Jean Dujardin spielt einen Stummfilmstar, Frauenschwarm und Leinwandhelden, der sich in den 20ern großer Beliebtheit erfreut und einen Erfolg nach dem anderen verzeichnet. Doch dann kommt Ende der 20er schließlich der Tonfilm auf und beendet die vielversprechende Karriere abrupt. Der Hollywood-Star will nicht in Tonfilmen spielen und die Studios wollen ihn letztlich auch nicht mehr, weil sich Hollywood im Umbruch befindet und passend dazu neue Gesichter gesucht werden. Während sein Stern sinkt, geht der einer ehemaligen Schauspielkollegin, die er damals gefördert hat, gespielt von Berenice Bejo, allmählich auf. Obwohl sich diese zum gefeierten Star entwickelt, geht ihr der ehemalige Stummfilmdarsteller nicht aus dem Kopf.
In den Medien wurde “The Artist“ als großes Paradox verkauft, als regelrechte Anomalie in der Filmgeschichte. Als der Film, der in Zeiten modernster CGI-Effekte, 3D-Technik und Budgets, die sich der halben Milliarde immer weiter annähern, nicht nur auf eben diese Techniken, sondern gleich noch auf Farbe und Ton verzichtet. Als die erste größere Stummfilmproduktion seit Jahrzehnten, gefühlt seit Jahrhunderten. Letztlich ist “The Artist“ aber nicht mehr und nicht weniger als ein Zeichen der Zeit, Hollywood, das heute lediglich Dreh- und Angelplatz der Geldgeber im Filmgewerbe ist, während sich die wahren Traumfabriken rund um den Globus verstreut befinden, sehnt sich in die große Vergangenheit zurück, als die Macht der Studios riesig war, als die Zuschauerzahlen jährlich stiegen und nicht stagnierten, als Filme noch im Kino konsumiert wurden und nicht in mäßiger Qualität durch einen Stream im Internet.
Auch die Oscar-Verleihung zeigt dies mehr als deutlich auf. Neben “The Artist“ wurde auch Scorseses “Hugo Cabret“ mit fünf Oscars ausgezeichnet, ein ebenso nostalgisches Werk, das die Pioniere des Kinos feiert, die noch eine oder zwei Dekaden vor den Jahren, in denen “The Artist“ spielt, Filme drehten. Mit gewissen Einschränkungen lässt sich auch Woody Allens “Midnight in Paris“ hinzuzählen, der ebenfalls in den goldenen 20ern angesiedelt ist und bei zahlreichen Nominierungen für das beste Drehbuch prämiert wurde. Die Oscar-Verleihung lässt dennoch nur bedingt den Schluss zu, dass Hollywood mehr mit sich selbst, als mit allem anderen beschäftigt ist, denn wie auch “Hugo Cabret“ und “Midnight in Paris“ hat “The Artist“ zumindest die Nominierungen durchaus verdient, weil er ein guter Film geworden ist.
Die Inszenierung ist Michel Hazanavicius dabei sehr gut gelungen, was durchaus überrascht, da Hazanavicius bisher vor allem mit den französischen James-Bond-Persiflagen “OSS 117“ in Erscheinung getreten ist. Komplett in schwarz-weiß und fast durchgehend ohne Ton verfilmt, sieht “The Artist“ tatsächlich aus, als wäre er den 20ern entlaufen. Die klassisch helle Schminke der Darsteller, das auffällige Overacting, das von Nöten ist, weil Gefühle und Stimmungen ohne Worte transportiert werden müssen, die Einblendungen der Dialoge in Textform, wenn die Mimik doch nicht ausreicht, um darzustellen, was gerade passiert und der charmante Slapstick-Humor der Zeit, all dies ist vorhanden und wirkt authentisch. Lediglich die Kamera, die beweglich ist und mit Zoom arbeitet, was damals noch nicht möglich war, und die bekannten Gesichter von John Goodman und James Cromwell machen immer wieder deutlich, dass der Film nach der Jahrtausendwende gedreht wurde. Dies macht ihn aber nicht weniger authentisch, das verhindern die stilvollen, zeitgemäßen Kulissen sowie die Ausstattung, die ebenfalls den 20ern entlaufen sein könnte.
Dass der Regisseur im Jahr 2011 einen klassischen Stummfilm dreht, macht “The Artist“ aber natürlich noch nicht automatisch zu einem guten Film, zu einem Meisterwerk oder auch nur einem kleinen Kunstwerk, auch wenn dies in den Medien ganz gern so dargestellt wurde. Ein guter Film ist “The Artist“ auch nicht geworden, weil immer wieder durch kurze Ausschnitte von Filmen im Film ein nostalgischer Blick in die Stummfilmzeit gewährt wird, weil es Referenzen und Anspielungen gibt, die das Werk zu einer Hommage an die Stummfilmzeit machen.
