Die Veröffentlichungen der „Kino Kontrovers“-Reihe – denkt man da an EX DRUMMER, TWENTYNINE PALMS oder A HOLE IN THE HEART – versprechen meist hohe Ästhetik, ernste Themen und gehobenen Anspruch gepaart mit der Zurschaustellung ärgster Perversion und menschlichen Abgründen. Dieser Regel folgt im Großen und Ganzen auch CODE BLUE, ein holländischer Beitrag inszeniert von der polnisch stämmigen Regisseurin Urszula Antoniak.
Die Story dreht sich um Krankenschwester Marian, eine hübsche, asketisch dünne, allein lebende Frau mittleren Altes. Für sie scheint das Wort „Beruf“ tatsächlich noch von „Berufung“ zu kommen. So setzt sie sich aufopfernd für ihre Patienten ein, leidet mit ihnen mit und teilt deren Kummer. Wird Marian das Leid ihrer Patienten zu groß, leistet sie schon mal eigenmächtig Sterbehilfe mittels Todesspritze. Zuhause erwartet sie nur die totale Einsamkeit, eine sterile, unpersönliche Wohnung und der Fernseher. Die Versuche Kontakt zum anderen Geschlecht aufzunehmen enden meistens schmerzhaft, weshalb sich Marian meist mit Masturbieren behilft.
Einsamkeit, Isolation und sexuelle Frustration sind also die vorherrschenden Themen, ebenso das überaus kontrovers diskutierte Euthanasie-Thema. Die Figur der Marian ist weltklasse gespielt und erinnert in ihrer Gefühlskälte, Sterilität und Zwanghaftigkeit beinahe an die Dame aus Hanekes DIE KLAVIERSPIELERIN. Ihre fast krankhafte Hilfsbereitschaft, die schon in Unterwürfigkeit übergeht, saugt hart am Gemüt des Zuschauers. Hinsichtlich der zunehmenden Belastung und dem immer deutlich werdenden Pflegenotstand bleibt die Frage offen: Wer sorgt sich um die Sorgenden? Gleichzeitig schallt der Appell an alle im Pflegebereich Tätigen mehr Psychohygiene zu betreiben.
Der Film schlägt an sich gut in seinen Bann, trumpft mit ausdrucksstarken Bildern und verzichtet absichtlich auf unnötiges Gelabere, sodass hier wirklich wahnsinnig wenig geredet wird, was den Eindruck von Isolation sehr spürbar macht. Ein klarer Handlungsstrang ist jedoch nicht zu erkennen. Das Geschehen plänkelt eben ohne nennenswerte Höhen oder Tiefen vor sich hin. Klar gipfelt das Drama um Marian in einer kleinen Katastrophe. Diese fällt jedoch noch verhältnismäßig glimpflich aus. Die Highlights in Punkto Tabubruch sind einmal die Selbstbefriedigung mit einem gebrauchten Kondom, zum anderen ist gegen Ende ein wichsender, erregierter Penis zu sehen. Schockt auch nicht mehr wirklich, wirkt aber wenigstens nicht aufgesetzt oder übertrieben.
Fazit:
Würdiger Vertreter der „Kino Kontrovers“-Reihe. Kein Highlight, aber dennoch sehr ansehnlich.