Dieser Mickey Mouse Cartoon aus dem Jahre 1935 ist einer der ersten Farbauftritte der weltberühmten Maus. Vergleicht man diese späteren Farbfilme - deren Reihe mit "The Band Concert" (1935) (zugleich einer der ersten Donald Duck Cartoons) begonnen hat - mit den früheren s/w-Filme, so fallen ein paar gravierdende Änderungen deutlich auf, die sich bereits in der s/w-Phase schon angedeutet hatten: Mickey wurde bedeutend weniger frech und keck und stattdessen immer zahmer und biederer, der Zeichenstil entfernte sich immer weiter davon organische Formen mit den ausgetüffelten abstrakten Animationsfilmen eines Fischingers oder Ruttmanns in einer narrativen Handlung zu verbinden und die Musik als Rhythmus-angebendes Instrument (nicht umsonst wurde die meisten Cartoons der Disney Studios als Silly Symphonies herausgebracht), die zuvor fast schon ein zentrales Filmthema war, entwickelte sich immer häufiger zurück zur bloßen Verstärkung visueller Vorgänge, die hier vermehrt Vorrang hatten.
Ein kurzer Blick auf die frühen Cartoons verdeutlicht dies schnell: In "Plane Crazy" (1929) etwa werden Dackel derartig verbogen und verdreht, dass sie als Antrieb eines Propellers genutzt werden können, Holzlatten sind geschmeidig und flüssig in ihren Bewegungen wie fließendes Wasser, und eine simpel gezeichnete Landstraße wird infolge einer hektischen point-of-view Bewegung zum Spiel von Linien und Farben und der Hals einer Kuh wird zweckdienlich verlängert, indem man ihren Schwanz weiter in ihren Körper schiebt, woraufhin quasi folgerichtig der Kopf weiter nach vorne schnellt, während in "The Barnyard Battle" (1929) beim Blasen einer Trompete der Körper beim Einsaugen der Luft kugelrund wird und beim Auspusten komplett erlischt und nur Hose und Trompete zurücklässt, die Blickrichtungen von Figuren teilweise als Strichlinien durchs Bild wandern und hauchdünne Baumstämme als Versteck von fetten Katern herhalten können. Soviel Besinnung auf die Mittel des Zeichentrickfilms findet man (aus dieser Zeit) sonst wohl nur bei Betty Boop - etwa dem vorzüglichen "Betty Boop, M.D." (1932).
Mickey selbst ballert ebenfalls in "The Barnyard Battle" mit einem Maschinengewehr, betätigt sich in "When the Cat's Away" (1929) als Einbrecher und legt mit Minnie einen fetzigen Tanz vor, bei dem das Höschen seiner Tanzpartnerin ständig aus dem Minirock hervorschaut.
Und Musik (bzw Tanz) war entweder die eigentliche Handlung des Films oder aber es wurden andere Handlungsabläufe wie in "Plane Crazy" derartig gestreckt, dass sie zwar inhaltlich keinen Fortschritt brachten, dafür aber als ausdauernde Bebilderung des jeweiligen Musikstückes dienlich waren - etwa wenn die am Flugzeug hängende Kuh regelmäßih mit ihrem Euter auf den Boden klatscht.
In den Farbcartoons suchte man derartige formale und inhaltliche Extreme meist vergeblich. "Pluto's Judgement Day" ist von dieser Entwicklung zwar auch nicht verschont geblieben, sticht aber tendenziell aus der Reihe dern anderen Cartoons der Farbfilmphase wieder heraus. Was Mickey betrifft, hat sich an den neuerdings zahmen, biederen Zügen nichts geändert: Die Maus sitzt lesend im Wohnzimmer, versucht Pluto das Toben und Katzenjagen auszureden und muss erste Anzeichen einer Verschmutzung sofort mit Wasser und Seife bereinigen.
Die Handlung konzentriert sich hier jedoch überwiegend auf Pluto, den nicht sehr hellen, dafür vorschnellen Hund, der hier nach einer Verfolgungsjagd mit einer Katze von Mickey seine Standpauke erhält (samt Verweis auf den titelgebenden Judgement Day) und am Kamin ins Reich der Träume wechselt, wo die Handlung eigentlich erst beginnt.
Ein Kater dringt nämlich ins Haus ein, lockt Pluto hinter sich her, die Umgebung wird immer düsterer und im Inneren einer katzenförmigen Höhle wird ihm von einigen Katern der Prozess gemacht, an dessen Ende er über offenem Feuer schmoren muss.
Nach dem Erwachen erweist sich Pluto als geläutert, sein Verhältnis zum Katzenvieh hat sich damit gebessert.
Die eigentliche Qualität des Film liegt freilich nicht bei der kindergerechten Moral im Sinne von "Was du nicht willst, dass man dir tu...", sondern in der Inszenierung der Läuterung und Bekehrung, die im krassen Kontrast zur eigentlichen Aussage steht - was daran liegt, dass sie einer zweiten Aussage dienlich ist, die sich dem kindlichen Publikum wohl kaum aufdrängt.
