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Mmm, gerade noch Wesley Snipes neusten Heuler „Unstoppable“ im Kopf und schon rast „Rage“ auf einen zu. Hauptdarsteller auf Flucht vor dreckigen Fieslingen, die ihn als Experiment nutzen möchten und mit Drogen vollgepumpt haben. Von der grundlegenden Struktur ähneln sich beide doch sehr – mit dem Unterschied, dass „Rage“ fast ein Jahrzehnt früher entstand und zeigt wie sowas im B-Bereich auszusehen hat. Hierfür haben sich dann auch die üblichen P. M. Entertainment - Konstanten zusammengefunden: Joseph Merhi (Regie und Produktion), Richard Pepin (Produktion), Louis Febré (Score) und Ken Blakey (Kamera).

Mit Gary Daniels („Recoil“, „Cold Harvest“) Engagement bei P.M. stieg auch gleichzeitig die Qualität seiner Filme deutlich an und dieser gehört zu seinen besten. Als Grundschullehrer Alex Gayner schliddert er versehentlich in eine Geiselnahme, wird von zwielichtigen Regierungsbeamten gekidnappt und in einem Labor voll Drogen gestopft, worauf ihm die Flucht gelingt. Bald ist die halbe Welt hinter ihm her.

Tja, genau das ist „Rage“ nach einem etwas unfreiwillig komischen Beginn, indem Daniels vor einer Horde von Plagen vor der Tafel steht, „Monkey“ an die selbe kreidet und dann wild durch den Raum hüpft, um seine Schüler das Tier erraten zu lassen – eine Dauerflucht (und was für eine). Da wäre zunächst einmal der Ausbruch aus dem Labor, das dabei in Schutt und Asche gelegt wird. Die blutigen Shootouts haben zwar Seltenheitswert, doch dafür explodiert hier einiges und geht in Flammen auf. Alex verkloppt seine Kidnapper, ballert beidhändig mit Pistole und Uzis herum, zerbröselt Glasscheiben und zeigt sich sehr widerspenstig.

Merhi („CIA Code Name: Alexa“, „Riot“) veranstaltet hier ein B-Actionfeuerwerk, bei dem man sich über zu kurze Actionszenen nicht beklagen darf. Insbesondere Freunde des ausufernden Blechschadens kommen hier auf ihre Kosten, als Amok-Alex auf einem Highway mit einem Tanklaster durch zig Polizeisperren bricht (worauf die Karren natürlich fast grundsätzlich in Flammenbälle aufgehen), Zivilkarren verschrottet, einen ganzen Lkw beiseite schiebt und frontal mit einem Schulbus zusammenknallt. Diese wilde Fahrt dauert fast 10 Minuten, hat einige schicke Explosionen, kurzfristig aus dem Weg springende Stuntman und eben jede Menge durch die Gegend fliegender Autos zu bieten. Der Realismus verabschiedet sich dabei zwischendurch zwar schnell, aber so ein meterhoch über den Anhänger eines umgekippten Lkws rotierender, brennender Polizeijeep sieht eben ungeheuer imposant aus. Nebenbei bemerkt: Ist immer wieder interessant, wieviel Streifenwagen in P. M. - Produktionen so vorkommen und als Schrott enden. Hatten die damals einen Vertrag über ausgemusterte Dienstvehikel?

Großartige Pausen gönnt Joseph Merhi seinem Protagonisten eigentlich kaum. Als er zwecks Nahrungsaufnahme in ein Haus einbricht, wird er (ausgerechnet) von zwei Sadomaso-Freaks angegriffen, in der Stadt muss er auf einem Hochhaus gegen einen Helikopter mit scharf schießender Besatzung kämpfen, die Glasfassade hinterrutschen und sich selbst gen Hubschrauber schwingen. Von Ballereien über Martial-Arts-Gekloppe und eben solchen, nicht nur für B-Verhältnisse, riskante Stunteinlagen wird bei „Rage“ alles hochfrequent geboten. Ich für meinen Teil konnte mich daran jedenfalls kaum satt sehen.

Angesichts dieser Rasanz fallen die etlichen Logiklücken im hauchdünnen Plot auch schon gar nicht mehr so auf. Der Besuch beim Sensei gilt nur als Erklärung für seine Fähigkeiten und ein zeitlich etwas eigenartiges Techtelmechtel mit seiner Frau soll auch nur etwas Erotik platzieren, während sich zwischendurch immer wieder kleinere Anschlussfehler und Goofs bemerkbar machen. Es ist eben alles etwas konstruiert, unausgegoren und wenig innovativ, aber die Action reißt es eben raus.
Etwas ausbremsen tut den Film leider der Subplot um den schmierigen, abgehalfterten Reporter Harry (Kenneth Tigar, „Phantasm II“, „Riot“), der die Flucht des bald in den Medien sehr präsenten Alex ausschlachten will und ihm dann auch ein paar Statements aus den Rippen leiert. Sein Boss wird übrigens von Peter Jason („Prince of Darkness“, „They Live“) verkörpert. Dankbar kurz werden auch die Gespräche der Hintermänner in irgendeinem schummrigen, natürlich mit einer amerikanischen Fahne verzierten, Büro gehalten.

Das Finale lebt dann selbstverständlich auch von groß angelegten Schusswaffengebrauch und Gary Daniels Martial-Arts-Fähigkeiten. Während des in einer Mall stattfindenden Schlussgefecht wird nicht nur eine überdurchschnittliche Anzahl von Glasscheiben zerbimst (Hat mal wer mitgezählt?), sondern sich auch durch eine Videothek geprügelt, in der Poster und Pappaufsteller von P.M. – Filmen wie „Ice“, „Zero Tolerance“, „Final Impact“, „Cybertracker“, „A Dangerous Place“, „Fist Of The Northstar“, „Magic Kid“ und „C.I.A. Codename Alex“ anzutreffen sind.


Fazit:
„Rage“ gehört eindeutig zu den guten Produktionen der ehemaligen B-Action-Schmiede P. M. Entertainment – auch weil hier dieser billige, blaue, optische Weichspülerfilter keine Anwendung findet. Die Actioneinlagen sind nicht nur vielfältig, sondern auch sehr häufig, so dass der Leerlauf sich hier auf ein Minimum beschränkt. Gary Daniels wird in einem seiner besten Filme sehr effektiv gemäß seines Talents in Szene gesetzt, während der Rest der Truppe nur konventionelle Staffage abgibt. Dank Febrés sich der temporeichen Inszenierung anpassenden Score und Blakeys hier, insbesondere während der Lkw-Jagd auf dem Highway und der Schlusskeilerei im Einkaufszentrum, vorzüglicher Kameraarbeit, kann hier nur eine Empfehlung ausgesprochen werden.

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