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Flüchtig und frontal. Angekündigt als weiteres Remake von One Armed Swordsman (1967), aber in der fortschreitenden Tätigkeit des Geistes die eigenen Ideen und Wege verwirklicht, stellt sich Wu Xia (2011) als Paradebeispiel der Mischform aus altehrwürdigen, also der Tradition verhaftenden Martial Arts Filme vor über drei Dekaden und der gleitenden Aktualisierung in die Anforderungen der Kunst heraus. Geschrieben von den Autorinnen Aubrey Lam und Joyce Chan wird die Geschichte aus Vorerinnerungen an ein früheres Leben und das leidige Wiedereinholen der Taten in der Gegenwart erzählt, in einer Mischung aus Drama, Mystery - Krimi und medizinischem Lehrstück, dass seinen scheinbar natürlichen Endpunkt in einer kämpferischen Auseinandersetzung mit dem Ungeheuer der Vergangenheit erhält. Eine 20 Mio USD Produktion fernab von Hong Kong und von Hollywood, in einer kräftigen Fülle zur beinah Vollendung gereift:

Im Süden von China, einem kleinen Dorf, Juli 1917.
Der in einer Papiermühle arbeitende Liu Jinxi [ Donnie Yen, der den Zweiten Frühling und damit den Großen Ruhm als Choreograph, Kampfkünstler und auch Darsteller tatsächlich verdient ] verteidigt sich einen Tages wohl mehr schlecht als recht, aber mit Erfolg gegen zwei die Firma ausrauben wollende Eindringlinge. Da Liu trotz seines Zuzuges vor zehn Jahren im Dorf weithin angesehen ist, sich die Täter als gesuchte Flüchtlinge entpuppen und das Wohlwollen der Bevölkerung eindeutig bei der Notwehr gegeben ist, plant auch die anschliessend ermittelnde Polizei keine tiefergehende Untersuchungen. Einzig Detective Xu Baijiu [ Takeshi Kaneshiro ] lässt sich nicht so schnell von der harmlosen Variante der Geschichte und der Tapsigkeit des Arbeiter Liu abbringen, und befragt diesen, die Ehefrau Yu [ Tang Wei ] und selbst die Kinder Xiaotian [ Li Jiamin ] und Fangzheng bei einem gemeinsamen Abendessen samt Übernachtung. Durch seinen Assistenten [ Jiang Wu ] auf die Spur der wahren Identität Lius gebracht, der tatsächlich Tang Long heisst und bis vor zehn Jahren second-in-command der umtriebigen "72 Demon" war, entfacht Xu aus Versehen und persönlichen Gerechtigkeitssinn im Ausschalten von Sympathie und Empathie ein drohendes Unglück über das Dorf. Denn auch "The Master" [ Jimmy Wang Yu ] und dessen Frau [ Kara Hui ] erfahren nun von dem Aufenthalt ihres Sohnes.

An Kampf und Action rar, aber dann umso gewichtiger und wuchtiger in monströsem Design, Dramaturgie und der Geheimnisse der Elemente präsentiert, werden zuvor und zwischendurch gleich mehrere Betrachtungen aufgefasst und eingesehen. Steht die Überlegung der Resozialisierung, der Empathie im Strafrecht, der Wiedergutmachung bereits geschehener Taten durch verwirklichung im Hier und Jetzt ebenso im Raum wie das Privat-, das Familien- und das Dorfleben in Tang Longs Existenz. Gerade auch die Zeichnung des Umfeldes sticht hier aus anderen Werken des Genres über alle Maßen heraus, wird der kleine Ort in freier Natur als tatsächlich atmendes Milieu voller Interaktion und realer Regsamkeit porträtiert. In Landschaftsbildern sowieso wunderschön, stellt sich das Dörfchen voll Wald, Feld, fliessendem Bach, reissendem Strom als glaubwürdiges Klima für die nur kurz währende und selbst dann täuschende Behaglichkeit heraus.

Eine Idylle par excellence, deren Leichengeruch rasch mit Ginger und deren schockierende Bildern mit wissenschaftlichen Details zusätzlich erläutert, hervorgehoben und gleichzeitig auch überdeckt wird. Zwischen Anatomie, Physiologie, Pathologie und zwischen frühzeitlichen Kriminalermittlungen, dem Unterschied von Dichtung und Wahrheit, dem friedlichen Stillstand des Bauern- und Farmerdaseins und dem Einschiessen von verstörenden Horrorgraphiken wandert das Geschehen. Nichts ist so, wie es zuerst wirkt und scheint, kann man seinen Augen und seinen Gefühlen nicht komplett trauen. Ein scheinbar holpriger, hilfloser und mit purem Glück gelöster Verteidigungsakt stellt sich tatsächlich als überlegen geführtes und jederzeit die Kontrolle besitzendes Manöver dar. Der eigene Ehemann ist nicht der, der er vorgibt zu sein. Die Obrigkeit muss erst mit mehreren Jahresgehältern bestochen werden und ergreift dann trotzdem die Flucht. Ähnlich wie die Fakten keine sind und die Atmosphäre des Vertrauens brüchig ist, so wenig kann man den Fort- und Ausgang schätzen.

Bis auf das erweiterte Cameo des fast zwanzig Jahre abstinenten Jimmy Wang Yu und einer späten Wendung nichts mit dem Original gemein, erschafft Regisseur Peter Chan aus der Myriade an Genrewerken und ihrer Benutzung als Hilfsmittel des Gedächtnisses eine energische Metamorphose des bisherigen Geschehens. Äußerlich in poetischer Weise vertieft, handwerklich eindrucksvoll, mit formvollendet choreographierten und montierten, ästhetischen, wilden Konfrontationen zwischen Protagonist und seinen Widersachern und entsprechend auch konform besetzten Darstellern versehen, schwankt der Film in seiner ganz eigenen entlegenen Gegend, zwischen Dämmerung und Licht zugleich. Gefüllt von innerer Eindringlichkeit und dramatisch stillen Szenen, simplen Gesten und Blicken. Gefüllt mit leisem Humor, mit Sehnsucht, und mit verheerenden Einschlägen.

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