Der Driver (Ryan Gosling) ist ein einsamer Wolf: Neben seinem Job als Mechaniker und Stunt-Fahrer verdient er sich als Fahrer für Raubüberfälle etwas Geld dazu. Viel gibt es nicht, über das er reden könnte. Als er seiner Nachbarin näher kommt und ihrem gerade aus dem Knast entlassenen Mann helfen will, gerät er unversehens in einen Strudel aus Gewalt und Verrat, der ihn und alle, die ihm nahe stehen, immer tiefer in einen dunklen Abgrund zu reißen droht.
In den meisten Medien als kluger Action-Thriller angekündigt, entpuppt sich der Film von Regisseur Nicolas Winding Refn als berührendes, intensives und sehr düsteres Gangster-Drama, das mit psychologisch dichten Figuren, ausdrucksstarker Inszenierung und punktuell explodierenden, hammerharten Gewaltszenen zu überzeugen weiß.
Mehr oder weniger kann man den Film als in zwei Teile getrennt betrachten: In der ersten, durch viele ruhige und dunkle Einstellungen geprägten Hälfte wird der Zuschauer Stück für Stück mit den Figuren vertraut gemacht. Die Art, auf die das geschieht, ist in ihrer zurückhaltenden Inszenierung großartig und sehr eindringlich: Mehr durch ausgefeilte Mimik und Gestik, mehr durch eben die Dialoge, die niemals ausgesprochen werden, begreift man, dass alle Hauptfiguren - der Driver, sein väterlicher Freund und Arbeitgeber, die nette Nachbarin, ihr Mann - auf der Flucht vor einer bedrückenden Vergangenheit sind. Jeder hier hat an seinem Leben zu tragen und diese Erschöpfung und Verletzlichkeit, die zwischen den Zeilen, in dunklen Räumen, auf den zaghaft lächelnden Gesichtern der Handelnden zutage tritt, macht sie zu unglaublich authentischen und fühlbaren Figuren. Inszenatorisch ist das ganz große Kunst: Der Kontrast zwischen den kalten Bildern der nächtlichen Metropole, untermalt mit einem melancholischen Electro-Soundtrack, und den zerbrechlich wirkenden, emotional vielschichtigen Handlungsträgern macht die Figuren zu uneingeschränkten Sympathieträgern.
Umso krasser dann der Umschwung zur zweiten Filmhälfte, wenn eben diese inzwischen ans Herz gewachsenen Figuren Zielscheiben der blutig-brutalen Gewalt werden, die durch einen missglückten Raubüberfall ausgelöst wird. Und auch hier zeigt sich die Größe dieses Films: Weder die Gewalt noch die spärlichen Actionszenen werden jemals um ihrer selbst willen eingesetzt. Überhaupt widerspricht dieses Werk allen althergebrachten Genre-Regeln: Selbst die Einleitungsszene, in der der Driver bei seinem illegalen Job gezeigt wird, kommt überaus ruhig, realistisch und niveauvoll daher. Und die immer wieder eintretenden Momente vollkommener Stille entwickeln mit der Zeit einen Sog atemloser Spannung, wie sie durch keine Schieß-Orgien, dramatische Musik oder sich anschreiende Menschen hätte erzeugt werden können - gerade die Szenen von emotional höchster Dramatik kommen hier zumeist ohne jegliche Musik und nur mit wenigen Bewegungen der Figuren aus.
Überhaupt läuft hier alles über die Charaktere und das hebt "Drive" von vielen seiner Genre-Kollegen ab: Hat man die Handelnden erst einmal näher kennen gelernt, kann man sich kaum noch aus der Intensität dieses im Grundton tieftraurigen, emotional stark inszenierten Films befreien. Ein lakonisches, unterkühltes Kleinod über großstädtische Einsamkeit, mit verflucht gutem Soundtrack, starken Bildern und tollen Darstellern, garniert mit handverlesenen Action- und Gewaltszenen. Das ist weiß Gott weit von dem Bild entfernt, das die Promotion dieses Filmes ankündigt - aber es ist auch bei Weitem besser.