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Marian ist auf der Suche nach Intimität - eine Intimität, die sie in ihrem wirklichen Leben vielleicht nie erlebt hat. Und wir alle schlüpfen in eine Rolle, wenn wir unseren Beruf ausüben. Dabei ist der Kleidungswechsel in die Arbeitskleidung fast wie das Wechseln der eigenen Person, und in dieser Rolle findet Marian eine Aufgabe. Inhalt dieser Aufgabe ist in erster Linie sich um Schwerkranke und Sterbende zu kümmern, wobei der Ort vielmehr einer Palliativ- als einer Intensivstation gleicht. Während der Begleitung der Sterbenden und das Nahe sein während der letzten Augenblicke des Lebens gibt Marian das, was sie in ihrem eher tristen Leben nie erfahren hat - Intimität. Und das geben ihr die Kranken im Augenblick des Todes. Deshalb ist es vielmehr die Anwesendheit während der Lebensfaden zerschnitten wird, das, was Marian das Gefühl von Intimität vermittelt, als das Begleiten der Personen an sich. Und das findet seinen Höhepunkt irgendwann darin, dass sie diesen Augenblick - in Form von Sterbehilfe durch eine Spritze - künstlich herbeiführen möchte. Dabei ist es anscheinend unerheblich, ob die Betroffenen diesem Wunsch zustimmen, oder - wie in mindestens einem Fall - während der Verabreichung der Spritze zumindest für den Zuschauer klar wird, dass dieser jemand den Wunsch und die Sehnsucht nach dem Tod nicht teilte.

Verstärkt wird diese Intimität durch die Art und Weise der Geräuschkulisse des Films. Denn dieser Film ist leise. Er ist so leise, dass man teilweise glaubt selbst mit am Geschehen beiteligt zu sein und sich dabei ertappt, das man schuldbewusst den Kopf abwendet, wenn sie es wieder getan hat. Dabei ist das nur Mittel zum Zweck, denn anscheinend braucht Marian dieses Gefühl um sich selbst lebendig zu fühlen. Denn sie will leben. Das merkt man daran, als sie sich einen Mann versucht zu nähern. Das beginnt damit, dass sie den gleichen Film wie ein ihr unbekannter Mann ausleiht, obwohl es ein Porno oder etwas ähnliches ist. Und dies auch nur, um auf eine ganz andere Art Intimität zu spüren. Durch den Masturbationsakt vor ihrem Fenster, den der Fremde von seinem Fenster aus beobachten kann, gibt sie ihm zu verstehen, dass sie mehr von ihm möchte, doch dies hat nichts mit Liebe zu tun. Vielleicht weil Marian nicht weiß, was Liebe ist. Aber als er dann vor ihrer Tür steht, lässt sie ihn nicht ein. Vielleicht fürchtet sie, dass ihre Intimität zerstört werden könnte. Als sie ihn später wie zufällig auf einer Party trifft, ist es so dass sie in devoter Rolle ihm gegenüber das Gefühl der Leere und Trostlosigkeit ihres Alltagslebens bekämpfen möchte. Vielleicht auch, weil sie dadurch nicht mehr gezwungen ist, durch die Verabreichung der Todesspritze das Gefühl des gebraucht werdens herauf zu beschwören.

Durch die extrem drastische Darstellung der Szene, in der klar wird, dass auch er nicht richtig in der Lage ist Marian zu lieben oder eine geordnete Beziehung zu haben, erhält der Film wohl seine Freigabe. Der Film wäre ohne diese Szene kontrovers genug. Das macht es noch ein wenig markanter, lenkt aber auch ein wenig von der eigentlichen Problematik des Urthemas ab: Der Sterbehilfe. Denn die Intimität, die von Marian so begehrt wird, findet sie nicht in ihrem Gegenüber. Dabei ist diese Szene nur ein Bruchteil des Films und sie wird im Eingangstext als wichtiger dargestellt, als sie eigentlich ist. Denn durch die leisen Töne des Films ist beim Sehen Intimität vorhanden. Unabhängig davon, was wirklich zu sehen ist. Und deshalb allein ist dieser Film brilliant.

Die Geschichte an sich hätte auf 1000 verschiedene Weisen erzählt werden können, aber sie wurde eben auf diese ganz besondere leise Weise erzählt, und das macht diesen Film hier einzigartig in seiner Art und deshalb zu einem exzellenten Werk, das sich niemand entgehen lassen sollte.

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