"-Ryan:
Ich fand ihn in dieser Rolle mehr als perfekt.
"Negative Zungen" mögen ihm unterstellen er wäre kein Charakterdarsteller oder hätte nur einen Gesichtsausdruck.
Positiv könnte man aber auch dagegen halten und sagen: Er ist sich seiner durchaus vorhandenen Coolness bewußt, nimmt sich selbst aber nicht so wichtig und lässt dem FILM den Vortritt. Seine auf den ersten Blick zurückgenommene, minimalistisch anmutende Darbietung, ist nämlich zeitgleich auch von einer enormen Präsenz begleitet. Ich finde seine sich nicht in den Vordergrund drängen wollende Art und Weise eher löblich, denn hier ist nur einer der Star: Der Film!
Dennoch wurden mir alle Informationen die ich zum Verstehen und Fühlen brauchte durch viele kleine Gesten und Blicke vollkommen ausreichend transportiert. Es gab viele Stellen da hätte ein Dialog den "Zauber der Situation" eher zerstört denn unterstützt.

"Willste 'nen Zahnstocher?" (Driver)

Hier regiert eher großflächig die Bildersprache, untermalt von einem unfassbar gut gewählten Soundteppich und immer wieder unterbrochen durch eruptiv-blutige Gewaltausbrüche und hervorragend integrierte und gefällig inszenierte Actioneinlagen die den Film jederzeit gekonnt aus dem teils leicht nahenden Kitsch-Bereich tragen. Die Story ist klein aber fein und auf den Punkt gespielt.

Selten, für einen Film dieses Genres, eine respektvollere Romanze gesehen. Hier werden sich nicht gleich nach 10 Minuten die Klamotten vom Leib gerissen und züngelnd und sabbernd übereinander hergefallen, beendet mit einem "coolen" Oneliner, nein, hier werden Emotionen noch fast ausschließlich über kleine Gesten und einfühlsame Blicke ausgetauscht, werden sehr zurückhaltend, sehr reduziert, aber mehr als eindringlich, intensiv und sich viel Zeit nehmend eingebunden. So einfache Dinge wie zu dritt im Auto durch diesen Kanal zu fahren und danach in einer eigentlichen Betonwüste in einem kleinen Wäldchen am See sitzen. Kitsch für die einen, angenehme und wortlos perfekt und auf den Punkt gebrachte Emotionen für den anderen. Einfach auch mal schweigen können.

Dialogbeispiel und für mich eine sehr starke Szene, ACHTUNG SPOILER:

Irene's Mann aus dem Knast raus, Willkommensparty, sehr laute Musik...
Irene nicht so begeistert, gedanklich beim Driver, geht raus auf den Flur, setzt sich, Driver steht da, folgender Dialog:

Irene: Tut mir leid das wir so laut sind.
Driver: Ich wollte schon die Polizei rufen.
Irene: Ich wünschte das würdest du tun....

Ein toller Dialog! Blicke und toll performte Gefühle sagen soviel mehr aus als der letztendlich profan scheinende textliche Inhalt.

Eine weitere große Stärke ist natürlich ganz eindeutig der Score!
Es gibt nicht nur eine Szene in der die Musikuntermalung auf die Sekunde genau auf das bildliche Geschehen abgestimmt ist. Eine reine "Augen- und Ohrenweide".

Der Soundtrack:

Vincent Belorgey, alias "Kavinsky" und seines Zeichens französischer Elektro-DJ und Produzent, eröffnet den Film musikalisch mit "Nightcall". Erste Gänsehäute breiten sich aus. Dieser Song war zudem auch in den französischen und belgischen Charts vertreten. Dann sei nicht zuletzt Johnny Jewel, amerikanischer Plattenlabelboss und Produzent u.a. von "The Chromatics" und "Desire", beide aus dem "Lager" Italo-Synthie-Dance-Pop, dessen jeweiliges Mitglied er auch zeitgleich ist, genannt. "The Chromatics" steuerten den großartigen Song "Tick of the clock" zum Film bei, der nicht allzuweit von Carpenters "Assault-Anschlag bei Nacht"-Klängen entfernt ist. Die kanadische Band "Desire" sorgte für den auch textlich sehr passenden Song "Under your spell". Einige Mitglieder der "Chromatics" sind zudem auch Mitglieder von "Desire". Johnny Jewel wiederum war bereits in den Film "Bronson" (2008) musikalisch involviert und wird sich "kreisschließend" auch um die klangliche Vertonung des Regieerstlings von Ryan Gosling kümmern. (Lost River (2015) ).
Für die restliche ebenso sehr eindringliche Vertonung zeichnet Cliff Martinez, Mitte der 80er Drummer der "Red Hot Chili Peppers", verantwortlich, der bereits die Musik für diverse Filme wie z.B. Solaris, Narc oder die Serie "The Knick" beisteuerte. Eine Mischung aus Percussion und Elektrobeats.

Insgesamt in allen Punkten völlig begeisternde 100 Minuten emotionale, gewalttätige, blutige, liebevolle, respektvolle und musikalisch bestens eingebettete Bilder!

Ich verzeihe sogar den "kleinen" Filmfehler, autotechnischer Natur, und vergebe am Ende unumstößliche:

"10/10"

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