Review
von Leimbacher-Mario
Erotik für Denker
Nachdem ich mit "L'Eclisse" Antonionis Liebes-Trilogie aus den frühen 60ern nun abgeschlossen & zum ersten Mal überhaupt gesehen habe, bleibe ich durchgeschüttelt, aber auch etwas ernüchtert zurück. Nicht ganz so stark wie die zwei thematisch verbundenen Vorgänger "La Notte" & "L'Avventura", untersucht der Meister der spontan-artifiziellen Filmliebe auch hier weiter die Liebes-Irrungen & -Wirrungen in Bella Italia zu Beginn der Swinging Sixties. Alles drei Filme mit einer besonderen, sexuell magischen Ausstrahlung, aber auch viel Langsamkeit & Ödnis. Mehrfaches Sichten sicher unumgänglich um dem Kern näher zu kommen - wird aber anstrengend. Unterhaltung wird finde ich hier nicht groß geschrieben...
Die elektrisierende Vitti bricht eine Beziehung ab, bandelt dann recht flott mit dem nicht minder attraktiven Alain Delon an. Am Ende schwört man sich ewige Treue in einem Moment des unüberlegten Spaßes - nur um kurze Zeit später in die Realität zurückzukehren & sich nie mehr zu treffen - als sei nichts gewesen... Ach & zwischendrin noch ein paar künstlerisch verklärte Blicke auf die von Kapitalismus & Sexismus angefressene Seele des Stiefels. Das ist alles, was Antonioni braucht, um ein Film zu drehen, der als Meisterwerk gefeiert wird. Und wunderschöne Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Ich glaube er hatte damals in den Kreisen Gelehrter, Intellektueller & Filmkritiker schon einen so festen Stand & gute Reputation, der Mann hätte gequirlte Innereien abliefern können, sie wären als künstlerisch wertvoll gefeiert worden... gab also auch damals schon so etwas wie Hype, nicht nur im Internet-Zeitalter voller Hater & Hyper ;)
Ich würde nie sagen, "Liebe 1962" ist ein schlechter Film. Nicht mal ansatzweise. Aber das ich mich die meiste Zeit in einer gehobenen Langeweile & Wachschlaf befand, ist auch nicht gelogen. Die Chemie zwischen den zwei Sexikonen ist spürbar & selten war eine Affäre überzeugender. Das macht den extrem gewagten, plötzlichen, verwirrenden & extravaganten Schluss umso schockierender. Ich mag diese Entscheidung - allerdings schwingt noch immer etwas Verwirrung & "Häh?" in meinem Kopf. Kann man genial nennen, aber ebenso faul & nicht so schlau wie er sein will. Nicht nur das Ende, auch der ganze Filme. Ultrahübsch, aber auch irgendwie selbstverliebt & oberflächlich. Genauso wie seine Protagonisten. Also wahrscheinlich auch so geplant - und deshalb allein schon seinen guten Ruf wert. Oder zumindest eine Chance. Auch der Blick ins Rom der 60er samt verloren-verfrorener Gesellschaft ohne Ziel & mit genauso viel Unsicherheit & Angst wie Schönheit, hat was. Für Italienfans sowieso. Mein Ranking der 3 Antonioni-Ausnahmefilme zum Thema Liebe, Erotik, Menschen - 1) La Notte; 2) L'Avventura; 3) L'Eclisse. Aber sehr knapp & fluktuierend würde ich mal behaupten.
Fazit: eines der gewagtesten Enden, eine der erotischsten Affären - Antonioni bleibt beeindruckend aber wenig berührend für mich!