Nach dem ganzen Schmonsens, den ich mir die letzten Wochen reingezogen habe (bis auf ein paar Ausnahmen wie "Expendables 2" und "Cabin in the Woods") war es mal wieder an der Zeit, sich harten Tobak zu genehmigen. Dies ist nicht einfach, da a) nicht sehr Filme dieser Sorte erscheinen oder b) solche Filme die meisten Menschen nicht interessiert, da sie wenig spektakulär daherkommen.
Während "50/50 Freunde für´s (Über-) Leben" die Videotheken mit vielen Duplikaten die Wand ausfüllte, schlich klammheimlich durch die Hintertür "Halt auf freier Strecke" auch auf diese Ausleih-Wand. Beide haben dasselbe Thema: Krebs. Doch wo das amerikanische Pendant noch eher lustig (dank eines Seth Rogen) wirkt und auch die benötigte Portion Dramatik mitbringt (und ehrlich diese US-Produktion ist auch sehr gut), ist dieser deutsche Film eher der Abgrund der menschlichen Seele, der menschlichen Angst und des menschlichen Darseins, da er stocknüchtern und sehr realitätsgenau verfilmt wurde. Denn - jeden von uns kann es treffen. Egal ob wir uns gesund ernähren, nicht rauchen, oder Yoga mit Yogi-Bär machen. Wenn dieser Bastard von Krankheit es will, schnappt er sich uns und es ist ihm scheißegal, wie alt wir sind. Und in vielen Fällen endet er tödlich. Wer weiß es schon genau, vielleicht wütet diese Krankheit auch schon in mir, gerade in dem Moment in dem ich diese Review schreibe, und werde es erst später merken, da diese unbesiegbare Krankheit sich meistens erst bemerkbar macht, wenn es schon zu spät ist...
Jeden kann es treffen. So wie den vierzigjährigen Frank Lange (Milan Peschel), der eine glückliche Beziehung führt, zwei Kinder hat und einen guten Arbeitsplatz so wie ein Eigenheim sein Eigen nennt. Wegen anhaltenter Kopfschmerzen geht er zur Vorsorge zum Arzt und dieser hat die erschütternde Diagnose: Einen inoperablen Gehirntumor, der Frank nur noch ein paar Monate Lebenszeit schenkt....
Ein deutscher Film hat mich eigentlich seit "Das Experiment" nicht mehr sprachlos gemacht. Doch "Halt auf freier Strecke" schaffte dieses Kunstsück auch - wenn auch mit einer anderen Wirkung und Durchschlagskraft.
Der Film beginnt mit der Diagnose in der Klinik, bei der Frank mit seiner anwesenden Frau Simone (Steffi Kühnert) die erschütternde Diagnose vom Arzt bekommt.
Schon da stockte mir der Atem, da diese Szene ohne Schnitte auskommt und man einfach nur hilflos den Reaktionen dem betroffenen Ehepaar ausgeliefert ist. Diese Diagnose unterbricht der Arzt mit einem Handy-Gespräch, da ein Mitarbeiter wegen der alltäglichen Routine-Arbeit offene Fragen hat. Ob das nun gewollte Kritik an unserem Gesundheitssystem ist, insbesondere den Ärzten, die Patienten wie leblose Nummern abhaken, sei mal dahin gestellt. Auf jeden Fall entspricht dies der absolut kaltherzigen Realität, die ich (oder auch einige von euch) in anderen Situationen schon durchgemacht hat, bei der man beim Arzt wie Vieh behandelt wird.
Der eine mag es schleppend bezeichnen, ich sehe hier nur die wahre Abfolge sämtlicher Stationen der Emotionen der betroffenen Parteien: Angst vor dem Tod, Glücksmomente, Hoffnung, Wut und Ärger, Höhen und Tiefen, Hoffnung, letztendlich die Erkenntniss, dass man (viel zu früh) stirbt und für die Angehörigen die Hoffnung, dass es bald vorbei sein wird, da die engsten Familienmitglieder hoffnungslos überfordert sind mit solch einer Situation und an ihre Grenzen gehen müssen.