Ein guter Film ist “The Artist“ deshalb geworden, weil Hazanavicius sehr gut mit den inszenatorischen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, spielt und für den einen oder anderen Lacher ausspielt. Wenn der Protagonist etwa einen Alptraum hat, in dem der Film nicht stumm ist, sondern Geräusche und Gelächter zu hören sind, während dieser selbst kein Wort herausbekommt, dann spielt der Regisseur sehr gut damit, dass es sich hier um einen Stummfilm handelt, der die damalige Umstellung von Stummfilm auf Tonfilm aus der heutigen Perspektive betrachtet. Auch wenn der Protagonist am Ende (Vorsicht Spoiler!) Selbstmord zu begehen droht und sich eine Waffe in den Mund steckt und das Wort “Peng“ in einer Einblendung zu lesen ist, wobei das “Geräusch“ seine Ursache nicht im tödlichen Schuss, sondern, wie dann aufgelöst wird, in einem Autounfall vorm Haus hat, dann ist die Szene ausgesprochen amüsant und ein Beweis dafür, dass ein Stummfilm mit Innovation und Witz auch heute noch wirklich gut zu unterhalten vermag.
Zudem wissen auch die Darsteller zu überzeugen. Jean Dujardin, für “The Artist“ nicht zu Unrecht mit dem Oscar prämiert, aber eher leidlich durch die “OSS 117“-Filme bekannt, glänzt in der Hauptrolle. Er muss hier ganz anders spielen, als in anderen zeitgenössischen Filmen, muss durch Overacting und Mimik Gefühle und Stimmungen transportieren, die Worte letztlich so überflüssig wie möglich machen. Und das gelingt ihm definitiv ausgezeichnet. Selbiges gilt für Berenice Bejo, die ähnlich gut spielt und tatsächlich den Charme und die Ausstrahlung eines Starlets mitbringt. Auch der restliche Cast überzeugt.
Inhaltlich zeichnet “The Artist“ zum einen das Portrait eines Stummfilmstars, der in die Bedeutungslosigkeit abrutscht, dies aber nicht so recht akzeptieren, geschweige denn damit leben kann, zum anderen bietet er einen Einblick in die Zeit des Übergangs vom Stummfilm zum Tonfilm, läutet schließlich auch den Beginn der großen Ära des Tanzfilms ein. Darüber hinaus ist der Film natürlich auch eine Romanze zweier Menschen, deren Wege sich immer wieder kreuzen. Viel Substanz hat “The Artist“ dabei jedoch nicht, inhaltlich fehlt der Tiefgang, die Story ist immer mal wieder durchaus kalkulierbar, auch etwas naiv, hier stellt sich natürlich auch die Frage, ob “The Artist“ ein Film ist, den man noch einmal sehen will. Hier muss natürlich erwähnt werden, dass man mit einem Stummfilm nicht ohne Weiteres eine verschachtelte Story mit vielen Dialogen umsetzen kann und dass die Stummfilme ihrer Zeit größtenteils so gestrickt waren, wie “The Artist“ es ist, aber so hat man letztlich nicht das Gefühl, hier ein Meisterwerk zu sehen zu bekommen, bei allem inszenatorischen Geschick fehlt im Endeffekt dann doch die Substanz. Zudem kommt durch die, aus der heutigen Sicht ungewöhnliche und eigenwillige Machart, durch Overacting und den permanenten Einsatz der Filmmusik weniger Emotion zustande als etwa bei den Oscar-Konkurrenten “The Descendants“ oder “Hugo Cabret“. Kurz: “The Artist“ fesselt nicht durchgehend.
Fazit:
“The Artist“, mag er auch zunächst aus der Zeit gefallen wirken, passt eigentlich gut in eine Dekade, in der sich Hollywood in die glorreiche Vergangenheit zurücksehnt, hat mit dem hochmodernen 3D-Film “Hugo Cabret“ mehr gemein als mit den Stummfilmen, vor denen er sich verneigt. Mit seiner authentischen Inszenierung und großartigen Darstellern ist “The Artist“ dabei ein guter Film geworden, mit der stringenten Story und dem teils amüsanten Spiel des Regisseurs mit den inszenatorischen Möglichkeiten von damals und heute, zudem ein kurzweiliger. Für mehr fehlt letztlich jedoch die inhaltliche Substanz, zudem kommen zwischen Overacting und Slapstick wenig authentische Emotionen an. Der Film ist gut und empfehlenswert, aber kein verdienter Oscar-Gewinner, da waren “Hugo Cabret“, “Midnight in Paris“ und “The Descendants“ besser.
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