"Der Kinofilm war nie stumm. In den Kinos wurde von Anfang an für musikalische Begleitung gesorgt, zumeist waren es Klavierspieler, auch Tappeure genannt. In vielen Kinos sorgte auch eine Kinoorgel für musikalische Untermalung. Bei Filmpremieren oder in großen Kinos wurden Filme von ganzen
Orchestern mit bis zu 50 oder 60 Mitgliedern begleitet." (Quelle: Wikipedia)
Der erste abendfüllende Tonfilm war "The Jazz Singer" von 1927. In genau diesem Jahr beginnt "The Artist". George Valantin (Jean Dujardin) ist einer der gefeierten Stars seiner Zeit. Er geniesst seinen Ruhm, steht gerne vor und nach Filmpremieren im Rampenlicht und kann sich nicht vorstellen, dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern könnte. Denn dass er als Stummfilmstar demnächst arbeitslos sein könnte, ist einem Novum seiner Zeit geschuldet, mit dem er nicht rechnen konnte. Denn als ihn eines Tages sein Produzent Al Zimmer (John Goodman) zu einer Vorführung bittet, in der einer der ersten Tonfilme zu sehen ist, hat George nicht viel übrig für diese "Weltneuheit". Im Gegenteil, spöttisch verabschiedet er sich aus
der Vorführung und macht aus seiner Verachtung für den Tonfilm keinen Hehl.
Gleichzeitig beginnt die Filmkarriere von Peppy Miller (Bérénice Bejo), einem jungen Starlet, die er zufällig nach einer Filmpremiere mehr unfreiwillig kennengelernt hat und die dem neuen Medium sehr aufgeschlossen gegenüber steht, da für sie jede Möglichkeit zählt, sich im Filmbusiness zu etablieren.
Als das Interesse am Tonfilm schlagartig boomt, erklärt ihm Al Zimmer, dass es für ihn keine Zukunft mehr gäbe, da das Publikum neben der neuen Technik nun auch nach neuen, unverbrauchten Gesichtern verlangen würde. Trotzig wendet sich George von seinem Produzenten ab, um mit eigenen Mitteln einen neuen Stummfilm zu realisieren. Dieser hat dann gleichzeitig Premiere mit dem neuesten "Hit" mit Peppy Miller, dem neuen und ersten gefeierten Star der Tonfilm-Ära. Wird Georges' Film mit dem Tonfilm konkurrieren können?
"The Artist" ist ein kleines Wunder. Denn wer hätte ernsthaft damit gerechnet, dass 2011 neben den technisch hochgezüchteten Filmen des Jahres, neben Blockbustern und 3D-Kino ein Film bestehen könnte, der in s/w gedreht, im 4:3 Format, (fast) ohne gesprochenes Wort auskommt und mit den Mitteln des Films von vor 80 Jahren arbeitet?
Ich jedenfalls nicht. Und ich wurde doch äußerst positiv überrascht um nicht zu sagen begeistert. Denn der Film bringt eine Art Magie des Kinos mit sich, der man sich kaum noch bewusst ist, die jedoch ab und an sehr wohl vorhanden ist im modernen Kino. Nicht umsonst ackert man sich durch die zahlreichen Neuveröffentlichungen, immer auf der Suche nach dem Quentchen Magie, weshalb man seine eigene Filmleidenschaft irgenwann mal angefangen hat zu leben. Und genau das zeichnet auch seine Macher, das gesamte Team um Regisseur Michel Hazanavicius aus, die Leidenschaft für das Medium Kino. Jemand meinte auf meine Frage, wie ihm "The Artist" gefallen hat: "Der interessiert mich nicht, wenn ich einen Stummfilm sehen will, sehe ich mir lieber nochmal Nosferatu an". Auch eine Meinung, nur leider versäumt man dann die umwerfende Performance von Jean Dujardin, den ich seit "39,90" oder den "Oss 117"- Filmen (auch von Michel Hazanavicius) sehr schätzen gelernt habe. Man versäumt die wunderbare Chemie zwischen Jean Dujardin (incl. seinem Hund) und John Goodman sowie Bérénice Bejo, die dieses Meisterwerk zum Leben bringen, die perfekte Ausstattung und das Erlebnis, sich wie mit einer Zeitmaschine in eine Epoche zu begeben, wo Filme noch ohne gesprochenes Wort mittels Schrifttafeln und natürlich der Mimik der Schauspieler erzählt wurden.
Noch ein Wort zur Story. Viele haben behauptet, die Story lahme dem Projekt irgendwie hinterher, da sie relativ substanzlos sei.
Das ist natürlich nicht falsch, dazu muss man die erwähnten Mechanismen, wie in der Stummfilm Zeit Filme ohne gesprochenes Wort erzählt wurden, mit in Betracht ziehen. Und da gibt der Film alles korrekt wieder, die überbetonte Körperlichkeit der Darsteller, die musikalische Untermalung zzgl. der Textbeiträge sowie die bewusst einfach gehaltene, naive Story. Apropos naiv, so naiv ist die Story nun auch wieder nicht, denn den Absturz großer Stummfilm-Stars, die den Übergang zum Tonfilm aus genannten Gründen nicht geschafft haben, gab es tatsächlich. Und das muss wirklich bitter gewesen sein, aufgrund einer technischen Neuerung quasi über Nacht nicht mehr "angesagt" gewesen zu sein.
Fazit: Ein grossartiger Film der zwischen all den 2011er Filmen die Herzen vieler Zuschauer erobert hat. Die Oscar-"Abfertigung" hat dabei einen eher faden Beigeschmack, den der Film überhaupt nicht nötig gehabt hätte. Trotzdem kann ich die Freude der Filmemacher über die Oscars durchaus nachvollziehen, denn ganz risikolos wird dieses Projekt gewiss nicht gewesen sein.
Auch wenn der Film selbstverständlich (und zum Glück) keinen neuen schwarz/weiss und Stummfilmboom auslösen wird, das Experiment - Kino und wie es früher funktionierte - kann und sollte sich jeder "Filmverrückte" schon mal antun, es lohnt sich!
Dem Film und seinem Team, welches ihre Liebe zum Kino so authentisch dem Zuschauer nahe gebracht hat, gebe ich gerne 10/10 Punkten.