Es gibt wenige Filme die schon nach wenigen Sekunden ein Gefühl maximaler Beklemmung und Betroffenheit auslösen. HALT AUF FREIER STRECKE gehört dazu und eigentlich können die banalen Worte dieser Rezension nur schwer ausdrücken wie beeindruckend dieses Meisterwerk gelungen ist. Das Wort "Meisterwerk" benutze ich so gut wie nie, aber formale Anforderungen an eine Filmkritik treten angesichts dieses Films gerne in den Hintergrund und was bleibt ist der Eindruck das wahre Leben gesehen zu haben. Die glaubhafte Darstellung des Frank der einen bösartigen Hirntumor mit noch einigen Monaten Lebenszeit diagnostiziert bekommt und seiner Frau Simone und den Kindern wirkt so realistisch wie ein Dokumentarfilm.
Er holt den den Zuschauer nach wenigen Sekunden voll in das Geschehen und lässt ihn dort nicht mehr raus. Wer sich bewusst für den Film entschieden hat, nimmt teil an den letzten Monaten von Frank, seiner zunächst überforderten, aber kämpferischen Familie voller familiärer Liebe und den rührenden Kindern die mit der Situation auch reifen. Sämtliche "Darsteller" - wenn man sie so nennen will - sind hervorragend besetzt und diverse Rollen wie die Ärztin für häusliche Pflege, der Arzt usw. sind authentisch und keine Schauspieler. Der Film verknüpft in hervorragender Weise mehrere Ebenen. Da ist zunächst einmal das persönliche Videotagebuch das Frank von sich und seinem Umfeld mittels seines Smartphones führt.
Der Film hat auch unerwartete surreale Momente und so wird sein Tumor von einem Schauspieler verkörpert, der dann in der Harald-Schmidt Show und anderen Medien auftaucht und sich am Schluss auch zu Frank ins Sterbebett gesellt. Die Botschaft ist, sein Schicksal anzunehmen und das Beste daraus für sich und die Familie zu machen. Der Film ist ein nicht steigerbares Plädoyer für das Sterben im eigenen Familienumfeld und Haus trotz der großen damit verbundenen Belastung für die Familie. Die Freigabe von FSK 6 halte ich aufgrund der ungeschönten und teils radikal-authentischen Darstellung ausnahmsweise für zu niedrig, eine FSK 12 wäre angemessen.
Man könnte noch so viel mehr über die extrem gelungene Darstellung ohne überflüssige Sentimentalität in HALT AUF FREIER STRECKE sagen. Aber genug der lapidaren Worte angesichts dieses Stück wahren Lebens. Wer auch nur ansatzweise im persönlichen Umfeld mit Schwerst-, Demenz- oder Alzheimerkranken im Endstadium zu tun hatte kann nachvollziehen, wie beängstigend realistisch HALT AUF FREIER STRECKE gelungen ist
8,5/10 Punkten