Es scheint gerade so, als hätte Steven Spielberg nach „Artificial Intelligence: AI“ Geschmack an Science-Fiction-Stoffen gefunden. Anders ist es kaum zu erklären, dass er sich als Mainstream-Regisseur, der nun schon über Jahre hinweg nur in Ausnahmefällen mehr als überdurchschnittliche Unterhaltung ablieferte, sich an eine Kurzgeschichte des visionären Autors Philip K. Dick wagte. Ob die wegweisenden Klassiker „Blade Runner“ und „Total Recall“ oder die geringer budgetierten Geheimtipps „Screamers“ und „Impostor, Dicks pessimistische Zukunftsdystopien, gern vermengt mit einer großzügigen Portion Fortschrittsparanoia, waren kurzweilige Trips, die den Zuschauer in andere Welten entführten.
Nicht gerade das Terrain von Spielberg, obwohl es ihm etliche Kritiker bescheinigten und ein Einspiel von 130 Millionen auch ein moderates Ergebnis darstellt.
Denn obgleich mit seinen Stammkräften Janusz Kaminski, John Williams und Michael Kahn realisiert, gereicht es für Spielberg hier einmal mehr nur zur durchgeplanten Routine. Sicher technisch einwandfrei umgesetzt, nur eben ohne Phantasie und das neue visionäre Vorstellungsvermögen, um etwas Neues zu schaffen.
Sein 2054 schwankt zwischen Retrostyle und Zukunft, wurde aber im Vorfeld von einer Handvoll Spezialisten nach dem „Was könnte sein“ – Prinzip durchkalkuliert und das schadet dem Film auf atmosphärischer Ebene schon mal enorm. Die Optik ist scharfkantig und monochrom mit sehr viel Kontrast, wirkt nahezu durchgängig zu steril und unterkühlt, als dass sie den Zuschauer gewinnen könnte.
Dicks Geschichten waren und sind hingegen am besten, wenn es düster und dreckig zugeht und nicht wenn sie möglichst schick aussehen. Ein Fehler, den John Woo ganz ähnlich ein Jahr später mit „Paycheck“ genauso begehen sollte. Die fatalen Folgen des Fortschritts, den Science Fiction – Filme, die thematisch einen breiten Angriff starten wollen, oft erfolgreich in ein negatives Szenario platzieren, werden hier nie präsent und das ist ein großes Manko, das „Minority Report“ hat. Man schlägt hier den falschen Weg ein, indem man eine Zukunft zeigt, die sich noch nicht überlebt hat, sondern noch im Begriff ist sich zu entwickeln und erst noch die Vorbereitungen trifft, um den Zenit zu überschreiten.
Auch wenn Spielberg und seinem Autor Scott Frank („Get Shorty“, „The Interpreter“) letztlich wie erwartet der Mut zum kompromisslosen, bedeutungsschwangeren Ende fehlt, so bietet der Film rein von der Prämisse her das Potential für einen Genreklassiker erster Güte.
Das Stichwort heißt Pre-Crime. Der Vater des Programms Lamar Burgess (Max von Sydow, „The Exorcist“, „Judge Dredd“) will sein neuartiges Programm möglichst schnell über Washington hinaus verbreiten und in ganz Amerika einsetzen. Dank dreier Wesen (sogenannte Precogs), die die Laune der Gene hervorbrachte und isoliert in einer Nährflüssigkeit schwimmen, ist es seiner Gesellschaft möglich Verbrechen vorherzusehen. Die Albträume dieser Wesen werden mitgeloggt, möglichst schnell ausgewertet und der Täter für den Mord, obwohl er noch nicht geschah, verhaftet und verurteilt. Ein scheinbar narrensicheres System...
Das denkt sich John Anderton (Tom Cruise, „Days of Thunder“, „Collateral“), der beste Jäger im Team, auch. Kaum einer kann so instinktiv erfolgreich die Traumfragmente analysieren und filtern. Als plötzlich er als Mörder deklariert wird, sieht das für ihn anders aus. Gibt es eine Verschwörung gegen ihn? Kann er seine Zukunft ändern?
Gleich vorweg, Tom Cruise hat das Schauspielern sicherlich nicht erfunden, aber er hat vor allem in den letzten Jahren mit Filmen wie „Collateral“ und „War of the Worlds“ bewiesen, dass in ihm mehr als der ewig lächelnde Sunnyboy steckt. Bei „Minority Report“ war es damit noch nicht soweit her. Ohne ihn gänzlich verdammen zu wollen, als bald Dauergehetzter hinterlässt er einen maximal probaten Eindruck, das ganz berechnend als Zugpferd gecastet worden ist und deswegen auch alle anderen Darsteller von Anfang an beiseite drängen muss, auch wenn der Rest vom Fest dafür auf Oberflächlichkeit und Eindimensionalität degradiert wird.
Sein Charakter ist, ähnlich wie bei dem in der Hinsicht wesentlich detaillierter werdenden „Blade Runner“ dem Film Noir entsprungen. Seine fanatische Arbeitswut begründet sich mit einem privaten Schicksal, das ihm Frau und Kind nahm. Um die seelischen Schmerzen zu unterdrücken nimmt er Drogen. Seine Kollegen wissen davon nichts und arbeiten gern mit ihm. Leider wird dieser im Ansatz sehr menschliche und interessante Charakter vom Drehbuch zugunsten einer Dauerhetzjagd dann auch umgehend nach seiner Vorstellung vernachlässigt.
