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Der Fall von Anneliese Michel ist einer der weltweit bekanntesten Fälle in Sachen Exorzismus. Im Nachhinein betrachtet sprechen viele Fakten für eine rationale Erklärung der merkwürdigen Vorfälle, die mit einer recht strengen Erziehung und mehreren Krankheiten, auch psychischer Natur einhergehen.
Mehrere Male wurde der Stoff bereits verfilmt, allerdings noch nicht mit pseudo-dokumentarischen Mitteln.

Es ist Juni im Jahre 1976: Bereits seit Monaten versuchen zwei Geistliche Anneliese von den Dämonen zu befreien, bis nun ein Ärzte-Team und zwei Reporter mit einigen Kameras für siebzehn Tage eine Studie aufzeichnen wollen.
Doch es kommt zum Streit über mögliche Behandlungsmethoden, während Annelieses Verhalten immer unberechenbarer wird…

Natürlich ist es eine Möglichkeit, dem Fall möglichst viel Authentizität zu verpassen und durch Interviews, Fehlern im Bildmaterial und unsicherem Verhalten der Protagonisten eine glaubhafte Nähe zum Geschehen aufzubauen, doch das Timing zeigt von Beginn an kein Gespür für einen Spannungsaufbau oder gibt die Möglichkeit zur emotionalen Anteilnahme.
In Annelieses erster Szene stolpert sie im weißen Nachthemd über den Boden, uriniert und zeigt sich danach interessiert an der Flüssigkeit. Kein Hintergrund und keine Informationen, wie das Mädchen vor ihrer Erkrankung war, denn wir lernen sie bereits als Besessene kennen.

Auch zu den Personen in ihren Umfeld kann nur schwer ein Bezug aufgebaut werden, denn es kommt zum ständigen Streit zwischen den beiden Ärzten, die vehement auf die Verlegung in eine Klinik pochen, und den beiden Kirchenvertretern, die unbeirrt am großen Exorzismus festhalten. Dazwischen ein provokanter, oft auch geschmacklos daher faselnder Reporter, der zwar einige belanglose Fragen stellt, dem Geschehen aber zu keiner Zeit entscheidende Wendungen gibt.

Insofern steht man den Ereignissen recht distanziert gegenüber und als wäre dies noch nicht genug, sorgt das üble Bild - und Tonmaterial für den Rest. Klar, anno 1976 waren Videokameras noch nicht so brillant, doch auf Schwarzweiß musste man nicht mehr zwingend zurückgreifen und auch Bildaussetzer, Tonausfälle, Risse und Filmstreifen hätte man sich in dem Ausmaß besser gespart. Anderweitig wundern sich bewegende Überwachungskameras, die gar zwischenzeitlich Zoom beinhalten und auch Reporter Steve ist überraschenderweise immer zur Stelle, wenn außergewöhnliche Vorfälle eintreten.

Von denen sind allerdings nicht allzu viele zu verzeichnen. Als einzigen halbwegs passablen Effekt kriechen für eine Sekunde Spinnen in Annelieses Mund und Nase, ansonsten spricht sie zwischendurch diverse Sprachen im ständigen Wechsel, flucht und schlägt um sich, blickt lethargisch ins Leere, wird für einen Moment scheinbar wieder zum zerbrechlichen Mädchen von einst, um im nächsten beispielsweise den Pfarrer mit unflätigen Bemerkungen zum Sex zu animieren.
Kennt man alles, und auch wenn es eventuell nah an den damaligen Erscheinungen gebunden ist: Spannung will bei alledem zu kaum einer Zeit aufkommen.

Zumindest kann man einer Nicole Muller in der Hauptrolle keinen Vorwurf daraus machen, denn sie holt als einzige das Beste aus ihrer (wenn auch dankbaren) Rolle heraus und performt mit sichtbarer Leidenschaft, während die übrigen Mimen tatsächlich wie Laien daherkommen und leider auch adäquat synchronisiert wurden.

Selbst in Form einer Pseudo-Doku hätte man mit ordentlichem Spannungsbogen und etwas Hintergrund deutlich mehr aus der Exorzisten-Geschichte herauskitzeln können, doch der dröge Aufbau mit völlig unnötigen Zutaten wie handschriftlichen Protokollen und minutenlang schwarzem Bild und mehrfach wiederholten, nur schwer verständlichen Audios lassen die Geschichte einfältiger dastehen, als sie sich wahrscheinlich zugetragen hat.
Langweilig, ohne Tiefe und am Ende überdies zu mutlos, eine eigene Stellung zu beziehen, - da bildet die auch nicht überragende Umsetzung „Der Exorzismus von Emily Rose“ die weitaus bessere Alternative zum historischen Pendant.
2,5 von 10

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