Eine Krankenschwester macht krank
„Code Blue“ ist (passend zum deutschen Heimkinoverleih) kontroverses Psychohorrorkino aus Holland. Ein herausforderndes und düsteres Experiment, ein Mittelfinger an Normen und Gewohnheiten und Geschöntheiten. Über eine abgewrackte und einsame Krankenschwester, die sich nach Intimität und Zweisamkeit sehnt, dabei schmerzhafte Umwege geht und Wünsche, Begierden, Fetische freisetzt, die sie in ganz neue Abgründe ihrer selbst sowie ihrer Umwelt treiben…
Gemeinsam einsam
Der „Code Blue“ steht im Krankenhaus für einen lebensgefährlich verletzten Patienten. Hier bezieht sich der Titel meiner Meinung nach aber natürlich am ehesten auf unsere Protagonistin (die ja eigentlich solchen Kranken helfen soll) und ihren seelischen Zustand. „Code Blue“ ist psychologisch ein Brett, ein Arthousdrama mit horrenden Stimmungen, menschlichen Schocks, einer aufopferungsvollen Performance, wie man sie ganz, ganz selten sieht. Bien de Moor zieht hier alle Register, ist sich für nichts zu schade, zu dreckig, zu nackt. Und Eidinger passt in eine solche, normwidrige Konstellation natürlich auch perfekt. Dazu eine Bildsprache, die abstösst und beeindruckt zugleich. Normalerweise bin ich nicht immer Fan solcher wortkargen und künstlerisch betonten filmischen Collagen, stehe eher auf klassisch erzählte Geschichten. Aber in „Code Blue“ passen einfach Stil, Thema und Figuren sehr stark zueinander. Alles baut eine enorme Sogwirkung auf, obwohl man da eigentlich gar nicht zu nah ran will. Und dennoch - gerade wenn man seine sozialen wie filmischen Grenzen gerne mal ausdehnt - genießt man jede Minute. Zwischen Sterbehilfe, sexuellen Tabus und konzentriertem Seelentaumel. Nur das Ende bricht mir etwas zu früh ab bzw. viele würden sagen, dass der Film aufhört, wenn es am spannendsten ist und die Welt unserer Marian endlich anfängt zu drehen. Ob in eine hoffnungsvolle oder gar noch tristere Richtung, darf jeder selbst entscheiden.
Orgasmen als kleine Tode
Fazit: „Code Blue“ ist einer der härtesten und unangenehmsten Filme, die keiner/kaum einer kennt. Zwischen Haneke, Seidl und Pasolini. Ein waschechter und wertvoller Skandalfilm, vollkommen unter fast jedem Radar. Ein gleichsam berührendes, betörendes wie verstörendes Psychogramm. Geht tief unter die Haut!