Diese trotz Überlänge soweit flott erzählte Geschichte hält dann auch lieber Action bereit, anstatt kritisch zu hinterfragen, ab wann der Mensch mit Systemglauben, sowie der Abhängigkeit von Technologie und Fortschritt seine Freiheit aufgibt und wie nun sicherzustellen ist, was denn passiert, wenn die für unfehlbar gehaltene Technik versagt und ob es dann überhaupt erkannt wird.
Die hier bereits Realität darstellende totale Kontrolle schützt vor Manipulation nicht und schürt die Angst davor nun völlig ohne Privatsphäre dem Staatsorgan ausgeliefert zu sein, wobei in dieser Zukunft das Horrorszenario schon breite Akzeptanz findet. Personalisierte Werbung schränkt bereits beim Einkauf die Entscheidungsfreiheit ein...etc. Doch darf allein das bloße Vorhaben einer Straftet schon dazu ausreichen, um zu urteilem?
Alles dies interessiert „Minority Report“ leider nie oder nur kurz. Der Plot macht es sich da lieber einfacher und bleibt bei einer Verschwörungstheorie, die dann in einem enttäuschenden Finale endet, wobei auch schon 20 Minuten vorher mit einem Bad End abgeschlossen hätte werden können.
Also müssen es die gut getimten Action-Szenarien einmal mehr reißen, wobei auch hier Spielberg nicht so schrecklich viel mehr einfällt. Gleich zum Auftakt gibt es den Einsatz eines Spezialkommandos der Pre-Crime – Spezialeinheit, angeführt von Anderton, wie sie präventiv einen baldigen Mörder verhaftet und „einlagert“, später gibt es dann etliche Verfolgungsjagden, wobei Anderton der Flüchtige ist. Raketenrucksäcke, Kotzstäbe (Ich nenn’ die Dinger mal so...), futuristische, senkrechte Autobahnen und Rennereien durch Häusern an Fassaden gibt es obendrauf. Atemberaubend, unterhaltsam und spannend gefilmt, ohne den Zuschauer wirklich in Erstaunen zu versetzen – eben Routine.
Neben Neal McDonough („Walking Tall“, „Timeline”) darf sich der B-Movie-Freund über eine Nebenrolle von Patrick Kilpatrick ( der Sandman aus „Death Warrant“) freuen. Der damals in Hollywood methodisch zum Star aufgebaute Ire Colin Farrell („Tigerland“, „Alexander“) gibt derweil als Gegenpol von Tom Cruise einen wunderbar schmierigen Störfaktor, der unwürdig aus der Handlung scheidet. Überhaupt wünscht man sich zwischen den beiden mehr Reibereien, zumal der Film so etwas wie ein Zusammentreffen zweier Generationen ist. Farrell könnte durchaus in Cruise Fußstapfen treten...
Neben überflüssigen Humoreinlagen (die kullernden Augen...) und einer wirklich gelungenen Zwischenstation, in der ein mal wieder köstlich chargierender Peter Stormare („Armageddon“, „Bad Boys 2“) als zwielichtiger Augenarzt Anderton in einer keimigen, zugemüllten Behausung davor bewahrt vom System erfasst und identifiziert zu werden, ist vor allem die Suche nach Antworten, die dann zu einer Entführung eines der Medien führt, erwähnenswert.
Die Fluchtsituation wird lange aufrecht erhalten, ermüdet nicht, fördert aber auch nur widerwillig Antworten zutage. Speziell hier hat der Film dann einige dramaturgische Durchhänger, weil Spielberg ein ums andere Mal mehr damit beschäftigt ist zu zeigen, was er visuell so alles bieten kann, anstatt sich auf den Fortschritt der Geschichte zu konzentrieren.
Um mit dem Publikum Frieden zu schließen, verpasst Steven Spielberg im dritten Akt dann gleich zwei Chancen: Einmal, als Anderton seinem Opfer gegenüber steht und der sich ihm offenbart und einmal, als ihm die Isolationshaft droht. Stattdessen wird der Schluss hinausgezögert und strapaziert die Geduld, auch aufgrund der enttäuschenden Auflösung, die Geduld des Zuschauers. „The Fugitive“ in futuristisch hätte wesentlich mehr Klasse besitzen können.
Fazit:
Steven Spielbergs Zukunft versinkt unübersehbar in der Mittelmäßigkeit. Sein Szenario gestaltet er zu leblos, obwohl seine Hauptfigur da sicherlich Potenzial durchscheinen lässt. Die mit Dicks Stoffen aber fast grundsätzlich einhergehenden Diskussionen über Fortschritt und Technologieabhängigkeit behandelt er derweil nur am Rande, um seinen Hauptdarsteller Tom Cruise auf eine immerhin ordentliche, wenn auch nicht revolutionär, getrickste, klotzende Flucht zu schicken. Für die Ewigkeit wurde „Minority Report“ sicherlich nicht gedreht, doch für den ruhigen Abend vorm TV reicht er noch aus. Ein paar gute Ideen, wie die raffinierten, aber dann zu verniedlichten Spiders will ich gar nicht abstreiten, jedoch inhaltlich war das alles sehr lau und in der letzten halben Stunde zu erzwungen. Über das kitschige Happy End, Spielbergs Standard, sage ich lieber nichts... Oder doch... Widerlich!