Wenn Oliver Stone was macht, dann richtig.
Bei „Any Given Sunday“ hat er seinen Fokus auf den Lieblingssport der Amis, den American Football gerichtet und was man sich von vornherein davon versprechen konnte, waren krachige Sportaction, reizvolle Optik und kritische Auseinandersetzung mit dem Thema.
Okay, zwei von dreien.
Mehr waren es dann doch nicht, doch es ist eine kleine Enttäuschung, daß ausgerechnet der dritte Punkt, der für gewöhnlich Stones Markenzeichen ist, die Auseinandersetzung, hier fast vollständig unter den Tisch gefallen ist.
Vielleicht täuscht das aber auch nur.
Oberflächlich betrachtet ist der Film trotz all seiner Vorzüge erzählerisch nur eine geschickt verschachtelte Anhäufung bekannter Sportfilmklischees, die in den diversen Handlungssträngen ununterbrochen Staffelübergabe betreiben. Da haben wir den Trainer der alten Werte, den die Moderne des Sports überholen; dann ist da die jugendliche Präsidentin, die hauptsächlich finanziell denkt und die traditionellen Werte nicht als wichtig erachtet; dann den Mann aus der dritten Reihe, der über Nacht zum Star wird, damit zum Kotzbrocke und der sich zum Ende hin neu besinnt. Wir haben den Altstar, der es sich noch mal beweisen will und an sich zweifelt, die medizinische Abteilung mit dem Hang, es den Spielerwünschen recht zu machen und ihre wirkliche Verfassung außer acht zu lassen, wir haben Karrierewünsche und Prämienjagd, wir haben Beziehungsprobleme und Drogen, wir haben Intrigen und Interessenkonflikte. Kurz, Stone läßt den Film fast überlaufen.
Vielleicht die einzige Möglichkeit, die Wirkung der Klischees zu minimieren ist, sie als Potboiler ununterbrochen auf größter Hitze köcheln zu lassen. Und was bringt uns dazu, das alles als Klischee abzutun, wenn sich Sportler der Wirklichkeit Dopingvorwürfen ausgesetzt sehen, der Vergewaltigung irgendwelcher Partygirls angeklagt sehen und Karrieren schnell enden. Sind die Mächtigen vielleicht doch nur geldgeile Sportfeinde, zählt nur der Titel, bleibt wenig Zeit zum Menschsein? Einige der Prachtlocations gehören tatsächlichen AF-Stars und da kann man schon ins Grübeln kommen, wie sehr oder ob Stone überhaupt an der Wirklichkeit vorbei zielt.
Verzichtet wird in diesem Allstar-Game von Film jedoch auf die Sicht des Zuschauers und so bleiben auch wir mit unseren Zweifeln auf uns selbst zurückgeworfen. Und da hat man das alles natürlich schon in Dutzenden anderen Filmen gesehehen.
Unterstützt wird dieser Trend von Stones unnachahmlicher Optik und Schnitttechnik. Wild, schräg, hektisch ist der Schnitt, abwechslungsreich und irritierend Kamerapositionen und Fahrten, die Dynamik der Spielszenen selten realistischer einzufangen. Wenn subjektive Kamerapositionen im Schwindel verwischen, bei Aufprällen der Ton wegbleibt oder später explosiv hervorbricht, wenn sich Fernsehkommentare und Monologe der Figuren überlagern, dann ist Stone in seinem Element. Die beste Sequenz unterbricht irritierend immer wieder einen zunehmend agressiven Disput zwischen Trainer Al Pacino und Spieler Jamie Foxx mit Szenen eines herandämmernden Gewitters und Sequenzen aus dem Wagenrennen in „Ben Hur“, der gleichzeitig im TV läuft.
Der Film ist ein Trip, Miami die ideale Kulisse für diese hitzige Show. Brachial sind die Bilder (auch wenn die Augen-Szene nicht gerade ein erzählerisches Muß ist), wild und unbändig, wenn die Sportler aufeinander krachen.
Stone ist bemüht, das Wesen und dadurch das Absurde dieses Sports, Vertrauen, Selbstaufgabe, unbedingter Wille und Zerstörungswut hervorzubringen, aber er schildert nur, beschreibt, malt ein Bild, grenzt sich nicht ab, hat keine Distanz zum Geschehen. Genausowenig wie der Zuschauer, der mitgesogen wird oder ablehnt.
Das geht auf Kosten der Handlungsstränge. Pacino kann sich breit machen, obwohl er sich sichtlich zurücknimmt, Foxx hat Platz, Diaz macht das Beste aus der dramatischen Eindimensionalität des nicht weiter erforschten Charakters. Zu kurz kommt Dennis Quaid, dessen interessanteste Szene sicher die fast letzte ist, in der der harte Mann aus 1001 Footballschlacht von seiner Frau brutal eine geflankt bekommt, weil er mit dem Sport aufhören will. Solche Offenbarungen sind selten und diese Figur hat zu wenig Platz. Das gilt auch für die stiefmütterlich behandelte medizinische Kontroverse, in der James Woods und sein Nachfolger Matthew Modine gegensätzliche Auffassungen von der Behandlung der Spieler haben und der „reine“ Tor Modine am Ende vom Teufel Spieler versucht wird (ohne daß das Ergebnis gezeigt wird).
Letztendlich ist der Film dann doch nur eine Episode, folgt dem Team bis zum ersten Playoff-Spiel, vermeidet ein Meisterschaftsendspiel und würzt die versöhnlichen Töne dann doch wieder mit Spitzen, die auf einen ewigen Kreislauf hindeuten. Die Figuren sind gefangen in einem Laufrad des Sports, geschmiedet aus Erfolgssucht und zerstörten persönlichen Beziehungen. Es ist ein Monster, soweit hat es Stone filmisch hinbekommen. (6,5/10)