So sehen wir langsam, wie Frank zu Grunde geht, und trotzdem probiert, das bestmögliche aus seiner kurzen Lebenserwartung noch rauszuholen. Dabei gibt es Höhen, die die Familie wieder kurz diese schlimme Krankheit vergessen lassen, aber auch viele Tiefen, in Momenten, in denen es sich schonungslos zeigt, dass es nur einen Weg gibt. Und zwar der nach unten, Richtung Tod.
"Halt auf freier Strecke" ist sehr nüchtern und unspektakulär abgedreht und ich denke mir, dass Regisseur Andreas Dresen selber schon Erfahrungen mit engsten Familienangehörigen gemacht hat, die den langsamsten und qualvollste Tod gestorben sind. Sonst wäre er nicht in der Lage, solch einen abgrundtief vernichtenden, deprimierenden Film abzudrehen. Und obwohl es ganz "unspektakulär" vonstatten geht, hat Frank Visionen mit seinem Tumor, der in menschlicher Gestalt von Thorsten Merten dargestellt wird, und beinahe schon sozusagen einen "Sicko"-Streifen darstellt, da diese Szenen unheimlich intensiv und verstörend wirken.
Wärend Milan Peschel hier absolut die passende Rolle (und wahrscheinlich die Rolle seines Lebens) spielt, muss ich ehrlich zugeben, dass ich diesen Schauspieler nicht kenne. Aber auch andere Darsteller spielen ihre Rollen perfekt, da gibt es keine einzige Ausnahme, der ich nicht die Bewertung "Exzellent" geben möchte. Der einzige Kritikpunkt ist, dass in meinen Augen die Kinder diese Krankheit "auf die leichte Schulter" nehmen und recht locker wegstecken. Aber jedes Kind tickt ja anders.
Nun, in meinem Publikum, das aus Frau und Katze besteht gab es gemischte Gefühle. Die Katze sah mal wieder desinteressiert weg, nahm die Klobürstenstellung ein und wollte nur an der Boller gekrault werden, während die Frau den Film unter "Jo, so spielt das Leben" abhaken wollte. Obwohl sie den Film dennoch relativ gut fand (ihr Vater starb mit 47 Jahren an Herzversagen - traurig aber dennoch eine ganz andere Schiene).
Ich selber machte diese Erfahrung mit meinem Stiefvater vor 15 Jahren durch, ein guter Bekannter von mir starb im Jahr 2000 im Alter von 23 Jahren an Darmkrebs und mir bereitete dieser Trip eine verdammt deprimierende Reise in die Vergangenheit. Während der ganzen Laufzeit wurde ich an meine Jugend erinnert, als diese schwere Zeit mit dem Stiefvater kam.
Nur, was soll ich jetzt machen? Wem soll ich diesen Film empfehlen? Fakt ist: Das Teil hier hat eine Durchschlagskraft von zehn Atombomben. Nur behandelt dieser Film ein Thema, das keiner hören will. Leute, die so ähnliche Szenarien schon durchgemacht haben, können mit Taschentüchern diesen Trip in die tiefsten Abgründe anschauen. Leute, die gerade dabei sind, solch ein Phase selber oder mit einem Familienangehörigen durchzumachen - kein Ahnung. Ich denke, es wäre ganz gut, wenn man diesen Film schauen würde. Er zeigt zwar alle Szenarios, die zu diesem schrecklichen Tod dazugehören, bieten aber gleichzeitig die Möglichkeit, in gewissen Situationen angemessen zu reagieren. Und Leute, die das Wort "Krebs" aus der BILD kennen, sollten vorerst mal einen Bogen um dieses Meisterwerkt machen.
Aus persönlichen Gründen, UND auch aufgrund seiner Realitätsnähe und der schonungslosen Aufklärung kann ich "Halt auf freier Strecke" nur jedem empfehlen. Ein Film, der defintiv runterzieht, aber vielleicht oder eher hoffentlich nicht naher Zukunft den Zuschauer auf tragische Schicksalsschläge vorbereiten kann.
10/10