Review

"Anonyme Romantiker", soso...
Nein, liebe deutsche Titelmacher - von Romantikern ist in Jean-Pierre Améris neuestem Film weit und breit nichts zu entdecken, vielmehr handelt es sich um "anonyme Empfindsame" und damit läßt sich schon weitaus Kurioseres anstellen, als einen Romantikfilm von der Stange zu drehen.
Empfindsam, das sind Angélique und Jean-René, aber nicht auf die normal-gefühlvolle Tour, sondern schon krankhaft, so daß sie es im Leben weißgott nicht leicht haben. Angélique ist eine mehr als talentierte Chocolatière, die geradezu sensationelle Kompositionen zaubern kann, aber sie ist so hypersensibel, daß sie schon bei einem latent aufregenden Gespräch (in der Selbsthilfegruppe unter Gleichgesinnten) in Ohnmacht fällt und kaum einen geraden Satz herausbringt.
Schlechte Voraussetzungen, um sich der Schokoladenfabrik von Jean-René zu bewerben, die kurz vor dem finanziellen und geschmacklichen Aus steht - aber ein glücklicher Zufall dennoch, denn der Chef ist so ziemlich der schüchternste Mann auf dem Planeten, der schon vor einem simplen Händedruck zurückschreckt und bei kurzen Konversationen akute Schweißausbrüche erleidet.

Zwei solche Menschen sind natürlich wie füreinander geschaffen, wenn sie aufeinander losgelassen und diese Ausgangsposition nützt Améris mit 80 Minuten enorm kurzer, aber sehr herzerwärmende Film weidlich aus, wenn die beiden flott aneinander vorbeiagieren, weil sie jeweils von der Schwäche des Anderen nichts wissend, bemüht sind, ihre Schwächen zu überwinden. Jean-René wird ständig von seinem Psychiater auf Angélique angesetzt und sie kurbelt ihr Selbstvertrauen mittels ihrer neu entdeckten Gefühle nach Kräften an.
Dazu noch das hochfein-geschmackvolle Ambiente einer Schokoladenmanufaktur und fertig ist der zarte kleine Kinoleckerbissen.

Und genau da fangen die Probleme an: "Les emotifs anonymes" ist nämlich zart, fluffig und unendlich niedlich, aber er wächst leider nie aus diesem Stadium hinaus. Das garantiert ein Publikum, das in der ersten halben Stunde vermutlich vor Glucksen kaum noch zum Atmen kommt, solange die Exposition nämlich noch auf vollen Touren läuft, doch danach fährt sich der Film in seiner Ausgangssituation leider fest, luftig-leicht, aber dennoch kaum von der Stelle zu bewegen.
Weder die Love Story, noch der einzige halbwegs existente Plotkniff, daß Angélique nämlich ein geradezu mythischer Chocolatier ist, dies aber nicht ausplaudern will, setzen die Story wirklich in Bewegung, jeder Ansatz von Weiterentwicklung wird binnen weniger Minuten ausgebremst.
In kürzester Zeit ist die Schöne durchschaut, die Liebesgeschichte unvermeidlich, der erste Sex vollbracht und das übliche Problem des Nicht-miteinander-Offen-Umgehens sorgt für einen Bruch (mit zartem Schmelz selbstverständlich), der dann natürlich mittels (sehr kleinem und eher unspektakulärem) Finale wieder gekittet wird.

Eine dermaßen naiv-märchenhafte Erzählung mit absurden Untertönen muß zwangsläufig Flügel bekommen, wenn sie wachsen soll, doch hier gießt niemand das zarte Pflänzchen. Zwischendurch wird sogar beidseitig mal ein Liedchen geträllert (das der deutsche Verleih auch noch fatal eingedeutscht hat), doch die ganze Produktion bleibt nett, brav und überschaubar, so daß sich selbst die charmanten Manierismen der Protagonisten irgendwann tot laufen.
Zwar muß man bewundern, wie die Franzosen selbst so kleinen Geschichten etwas Urgemütlich-Nostalgisches mitgeben können, als wäre die Zeit um 1960 stehengeblieben, aber irgendwann fragt man sich als komödien-affiner Mensch, was die Briten eventuell aus dieser Ausgangsposition gemacht hätten, wie sie das Absurde und das Herzliche vermutlich geradezu explosiv gesteigert hätten, um dann mit einem Knall auszusteigen.
Hier läuft die Geschichte leider dann doch nur auf ein erwartbares Ende zu (mit einem winzigen Kniff) und läßt den Zuschauer dann doch etwas ratlos zurück, als hätten die Filmemacher das gleiche Problem wie die Figuren, sich einfach nicht mehr zuzutrauen.
Bis dahin hat man aber bestimmt genug gelacht und geschmunzelt, um sich nicht ums Eintrittsgeld zu ärgern, aber die definitive Romantikkomödie rund um Schokolade ist immer noch nicht gedreht worden.
Oder andersrum: Remake her, das kann man noch verbessern. (6,5/10)

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