Seelenlose Arthouse-Action
Tagsüber absolviert er (Ryan Gosling) Automobil-Stunts für Actionfilme; nachts arbeitet er als Fahrer für Kriminelle. Er selbst beteiligt sich nicht an den Verbrechen. Er fährt nur. Sein Leben ist völlig vereinsamt, er kennt nur das Autofahren. Das ändert sich, als er sich mit seiner süssen Nachbarin Irene (Carey Mulligan) befreundet. Irenes Ehemann Standard (Oscar Isaac) ist kürzlich aus dem Knast entlassen worden. Seither lauern ihm überall Schmalspur-Ganoven auf. Sie wollen ihn dazu zwingen, einen letzten Überfall durchzuziehen. Der namenlose Fahrer hilft Standard – und macht sich dabei mächtige Feinde.
Nicolas Winding Refn ist mit Drive (2011) eine Sensation gelungen: ein Film, der sowohl in Arthouse-, als auch in Actionfilm-Kreisen Begeisterung auslöst. In Cannes wurde er für seine Leistung als bester Regisseur ausgezeichnet. Refns Vision ist gnadenlos cool: von den messerscharfen Bildern bis hin zum stilvollen Soundtrack. Die spektakuläre Hetzjagd, die als Intro dient, verspricht eine edle Thriller-Stimmung. Eine Erwartung, die Refn sogleich unterwandert. Er verbringt viel Zeit, um seine Charaktere einzuführen und langweilt sein Publikum dabei bewusst. Die Hauptfigur bleibt über die gesamte Laufzeit enigmatisch: Ein leerer Anti-Held, von dessen Seelenleben wir rein gar nichts mitbekommen.
Diese Geheimniskrämerei dürfte es sein, die Refn den Respekt seiner gebildeten Zuschauer gesichert hat. Der gesamte Plot ist von Anfang an als Metapher für die Sehnsüchte des Drivers angelegt. Er folgt zwar einer gewissen Logik, wird aber zusehends surrealer und kathartischer – bis sich der Fahrer als labiler Psychopath entpuppt. Refn verweigert eine Identifikation mit der Hauptfigur, lässt ihrer angestauten Frustration freien Lauf. Das Problem: Drive wird Opfer seiner eigenen Coolness. Er ist stilistisch derart ausgefeilt, dass der Film zu einem puren Spiel mit Oberflächen verkommt. Natürlich darf das Publikum allerlei auf Ryan Goslings stoischen Fahrer projizieren; er ist ein leeres Blatt. Von sich aus vermittelt der Film allerdings nicht viel Bedeutungsvolles. Grundthema ist die unerfüllte und verdeckte Liebe des Fahrers zu Irene; und seine Unfähigkeit, ein normales Leben zu führen. Bei der Erforschung dieses Motivs kommt Refn allerdings nicht über Plattitüden und Stereotypen hinaus. Wie viel subtiler ist da etwa Martin Scorseses ähnlich gelagerter Taxi Driver (1976)!
Man mag einwenden, dass genau das die Pointe von Drive sei: die Verweigerung jeglicher Psychologisierung, das ironische Chargieren mit oberflächlichen Schauwerten. Refn filmt tatsächlich aus einer distanzierten Meta-Ebene heraus, die dazu geeignet ist, die Grenzen zwischen Autoren- und Genre-Film zu verwischen. So wird Drive zu einer durchaus faszinierenden Kippfigur. Man fragt sich: »Ist das nun ein bodenständiger Actioner oder ein abgehobenes Experiment?« Eine Antwort darauf gibt Refn nicht. Es fällt schwer zu glauben, dass er hinter dem faden Ganster-Plot eine tiefgründige Botschaft verstecken wollte. Hinter den geheimnisvoll edlen Bildern scheint sich ein durch und durch nihilistischer Kern zu verstecken.
Refn entfaltet seine Set Pieces allzu genussvoll. Es scheint, als verlöre er sich selbst in der Inszenierung. Manchmal fehlt die Distanz eben doch, und dann landet der Film in der Banalität des Hollywood-Kinos, die er scheinbar ironisiert. Refns prätentiöser Nachfolgefilm Only God Forgives (2013), ebenfalls mit Ryan Gosling, ist in dieser Hinsicht wesentlich ehrlicher. Er lässt keinen Zweifel daran, dass das Gezeigte eine Farce ist, während Drive eine Tiefgründigkeit vorgaukelt, die er nur bedingt besitzt.
Als Arthouse-Action befindet sich Drive in einer so seltsamen wie spannenden Nische. Refns Experiment steht ungelenk und paradox da, teilweise fast scheinheilig. Ein Blick in diese Nische lohnt sich trotzdem. Denn Drive ist ein beeindruckendes Lehrstück für das Handwerk der verkünstelten Leere.
6/10