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„The Wise Little Hen“ ist ein typischer Fall von Schaustehlen, denn eigentlich bekleidet hier eine Henne die Hauptrolle. Doch eine freche, faule Ente im Matrosenanzug spielte sich in einer kleinen Nebenrolle in die Herzen der Zuschauer – eine Ente namens Donald.

So ist der Walt Disney-Kurzfilm (7:24 Min.) von 1934 als derjenige Beitrag in die Filmgeschichte eingegangen, der Donald den Weg auf die internationale Bühne ebnete. Das Karrieresprungbrett des ewigen Verlierers, der für seinen Erfinder lukrativer gewesen sein dürfte als jede andere Figur.

Das war 1934 aber noch nicht abgesehen. Konzipiert war der Enterich nämlich nicht als Herzensbrecher des Publikums, sondern lediglich als Deckung einer funktionalen Rolle, die der zu erzählenden Geschichte dieses Kurzfilms unterlag und eine Moral verbreiten sollte: Wer etwas haben will, muss dafür arbeiten.
Das mag für den Steuerzahler im Wohlfahrtsstaat zur Zeit der Globalisierung eher belustigend als ernstgemeint klingen, spiegelt aber die Arbeitergesellschaft von damals wieder. Die Industrielle Revolution, in ihrer Wirkung noch heute prägend, war zwar damals in den USA wie in allen Ländern Kerneuropas bereits mehrere Jahrzehnte abgeschlossen und nicht zuletzt durch den Ersten Weltkrieg von der aktuellen Zeit getrennt, prägte aber das Wirtschaftsbild nach wie vor. Der primäre Sektor, also unter anderem die Landwirtschaft, bekleidete im Gegensatz zur heutigen Zeit immer noch einen großen Anteil am Sozialprodukt der Länder; die traditionelle Arbeitergesellschaft repräsentierte das Bild der berufstätigen Masse.

Die Disney-Kurzfilme paraphrasierten nicht selten wirtschaftliche, soziale und kulturelle Zustände, die in den USA herrschten und übertrugen sie auf eine fiktive Tierwelt. Die Tiere, und das war natürlich kein neues Stilelement, wurden vermenschlicht und fungierten damit als Metapher auf soziale Gruppen von Menschen.

Nun haben wir in dem Kurzfilm eine Henne als Protagonisten, ein mächtiges, großes Exemplar mit einem prachtvollen Federkleid. Um sie herum bewegen sich ihre kleinen Küken, die sie zu versorgen hat; in ihrer Hand hält sie Maiskörner, die angebaut werden wollen.
Was wir hier haben, ist offensichtlich die Nachzeichnung einer Familie von Vollbauern. Die Henne repräsentiert das schützende Oberhaupt, das sich um die Familie kümmert. Der Mais war ein speziell amerikanisches Agrarprodukt und dementsprechend neben der Kartoffel besonders wichtig für die Subsistenzwirtschaft, also für die Selbstversorgung.
Während die Küken beinahe ohne menschliche Züge bleiben, weist die Henne bereits welche auf, wenn auch noch die animalischen Eigenschaften überwiegen. Ein Kritikpunkt dürfte sein, dass es sich hier um eine Henne handelt, nicht um einen Gockel, was logischer gewesen wäre in Anbetracht der Tatsache, dass in der Regel eher Männer das Oberhaupt der Familie bildeten. Vielleicht ist dies auch ein Grund, weshalb der Originaltitel „The Wise Little Hen“ im Deutschen teilweise mit „Der kluge, kleine Gockel“ übersetzt wurde. Andererseits betont das Weibliche stärker den Beschützeraspekt. Fraglich bleibt, wieso die Henne im Titel mit „little“ bezeichnet wird.

Die Henne braucht nun Hilfe beim Anbau der Maiskörner, weshalb sie sich an zwei Hilfsarbeiter wendet. Hier kommt Donald ins Spiel, neben ihm zudem „Peter Pig“, der später als „Schweinchen Dick“ bekannt wurde. Das Einstellen von Hilfskräften war damals ein notwendiger Schritt, da die Arbeitskräfte extensiviert werden mussten. Der Arbeitskraft aus den Reihen der eigenen Familie waren natürlich in ihrer Kapazität Grenzen gesetzt, weshalb man sich an außerfamiliäre Arbeiter wandte, meist Landstreicher und Vagabunden. Man kennt jene Arbeitskräfte unter anderem aus Filmen wie „The Green Mile“.
So hat der bis heute allseits beliebte Donald hier also seinen Ursprung. War man bisher nur herzensgute Figuren wie Micky und Goofy gewöhnt, brachte Donald neue Charaktereigenschaften ins Spiel und wurde damit um so menschlicher. Er war wütend, traurig, boshaft, glücklos, frech, diebisch, impulsiv, explosiv. In seinem ersten Auftritt beschränkte er sich aber auf seine Faulheit, seine Schmarotzerei und seinen Verliererstatus. Das Schwein weist als Gleichgesinnter die gleichen Eigenschaften auf, sticht aber zu keinem Zeitpunkt so hervor wie die freche Ente. Wenngleich der Auftritt noch relativ klein blieb, wurde das grenzenlose Potential in seinen Ansätzen bereits deutlich. Denn Donald war nicht gerade ein Musterbeispiel guter Manieren und dennoch beliebt. Das barg viele Möglichkeiten zum Ausbau. Dass sie voll genutzt wurden, ist ja inzwischen bekannt.

Der Zeichenstil ist unglaublich detailreich für damalige Verhältnisse und kann selbst heute noch als Vorbild für so manche Trickserie dienen. Die Atmosphäre wird sehr schön eingefangen durch die detailgetreue Nachzeichnung von Feldern, Ackerbaugeräten, Bauernhäusern, Pflanzen etc.
Ansonsten verleiht ein für die Zeit klassisch-typisches Lied (im Stil von „Ein kleiner grüner Kaktus“) dem Kurzfilm die Struktur und zeichnet zunächst den Handlungsverlauf, dann die Moral in flüssigen Parallelreimen auf. Das trifft sicherlich nicht den Geschmack von jedem (meinen übrigens auch nicht: ich hasse Gesang in Trickfilmen), vervollständigt das Geschehen aber zu einem stimmigen Gesamtwerk.
Im Vergleich zu späteren Disney-Kurzfilmen (und auch beeinflusst durch die persönliche Antipathie gegen Gesang von Tieren) reicht es dann trotzdem nur zum gehobenen Durchschnitt.

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