Review

Liebeserklärung an eine goldene Ära 
 
Es gibt Ideen, die sind so genial, so simpel & gewagt zugleich, so neidisch machend, dass man sich freut ein Filmfan zu sein, dass man sich freut selbst kein vor Neid platzender Regisseur zu sein & das man sich wundert, warum das vorher noch keiner gewagt hat. "The Artist" ist so ein kleines Meisterwerk. Für mich einer der besten Filme des Jahrzehnts & einer der verdientesten Oscargewinner für den besten Film - was für einen ausländischen Film bekanntlich einem Wunder gleichkommt. Die nahezu dialoglose, in Schwarz-weiß gedrehte Geschichte über einen Stummfilmstar auf dem sinkenden Ast zu Beginn der Tonfilmära, dessen Weg sich mit einem kommenden, reizenden Starlet kreuzt, ist bezaubernd bis in die tanzenden Zehenspitzen, faszinierend bis in die aufgesetzten Wimpern. Jeder der Darsteller sprüht vor Charme & lässt die ohnehin geniale, aber anspruchsvolle Idee zu leben erwecken. Spielerisch leicht, selbstbewusst in allen Belangen, wunderhübsch. Ein Geniestreich sondergleichen, bei dem einem die Superlative ausgehen. Ganz großes Kino unserer französischen Nachbarn, vor dem ich alle Hüte ziehe, die ich habe.

"The Artist" ist der beste Stummfilm den es gibt. Gar kein gewagtes Statement & natürlich dem Rest gegenüber unfair, über 70 Jahre zu spät, vollkommen meta & der Filmgeschichte bewusst. Trotzdem übertreibt der Film es nie mit seiner artifiziellen, selbstreferenziellen Art, wirkt nie aufgesetzt. Wenn man es nicht schon längst gemerkt hat: bei uns beiden hat es Klick gemacht, Liebe auf den ersten Blick. Ähnlich wie bei den zwei wundervollen Charaktern in der Geschichte, wo wir auch schon bei den zwei eigentlich Herzstücken wären: den für mich perfekten Darstellern & den einfachsten Gefühlen, die angesprochen werden. Dujardin ist einer der coolsten Männer auf dem Planeten, wirkt für mich genau richtig steif & "zu schön für einen Mann" - der perfekte Stummfilmstar-Verschnitt. Und Bejo ist vielleicht von ihrer Physiognomie etwas zu dünn & südländisch für ihre Rolle, hat aber einfach Magie & Starappeal. Wenn sie kniept oder ihren künstlichen Leberfleck aufsetzt, schmelzen Männer. Wahrscheinlich ist sie sogar noch eine Spur magischer & perfekter, erotischer & faszinierender als ihre Vorbilder von damals. Wenn man dem Ganzen dann noch einen ebenso süßen Hund & klasse Tanznummern aufsetzt, treffen sich Kunst, Unterhaltung & ein großes Herz irgendwo im Filmolymp.

Fazit: was für ein Vergnügen indeed! Ein großer Wurf & Ausnahmefilm, wie man ihn heutzutage nicht mehr für möglich gehalten hat. Ein Kritikerdarling, der mit dem eigenen Filmwissen wächst. Funktioniert sowohl als verlorener Stummfilm als auch als Metakommentar auf diese Ära, für Fans von "Singin' in The Rain" bis "Citizen Kane" - bezaubernd & inspirierend!

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