"Pluto's Judgement Day" ist nämlich eine vorzügliche Schreckensvision von einem aus den Fugen geratenem Rechtssystem, in welchem das Urteil bereits feststeht und die Farce der Verhandlung nur der Form wegen abgehandelt wird. Die Jury-Mitglieder sind mit ihrem Augenzwinkern und dem verschlagenen Grinsen James Cagney ähnelnde Schurkenfiguren und rein optisch schon als die eigentlichen "Public Enemies" erkennbar, während hier der treudoofe Pluto als solcher in Ketten gehängt vorgeführt wird. Die Justitia mit der Waagschale in der Hand spricht ebenfalls Bände: Die Augenbinde ist völlig verrutscht und damit wertlos (sie dient fast eher als Kopfschmuck), die Waagschale sitzt schon grundsätzlich schief, weil die eine Schale größer und schwerer ist. Der Ankläger, ein bedrohlich großer Kater in roter Robe, spielt dem Angeklagten schmerzhafte Streiche, woraufhin jede Schmerzäußerung vom Richter mit einem strengen Hammerschlag geahndet wird. Die Vorführung von Plutos Opfern erweist sich zudem als bloßes Mittel zum Zweck, ihnen wird auch von gerichtlicher Seite kein Mitleid zuteil (ein nervliches zerrüttetes Kätzchen wird unter künstlich erzeugtem Gebell zur Raserei getrieben) und dem Angeklagten wird keine Verteidigung ermöglicht. Die Beratung der Jury besteht schließlich in einem schon perfekt einstudierten Lied ("We find the defendants guilty - he's guilty, he's guilty..."), der Abmarsch ins Beratungszimmer erweist sich als bloßer Gag, bei dem die Kater, gerade zur einen Seite der Drehtür verschwunden, sofort wieder auf der anderen Seite die Drehtür verlassen.
Am Schluss der Verhandlung fliegen im wahrsten Sinne des Wortes die Fetzen (die einzigen Schriftstücke - 6 Blätter mit den Buchstaben G, U, I, L, T und Y - werden nämlich kollektiv in Extase zerfetzt) und ein Mob rottet sich zusammen, der Pluto über einem lodernden Feuer platziert.
Der gezielte Einsatz von roten Katern am Ende des Films ist vermutlich dem traditionellen Bild von Teufeln geschuldet, zumal auch Plutos Strafe überdeutlich an gängige Höllendarstellungen erinnert; dennoch wurde dieser Schauprozess auch als propagandistische Satire auf die Moskauer Prozesse gewertet worden - u. a. von Slavoj Žižek. Sicherlich eine naheliegende und berechtigte Auffassung, gleichzeitig sollte aber nicht übersehen werden, dass die Schurken in ihrer Anlehnung an typisch amerikanische Schurkenfiguren die Eindeutigkeit solch einer Lesart verhindern.
In dieser beklemmenden Schilderung eines mechanischen Ablaufes, bei dem einem als Opfer die Hände wortwörtlich gebunden sind und einem die eigene Ohnmacht überdeutlich vorgeführt wird, zählt dieser Disney-Film zum düstersten überhaupt - und nur einige wenige Disney-Klassiker wie der ebenfalls unter David Hand entstandene "The Mad Doctor" (1933) können da mithalten.
Formal geht ihm die Schnörkellosigkeit der früheren Werke zugunsten einer verspielten aber zugleich konventionelleren Ästhetik völlig ab. Dennoch gibt es auch hier einige Höhepunkt zu bewundern, die durchaus überzeugen können: abgesehen vom rasanten Schlammgespritze und einem vermeintlich fetten Kater, der sich von der Seite betrachtet als flachgepresst erweist - beides sehr gängige Cartoon-Gags - werden dem Zuschauer hier kleine Flammen geboten, die ein Seil eher aufknoten als verbrennen, Pluto schrumpft vor Angst auf Erbsengröße, der Engel einer toten Katze erscheint gleich in 9facher Ausführung (Katzen haben schließlich neun Leben), selbst die Heiligenscheine (der Scheinheiligen) werfen Schatten usw.
Der Schattenwurf ist generell in Verbindung mit geschicktem Perspektiv-Einsatz äußerst gelungen. Der Musikeinsatz ist hier auch nicht ganz so stark dem Bild untergeordnet, was einen geradezu musicalhaften Choreografien zu verdanken ist...
Insgesamt ein handwerklich zwar weniger experimentierfreudiger, aber dennoch sorgfältiger, stilsicherer und geschickter Disney-Cartoon, der in seinem selten gesehenen, düsteren Tonfall eine kleine Rarität darstellt. Da kann man die sehr moralisiernde Rahmenhandlung mit Mickey ebenso verzeihen wie die zeitbedingte Darstellung Farbiger (Katzen)...
9/10.