Review
von Con Trai
Erster Fall von DCI John Barnaby [ Neil Dudgeon ], der für seinen scheidenden Kollegen und Cousin die Ablöse bestreitet, was nicht nur die Polizeigewalt in den Händen der Familie, sondern auch die Möglichkeit der Beibehaltung des zweiten Markennamens und Alternativtitels der Midsomer Murders Reihe ermöglicht. Ob die Qualität bestehen bleibt, die ihm Laufe der mittlerweile 14 Jahre und über 80 Episoden natürlich sowieso gelinde am Schwanken mit Ausflügen nach oben und unten ist, lässt sich dabei zumindest im erneuten Startschuss durchaus mit "ja" und einem positiven Blick auch auf die Zukunft beantworten. Hat man sich natürlich seitens der Produktion [vor den folgerichtig wenig Anklang findenden Kommentaren betreffs der letzten Bastion des "all-white casting"] auch bemüht, weitere Veränderungen abseits der in den Ruhestand gekehrten Hauptfigur DCI Tom Barnaby noch möglichst klein und bescheiden zu halten, auch wenn hier schon ebenfalls gelinde Details so vorher nicht wirklich bemerkbar und umgewandelt für die weitere Ära gestaltet wurden.
So ist gleich die erste Szene nach dem pre-title, der schon einen Toten, aber noch nicht nachweisbar einen Mord enthält, ein kurzer Abstecher in eine etwas andere und so ungewöhnlich anmutende Szenerie, die auch folgend noch in mehreren Variationen fortgeführt wird. Denn das, was normalerweise als eine schiefe Reihe von kleinen Häusern an ebenso beschaulichen und verloren in der ländlichen Einöde aufgezogenen Straßen und so als erfassbares Dorf inmitten des grünen Englands erscheint, stellt sich hier doch überraschenderweise als richtige Stadt mit fast all ihren unterschiedlichen Eigenschaften heraus. So gibt es außer Wald und Wiese und dies verbindenden Landweg auch eine erstaunlich vielbevölkerten Pomeranzenboulevard, der mit Stadtfluss, Brücke, Ausflugsdampfer ausgestattet augenscheinlich auch die Touristen anzulocken und die gar nicht so im Ausmaß und Zeit begrenzte Ortschaft noch weiter verbreitet. Passend dazu eine normal erscheinende urbane Mittelklassensiedlung, die sicherlich nicht herabgewirtschaftet und sozial untragbar wie in aktuellen britischen Produktionen der Marke The Fixer und Co., aber für die sonstig gebotene Idylle doch eher ungenießbar erscheint; entsprechend dessen und dem weiteren Verlauf an einer privaten Mädchenschule wird auch die Handlung mit der Konkurrenz von Alt und Neu und Arm und Reich gefüttert:
Während der Vorstellung seiner künftigen Arbeits- und Lebensstätte wird Inspector Barnaby auch mit Harriet Wingate [ Susan Engel ], der Inhaberin und Leiterin der Darnley Park Girls School bekannt gemacht, auf dessen Grundstück und mit als Marketinganreiz eine Oldtimerausstellung sowie der Wettbewerb für die beste Restauration stattfindet. Zwar ist die Jury aus dem ehemaligen Silverstone Grand Prix Rennfahrer Peter Fossett [ David Warner ] und der lokalen DJ Prominenz "Dave Doggy Day" [ Luke Allen-Gale ] schon vom Alter und Wissensschatz bezüglich der Materie her unterschiedlicher als es überhaupt sein könnte, hat sich dieses Problem aber schnell mit dem zeitigen Tod des eher aufdringlich und sich in Szene setzend Agierenden erledigt, sind die Probleme damit jedoch nicht beseitigt. Nicht nur, dass Fossetts Tochter Kate Cameron [ Samantha Bond ] die Exfrau des Präsidenten der Schule, Jamie Cameron [ Tim Dutton ] ist und dort noch die Krallen gewetzt werden, auch Wingates eigenes Kind, die gleichfalls im Vorstand mit sitzende Jessica Wingate [ Lucy Briers ] schmiedet ihre persönlichen Pläne. Zudem wird dem erst bei der Restauration und nun der Ermittlungen aktiven Sergeant Ben Jones [ Jason Hughes ] der plötzlich im Geld schwimmende Arbeiterjunge Thomas Brightwell [ Sid Mitchell ] auffällig, der mit Kates Kind Charlotte Cameron [ Clara Paget ] verbandelt scheint.
Der Fall selber ist sicherlich kein Höhepunkt der Kreativität, weist eine mehr als routinierte Dramaturgie mit vielerlei Einflüssen und auch den wie selbstverständlich im Neben- und Drumherum spielenden Streitigkeiten, aber auch manche verkrampfte Störfaktoren gerade bei der jungen Garde der Schauspieler auf. Das entscheidende Setting des Mädcheninternates verkommt durch einige anwesende Nebendarsteller und die präsente Aura einer aufgeregten Hühnerschar teilweise wirklich wie die anstrengende Version der St. Trinians Girls, was speziell zu dem sonstigen steifen oder auch maskenhaft formellen Verhalten der Älteren doch widerspenstig und ungelenk auf modern gerichtet wirkt. Ein Exkurs in der Londoner Club- und Partyszene ist dafür zum Glück im Verlauf der Handlung begründet und wird auch so klein wie möglich und abseits der schieren Androhung auf Mehr davon alles andere als störend gehalten.
Verständlicherweise wird Vorgänger Tom Barnaby dabei noch mit ins Geschehen eingebunden, zwar nicht in Leib und Person, aber durch Zitate und andere verbale Mitteilungen, weht wie verbliebener und auch noch für eine Weile haften bleibender Geist mit durch die Ereignisse fortschreitender Ermittlungen. Sein Cousin ist dabei mehr als nur Ersatz oder Vertreter, erweist sich mit der Besetzung auch als wohlmöglicher Glücksgriff im Casting, als Wieder- und Fortbelebung im anderen Ton, die allein schon durch Abwechslung eine sicherlich nicht geforderte, aber deswegen auch nicht automatisch als abschlägig zu bezeichnende Frische in den doch eher hausbackenen Krimi hereinbringt. Waren die letzten Episoden allgemein schon nicht mehr als die besten der Reihe, wenn auch wieder auf dem richtigen Weg zum Ziel komplimentiert, so offenbart sich jetzt die Alternative der Methodik.
Gerade der Abschluss zuvor in Ep. 81 wurde verständlicherweise bittersüß mit Hang zur vorübergehenden, aber anwesenden Depression geschrieben, während hier ein wenig der Schalk im Nacken der Beteiligten sitzt. Auch das Zusammenspiel der einander noch ungewohnten Barnaby und des sicherlich ewigen Assistenten trägt viel zum lockeren, teils spitzfindigen, teils skurrilhumorigen Manövrierens der Polizisten untereinander und ihre anfängliche Unsicherheit im Auftreten gegenüber der Öffentlichkeit zu einigen komischen Wiederholungen bei, die angenehme Heiterkeit in das gar nicht so betuliche Umfeld bringen. Eine Auflockerung, die der deutlich abweisender wirkende, da nicht so sehr die Ruhe vorbringende, sondern eher nonchalant und mokant auftauchende Dienstherr aus Brighton, Grafschaft East Sussex mit sich bringt.