"Der Film kann jetzt sprechen."
Stummfilmstar George Valentin (Jean Dujardin) ist Ende der 20er Jahre auf dem Höhepunkt seines Erfolgs. Gefeiert von Publikum und Presse aber durch sein Ego auch gehasst von seinen Kollegen und seiner Frau Doris (Penelope Ann Miller). Rein zufällig kreuzen sich die Wege von ihm und der aufstrebenden Tänzerin Peppy Miller (Bérénice Bejo) bei einem öffentlichen Auftritt. George fördert Peppy in ihrem bestreben vor die Kamera zu treten und so entwickelt sie sich von einer Statistin, über Nebenrollen bis zur Leitfigur in vielen Filmen.
Mit dem Fortschritt der Technik ändert sich auch die Filmindustrie. Der Produzent Al Zimmer (John Goodman) sieht die Zukunft in der Tontechnik, was George nur müde belächelt. Als es schließlich zu einem Bruch zwischen den beiden kommt, produziert George in eigener Regie einen Stummfilm konkurrierend mit einem Tonfilm, in dem Peppy die Hauptrolle spielt. Während Peppy die Massen durch das neue Format und ihrer ausdrucksstarken Stimme begeistern kann, floppt der Stummfilm von George, was den Beginn des Abstiegs seiner Karriere bedeutet.
Eines steht fest: In den ersten Minuten muss man sich zunächst einmal an das altmodische Format von "The Artist" gewöhnen, da die Sehgewohnheiten und die Wahrnehmung durch moderne Krawall-Actioner völligst überreizt sind. Der Stummfilm aus dem Jahre 2011 kommt nicht nur fast völligst ohne Töne und Sprache aus, sondern präsentiert sich auch noch in schwarz-weiß und im 4:3 Format. Ein erstaunlich mutiges Konzept, dass aber annähernd aufgeht. Wären da nicht die erzählerischen Tücken.
"The Artist" nähert sich dem Kino von damals mit den Werkzeugen von heute. Die nicht colorierten Bilder sind erstaunlich scharf, die Kameraführung angenehm mobil, ohne zu überanspruchen.
Bereits zu Beginn zeigt der Film worauf er aus ist: Auf die Bedeutung eines Films an sich, dessen Wirkung und Veränderung sowie der Rolle eines Darstellers darin. Erstaunlich voluminös präsentiert "The Artist" einen gefüllten Kinosaal der 20er Jahre, zeigt das stumm staunende Publikum im Saal und das wartende Filmteam hinter der Bühne. Irgendwann wird man gewahr, dass die Musik, die von Beginn an zu hören ist, von Musikern aus dem Orchestergraben des Theatersaals kommt, die die tonlosen Bilder auf der Leinwand begleiten. Zum Ende des gezeigten Films steht das Publikum auf und klatscht den sich auf der Bühne zeigenden Darstellern Beifall zu.
Die Inszenierung ist beeindruckend. So ist man schnell erstaunt, wie überflüssig Dialoge zum Verständnis der Geschichte und zur Identifikation mit den Figuren eigentlich sind. Nur wenige Texttafeln unterlegen relevante Dialoge, Geräusche werden nur in zwei Schlüsselszenen als Stilmittel verwendet, Sprache findet sich erst zum Schluss.
"The Artist" steht zunächst ganz im Zeichen der Komödie, ist äußerst unterhaltsam und erfreut das Publikum mit einer wunderbaren Bildgestaltung, die Dank einer exzellenten Setausstattung perfekt in das Filmbusiness der 20er zurückversetzt. Der Stummfilm setzt dabei auf die eigene Skurrilität seiner Existenz und zitiert einige Filme seiner Ära.
Der Wechsel zum Drama geschieht schleichend, kommt aber wenig unerwartet. Ein Punkt dem man "The Artist" leider auch durchgehend vorwerfen muss. Die Vorhersehbarkeit nimmt dem Film seinen Anspruch und lässt gefährliche Längen aufkommen. Die Geschichte eines Stars auf seinem Höhepunkt und dessen Fall durch die Vernachlässigung technischen Fortschritts ist sehr abgetragen und führt mit einem geschönten Schluss zur Ernüchterung. Die sanft eingewobene Liebesgeschichte verhilft da auch nicht zu weiterer Tiefe.
Auffällig sind die ausdrucksstarken Darsteller, die erstaunlich lange nachhallen. Jean Dujardin ("OSS 117"- Reihe) und Bérénice Bejo ("OSS 117 – Der Spion, der sich liebte") präsentieren die typisch übertriebene Gestik eines Stummfilms, die sich mit verstreichender Laufzeit zu einer weitaus subtileren und berührenderen "steigert".
John Goodman ("Speed Racer", "Death Sentence - Todesurteil") ist zwar weniger präsent, allerdings kaum weniger ausdrucksstark. James Cromwell ("The Green Mile", "Star Trek: Der erste Kontakt") dagegen nutzt für seine kleinere Rolle ein deutlich zurückhaltenderes Mimenspiel.
"The Artist" bietet ein enorm verspieltes Darstellerensemble und eine erfrischend altmodische Inszenierung und Visualisierung, die neben den modernen Blockbustern regelrecht gut tut. Trotz der charmanten Erzählung, kann die Handlung allerdings nicht die hohen Ansprüche für ein Drama erfüllen. Die Geschichte ist weder neu noch überraschend, wirkt überwiegend konstruiert und zum Finale sehr glatt gebügelt. Zum einmaligen ansehen soll dies aber nicht abhalten. Knappe ...
7 / 10