Als Tarantino/Rodriguez ihr ambitioniertes Gemeinschaftsprojekt Grindhouse (2007) auf die Beine stellten, ließen die Folgen nicht lange auf sich warten. Plötzlich war es so richtig schick, einer längst vergangenen Ära zu huldigen: dem Exploitationkino der 1970er-Jahre. Und auch wenn da ein paar richtig coole und stimmige Filme dabei waren, die den Genrenerv erstaunlich heftig zum Vibrieren brachten [1], der überwiegende Teil der gerne mit dem publicity-wirksamen Begriff "Grindhouse" geschmückten Beiträge waren zwar durchaus nette und gut gemeinte Hommagen, doch mit den Filmen, denen sie nacheiferten, hatten sie nicht mehr allzu viel gemein. Eine sleazig-schundige Geschichte und deren adäquate Umsetzung sind eben immer noch zwei Paar Schuhe. Da hilft es auch wenig, dem Streifen einen politisch unkorrekten Ton zu injizieren und das Filmmaterial künstlich auf alt und zerschlissen zu trimmen. Nein, wer "the real deal" erleben will, soweit das in den eigenen vier Wänden überhaupt möglich ist, dem bleibt kaum etwas anderes über, als zu den dreckigen Originalen zu greifen. Zum Beispiel zu The Suckers, einem obskuren und verloren geglaubten Schundwerk aus dem Jahre 1972. Denn dieser fiese Menschenjagdschocker von Stu Segall [2] ist in der Tat "the real deal". Und das betrifft nicht nur den Film selbst, sondern auch dessen Präsentation auf DVD.
Wenn man da im finsteren Wohnzimmer sitzt, mit einem kühlen Bier in der Hand, und diesen Streifen über den Bildschirm flimmern sieht, dann ist man der oft beschworenen "Ultimate Grindhouse Experience" wahrscheinlich so nahe, wie es nur geht. Bis dato war The Suckers für das Heimkino nicht erhältlich; er lief in den Siebzigern ausschließlich in den Kinos und verschwand dann in der Versenkung. Doch irgend jemand hat eine alte, abgenutzte Filmrolle aufgestöbert, der man ansieht, daß sie viel zu oft durch den Projektor gejagt wurde, und das US-Label Vinegar Syndrome [3] war so frei, ebendiese Fassung im Rahmen ihrer "Drive-In Collection" zu veröffentlichen (und dafür gebührt ihnen mein großer, aufrichtiger Dank). Ohne in der Post-Produktion nachhelfen zu müssen, bietet dieser Print das volle Programm an allen nur möglichen Verschleißerscheinungen. Authentizität so pur und unverfälscht, daß die Augen des geneigten Fans vor Glück zu tränen und vor Freude zu leuchten beginnen (für HD-Fanatiker und Qualitätsfetischisten ist das Gebotene natürlich ein Alptraum der Sonderklasse!). Laufstreifen zieren das Bild, das hin und wieder ein nervöses Hüpfen nicht unterdrücken kann. Die Tonspur ist so zerkratzt, daß sie fröhlich vor sich hin knistert. Jump Cuts und Cigarette Burns buhlen ausgelassen um die Vorherrschaft, während sich zwischendurch auch mal Wasserschäden und andere Störungen frech in den Vordergrund zu drängen versuchen. Und ja, selbst auf ein Missing Reel muß man nicht verzichten. Zumindest deutet einiges darauf hin, daß da ein Stückchen Handlung fehlt. Nichts dramatisches, aber genug, um ins Auge zu stechen.
