Wenige Abenteuerromane wurden so oft für Verfilmungen herangezogen wie Jack Londons "Der Seewolf" und waren immer wieder gern gesehen, sei es nun im Medium Film oder Fernsehen. Während in Deutschland auch nach knapp 40 Jahren immer wieder von Raimund Harmsdorfs Darstellung in dem Fernsehvierteiler gesprochen wird, erinnern sich jüngere Jahrgänge öfter an eine der späten Darstellungen Charles Bronsons als der menschenverachtende, nihilistische Haudegen Wolf Larsen und sein Schreckensregime auf dem Schiff "Ghost".
Gemeinhin gilt unter Filmhistorikern jedoch Michael Curtiz' Verfilmung aus dem Jahr 1941 als eine der gelungensten Adaptionen, in diesem Fall mit Edward G. Robinson in der Hauptrolle. Mit einem Abstand von 70 Jahren betrachtet, vielleicht eine diskutable Annahme, auf jeden Fall beeindruckt die Verfilmung durch eine außerordentlich gelungene Atmosphäre, die durch s/w noch zusätzlich unterstützt wird.
Dennoch nahm sich der actionorientierte Autor Robert Rossen, der für diverse Abenteuer- und Gangsterfilme skriptete, einige Freiheiten mit der Vorlage und paßte sie den Vorgaben eines geschlossenen Films zu Kriegszeiten an, was eine stark komprimierte Filmlänge von gerade 90 Minuten beinhaltet (die heutige bekannte Fassung ist allerdings um 10 Minuten gekürzt).
Damit fiel die lange Entwicklung des Schriftstellers und Schöngeistes Humphrey van Weyden, der stets im Mittelpunkt der Handlung als Gegenpol zu dem gebildeten, aber zynischen und menschenverachtenden Larsen steht, jedoch ziemlich flach, stattdessen betonte man die dramatischen Beziehungen zwischen den handelnden Figuren etwas mehr.
Van Weyden wird zwar auch in dieser Fassung nach einem Schiffbruch aufgefischt, doch die ihn begleitende Frau, Ruth Webster, ist in diesem Fall nicht eine neutrale Passagierin, sondern eine gesuchte Ausbrecherin. Das trifft auch auf die Figur des Seemanns George Leach zu, der im Roman ein Unruhestifter und Meuterer ist, hier allerdings ebenfalls mit krimineller Vorgeschichte ausgestattet, zu einer zentralen Identifikationsfigur wird. So wird die Van Weyden-Figur Londons zweigeteilt, Leach wird zum halbaufrechten "Love Interest" und van Weyden selbst zu einer statischen Nebenfigur, die nur selten ihre humanistisch-gebildeten Züge einbringen kann, was auch daran liegt, daß hauptsächlich der grimmige Robinson im Mittelpunkt stehen soll, der als furchtgebietende Figur am ehesten mitreißen kann.
Für Robinson ist Larsen ein relativ unübliche Figur, denn obwohl der untersetzte Darsteller des öfteren fiese und imposante Figuren spielen mußte, allein in vielen Gangsterfilmen aus jener Zeit, wirkt er nicht geeignet für die mächtige, unkontrollierbare physische Präsenz und Wildheit, die 30 Seeleute mit all ihrem Haß und ihrer Verzweiflung unter Kontrolle halten kann. Robinson arbeitet hart, aber in diesem Fall erscheint es fragwürdig, daß ihn noch niemand von hinten rücklings ermordet hat, anstatt ständig einen furchtsamen Rückzieher zu machen.
Der Plot orientiert sich dann auch an den Hauptpunkten des Romans, der Fehde mit Larsens Bruder als Hauptantriebskraft und einigen Konflikten an Bord, wobei nie klar wird, wer nun welche Position neben Larsen bezieht und wer auf wessen Seite steht.
Das Mißtrauensverhältnis und die Schikanen kommen selten klar herüber, vielmehr fokussiert man einen Handlungsstrang auf den versoffenen Schiffsarzt, der solange herabgesetzt wird, bis er sich umbringt und auf den lustigen, aber fiesen Schiffskoch, während die übrigen Seeleute nebulös bleiben.
Das Finale, auf der leckgeschlagenen und bis auf Larsen verlassenen "Ghost" fokussiert dann in einer Abwandlung vom Roman auch nicht auf zwei oder drei, sondern inclusive Leach auf vier Personen, wobei sich die Handlungsgewichtungen noch einmal unterschiedlich verteilen. Erst in dieser Schlußsequenz gewinnt die Figur van Weydens etwas an Profil und der bedauernswert vernachlässigte Alexander Knox kann etwas glänzen, zuvor setzt der Film mehr auf John Garfield, einen Darsteller, der die Grenze zwischen "heavy" und "good looking" verschwimmen läßt. (Der viel zu früh verstorbene Garfield ist hauptsächlich aus "The Postman allways rings twice" bekannt in heutigen Tagen.)
Nur aus Zuschauerkonventionen ins Skript geschrieben scheint die Rolle der gemeinhin überschätzten Ida Lupino, die wenig zum Plot beiträgt, außer eine wenig überzeugende emotionale Komponente ins Spiel zu bringen. Weder erfährt man etwas über ihre wahre Vergangenheit, noch über ihren Charakter oder ihre Motivationen, die Figur treibt maximal George Leach zu seinen Handlungen an, ohne dafür eine echte Motivation zu präsentieren.
Wirkliches Leben bringt nur Robinson an den Tag, dessen Ausdrucksstärke wie gewohnt einen ganzen Film tragen kann und geschickt zwischen Zuneigung, Kalkül und absoluter Grausamkeit schwankt, ein Denkmal an Unberechenbarkeit, nicht stimmig wirklich Londons beabsichtigte Figur, aber auch nicht vollkommen an ihr vorbei.
Technisch ist der Film überraschend gut geraten, die Schiffskollision und die übrigens Bootsszenen sind mit Modellen mehr als sauber gemacht, der häufige Studionebel sorgt für enorme Atmosphäre und die aus einer Nebelbank auftauchende "Ghost" wirken wie eine Inspiration für einen Gruselfilm, den John Carpenter 40 Jahre später inszenieren sollte.
"The Sea Wolf" ist nicht großartig geworden, aber es ist ein stimmiger Film, der sich notgedrungen, aber halbwegs gelungen von der Vorlage löst und seine eigene funktionierende Variante wurde, allerdings ohne das Gefühl unterdrücken zu können, daß da noch etwas mehr drin gewesen wäre. (7/10)