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Gott, was war das für eine Paarung damals im Jahr 1984: John Carpenter verfilmt einen Roman von Stephen King, der zu diesem damaligen Zeitpunkt das Heißeste überhaupt war: allein 1983/84 kamen fünf Verfilmungen nach seinen Büchern heraus.
Jetzt wäre es natürlich großartig, sagen zu können, daß auch ein Meisterwerk draus geworden wäre, aber leider ist „Christine“ einer von Carpenters schwächeren Filmen und ein erster Tiefpunkt (obwohl durchaus ansehbar) nach einer Reihe von Klassikern.

Carpenter hatte mit „The Thing“ einen schweren Rückschlag hinnehmen müssen, der Film hatte trotz guter Kasse die Erwartungen nicht erfüllt und es ist fraglich, was den Reiz des King-Buches ausgemacht hat. Vielleicht war es einfach ein guter Deal, denn typisches Carpenter-Territorium ist „Christine“ nicht. Das Umfeld ist High School, das Thema der Übergang von Pubertät zu Adoleszenz, das Monster ein Auto. Schon King hatte im Buch so seine Schwierigkeiten, vor allem mit der Erzählweise, die in drei unterschiedliche Teile zerfällt, aber die Reichhaltigkeit der Erzählung reißt so manches raus.

Der Film, der uns hier dann präsentiert wird, ist eine Art Fruchtsaftkonzentrat, ein vorlagengetreues Best-Of der wichtigsten Szenen ohne den literarischen Balast und genau da wird die Banalität des Trivialen leider offenbart. Der Film muß aus dem 600-Seiten-Buch einen 2-Stunden-Film machen und dabei drei Hauptpersonen und einem halben Dutzend Nebenfiguren gerecht werden. Säuberlich hakt der Film dabei die wesentlichen Stationen des Buches ab, stellt die Protagonisten vor, die Widersacher, läßt die „Brillenschlange“ Arnie Cunningham der schrottreifen Christine verfallen. Es geht Schlag auf Schlag, in flottem Tempo, aber unter den vielen erzählerischen Punkten leiden die Figuren, die in diesem Film schlichtweg zu kurz kommen.

Keith Gordons Arnie z.B. kann sich im Buch halbwegs von der drückenden Last seiner Eltern freischwimmen und driftet mehr und mehr in die Besessenheit und Abhängigkeit von Christine, ehe er sich langsam aber sicher in eine Bedrohung verwandelt. Im Film müssen ein paar rote Heringe zur Charakterisierung reichen und in Bocksprüngen muß sich Arnie zum arroganten Arschloch verwandeln, der zwischendurch ein paar lichte Momente hat.
Wie aus dem Nichts hat er auf einmal ein Verhältnis zu der neuen Schülerin Leigh, die bis dato noch gar keine Zeit hatte, deutlicher aufzufallen und auch wenn King den Kniff der wechselnden Erzählperspektive benutzt, darf ein Film das nicht einfach so übernehmen.
Gordon wird in kurzen Sprüngen zum cholerischen Monstrum und läßt jedes Mitgefühl bald missen. John Stockwell als Dennis Guilder dagegen, der im Roman das erste und letzte Drittel erzählt, bleibt schlichtweg blaß und unterentwickelt, sobald er die Narration nicht mehr übernehmen kann. Seine Rolle als Chronist fällt im Film flach auf den Bauch.

Das ist aber auch eine Schwierigkeit des Romans, der erst alles aus Dennis‘ Sicht schildert, um ihn dann seinen Football-Unfall erleiden zu lassen. Das zweite Drittel bringt uns Arnie selbst nahe und schürt die Frage, ob Christine wohl allein handelt oder Arnie stets bei den mörderischen Rachetaten mit am Steuer sitzt. Gegen Ende, als der Bann vollkommen ist, wechselt die Perspektive wieder auf Dennis zurück.

Damit hadert der Film, denn er muß zeigen, zeigen, zeigen. Die sich selbst erneuernde Christine ist ein zentraler Effekt und jeder Suspense entweicht in der atmosphärischen Szene, in der Arnie Christine mit einem „Zeig’s mir!“ auffordert, sich instandzusetzen, was sie auch prompt tut.
Die „Ausbeul“-Effekte sind dabei recht gut gelungen, wenn man bisweilen aber auf den Rückwärts-Effekt zurückgriff, was gerade bei den Scheinwerfern etwa stört.
Im Buch ließ King diese Frage stets geschickt offen, denn Christine verändert sich da unmerklich, plötzlich tauchen neue Teile au, nie weiß man, woher.

Auch die Wandlung Arnies zum Schmuggler für den Garagenbesitzer Darnell fällt unter den Tisch, so daß der Widerling nur als zusätzliches Opfer taugt, als er sich ungeklärterweise in einen Wagen ohne Fahrer setzt, der rauchend von selbst in seine Garage gefahren kommt, um dann von dem Fahrersitz zerquetscht zu werden. Die Tode, die Arnies Widersacher sterben müssen, sind da nicht weniger unrealistisch, denn die Jungs laufen gern in der Mitte der Straße vor ihrem motorisierten Verfolger davon.

Die interessanten Nebenfiguren fallen ebenfalls überwiegend aus, weder Arnies dämonische Übermutter noch der verdächtigende Polizist können glänzen, selbst der dämonische Verkäufer LeBay hätte noch intensiver ausfallen können.

Letztendlich ist es ein funktionaler Film geworden, kalt und mechanisch, das Gerüst des Romans auf die wesentlichen Plotelemente reduziert, ohne den Figuren auf den Grund zu gehen. Gleichzeitig ist der Film auch ohne Wärme (was aber kein Markenzeichen von Carpenter ist), was aber gerade im hier sehr gut von King geschilderten Teenagermilieu vonnöten gewesen wäre.
Er funktioniert, bleibt aber seltsam seelenlos, als wäre er nur als Modeprodukt produziert. Und genau das war wohl auch die Motivation. (5/10)

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