Daß die Augen des geneigten Fans vor Glück zu tränen und vor Freude zu leuchten beginnen, dafür sorgt nicht nur die gezwungenermaßen krude Präsentation auf DVD, sondern - möglicherweise - auch der Film selbst. Dieser ist ein so deftiges wie selbstzweckhaftes Stück Exploitation, daß man sich glatt wundert, wieso dieser schmierige Bastard von Film beinahe der Vergessenheit anheim fallen konnte. The Suckers (was für ein geiler Titel!) ist einer jener Filme, die man nur sehr, sehr schwer verteidigen kann. Wenn man unvorbereitet und ohne jede Vorkenntnis an diesen Streifen herangeht, wird man eine verdammt dicke Überraschung erleben. The Suckers beginnt recht zäh und ausgesprochen sexlastig. Modelvermittler George Stone (Norman Fields [4]), seine Frau Cindy (Barbara Mills [5]), die beiden Models Joanne und Barbara (Sandy Dempsey [6] bzw. Laurie Rose [7]) sowie der Großwildjäger und ehemalige Green-Beret-Kämpfer Jeff Baxter (Richard Smedley [8]) sind zu Gast bei Steve Vandemeer (Steve Vincent [9]), doch über Details bezüglich des Programms (sie wissen nur, daß es um eine Jagd geht) hüllt sich der exzentrische Millionär in Schweigen. Die Ungewißheit scheint immerhin die Lust auf Sex zu steigern, und so gibt es erst mal eine elendig lange Sexszene zu bestaunen, die ob des steifen Schwanzes, der sich kurz ins Bild mogelt, vielleicht sogar echt sein könnte. Die kaum erwähnenswerte "Handlung", die bis zu diesem Zeitpunkt langsam dahindümpelte, tritt nun völlig auf der Stelle. Kaum ist das leidenschaftliche Gebumse vorbei, bahnt sich bereits das nächste an. Ein zweites Pärchen betreibt flotte Bettakrobatik (auch sie sind Verfechter der Missionarsstellung), und sie sind ähnlich ausdauernd, wie ihre Vorgänger. Zu diesem Zeitpunkt hat man sich als Zuschauer bereits damit abgefunden, daß man es hier mit einem zwar netten aber ziemlich langweiligen Softporno zu tun hat. Die nächste Szene untermauert diesen Eindruck noch, hüpfen doch zwei Grazien in die riesige Wanne in ihrem Zimmer und gönnen sich ein wenig Lesbo-Action [10].
Endlich ist die Nacht vorbei und wir dürfen den Männern und Frauen eine zeitlang dabei zusehen, wie sie wenig euphorisch durch die kalifornische Wildnis latschen. Doch dann ist es soweit: der Gastgeber läßt die häßliche Katze aus dem Sack. "Ladies, Gentlemen! You are here today because you are the hunt!" Die Gäste halten diese Enthüllung erst für einen makabren Scherz ("That's a good one!"), doch spätestens als sich die Gewehre senken, wird ihnen der Ernst ihrer Situation bewußt. Und um der Graf Zaroff-Gedächtnisjagd noch etwas zusätzliche Würze zu verleihen, wird die Beute - sofern der weiblichen Spezies zugehörig - nicht nur erlegt, sondern vorher auch gelegt, und zwar flach! Wie drückt es Vandemeer so treffend aus? "Rape and slaughter go hand-in-hand when one is hunting human beings." Das führt dann schnurstracks und ohne Umschweife zur ersten Vergewaltigung [11], und das ist der Moment, wo der Film spektakulär kippt und Segall dem Zuschauer einen Tiefschlag verpaßt, der sich gewaschen hat. Da die Darstellerin ihr Martyrium verdammt gut spielt und der Regisseur gar nicht daran denkt, die Schändung nur anzudeuten, folgen so dermaßen widerliche und unangenehme Minuten, daß selbst alte Exploitationhasen ins Schwitzen geraten dürften. Die elendig lang ausgewalzte und sich in sexueller Gewalt förmlich suhlende Szene ist derart eindringlich und authentisch geraten, daß sie dem gesamten Film ihren unschönen Stempel aufdrückt. Gerät The Suckers als gesamtes durch seine unbekümmerte Zurschaustellung von Sex und Gewalt schon zum reinen Selbstzweck, so setzt diese eine Szene dem ganzen noch mal die Krone auf und ist as selbstzweckhaft as can be. Zum Drüberstreuen wird die Unglückliche dann auch noch brutal und mit Gusto abgestochen (immerhin ist der Mord selbst nicht explizit zu sehen), wobei man den Tötungsakt ohne weiteres als sexuellen Höhepunkt des Mannes lesen kann. Selten zuvor (und danach) wurde ein Messer (in diesem Fall ein großes Jagdmesser) offensichtlicher als Phallus-Symbol eingesetzt wie zum Ende dieser höchst unerquicklichen Szene.
Wie unschwer zu erkennen ist, bediente sich Drehbuchautor Harold Lime recht großzügig und unverfroren bei Richard Connells im Januar 1924 erstmals erschienener Kurzgeschichte The Most Dangerous Game (aka The Hounds of Zaroff), welche bereits 1932 von Irving Pichel und Ernest B. Schoedsack sehr effektiv verfilmt wurde (dt. Titel: Graf Zaroff - Genie des Bösen). Was The Suckers von diesem und anderen Filmen, die sich derselben Grundidee bedienen [12], unterscheidet, ist das sexuelle Element, mit dem die bekannte Geschichte aufgepeppt wurde [13]. Dies sollte nicht verwundern, schließlich hatte der legendäre David F. Friedman [14] als Produzent seine Finger im Spiel, und am Regiestuhl saß mit Stu Segall jemand, der keine Berührungsängste mit Sex hatte (er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits den Softsexstreifen Harvey Swings (1970) auf dem Kerbholz) und später die Marilyn Chambers-Klassiker Insatiable (1980), Up 'n' Coming (1983) und Insatiable II (1984) inszenieren wird. Ob Segall mit dem Ergebnis seine Probleme hatte, ist mir nicht bekannt, aber er versteckte sich zur Sicherheit hinter dem Pseudonym Arthur Byrd. Eine gute Entscheidung, schließlich verlagerte sich später seine Karriere in den TV-Bereich [15], und da mußte nun wirklich nicht jeder wissen, was er früher so getrieben hatte. Mit The Suckers hat er's überaus garstig getrieben. Schade ist jedoch, daß er es nicht im Ansatz schaffte, die Geschichte so spannend oder gar so packend umzusetzen, daß man mit den Figuren zumindest ein klein wenig mitfiebert. Immerhin kann man Stu Segall eines nicht absprechen. Er hat es geschafft, eine der krassesten und unangenehmsten Vergewaltigungen der Filmgeschichte auf Zelluloid zu bannen. Ob das jedoch für einen Eintrag ins Exploitationkino-Ruhmesblatt reicht, steht zur Debatte.
[1] Ich denke da beispielsweise an Joseph Guzmans Rape-Revenge-Kracher Run! Bitch Run! (2009) oder Scott Sanders' sensationelles Blaxploitation-Spektakel Black Dynamite (2009).
[2] Sein bekanntestes Werk ist wohl der 1977 entstandene Schlocker Drive-In Massacre aka Drive-In Killer.
[3] Vinegar Syndrome hat bei Exploitationfilmfans einen Stein im Brett, seit sie drei verschollen geglaubte Arbeiten des Gore-Pioniers Herschell Gordon Lewis auf den Markt brachten: The Ecstasies of Women (1969), Linda and Abilene (1969) und Black Love (1971). In ihrer "Drive-In Collection" erschienen neben The Suckers (welcher mit dem sehenswerten Erotikstreifen The Love Garden gepaart wurde) u. a. auch Anatomy of a Psycho (1961) & The Lonely Sex (1959), Dungeon of Harrow (1962) & Death by Invitation (1971) sowie The Vixens of Kung Fu (A Tale of Yin Yang) (1975) & Oriental Blue (1975).
[4] Im Jahr davor war der in Brooklyn geborene Norman Fields im unsterblichen Monsterschlocker Octaman (Oktaman - Die Bestie aus der Tiefe) zu sehen. Des Weiteren agierte er u. a. in Sweet Sweetback's Baadasssss Song (1971), Wheeler (Psycho from Texas, 1975), Gas Pump Girls (Die Mädchen von der Tankstelle, 1979) und Living in Oblivion (Living in Oblivion - Total abgedreht, 1995) vor der Kamera. Laut Internet Movie Database starb er 1996.
[5] Barbara Mills, Jahrgang 1951, begann schon recht früh, nackt zu modeln, was sich dann zu einer Filmkarriere in Soft-Sex-Movies ausweitete. Ihr zweites Standbein war die Malerei. Sehen kann man die 2010 verstorbene Künstlerin z. B. in Wild, Free & Hungry (1969), The Stewardesses (Die Girls vom Jumbo-Jet, 1969), Sinthia: The Devil's Doll (1970), The Love Garden (Frühreif und liebestoll, 1971), The Cult (Töchter des Satans aka The Manson Massacre, 1971), The Perfect Arrangement (Die wilde Lady aka Sexträume entzückender Mädchen, 1971), Gabriella, Gabriella (Gabriela - Blutjung und unbefriedigt, 1972), und Sweet Georgia (1972).
[6] Diese in den Frühsiebzigern unglaublich vielbeschäftigte Aktrice (lt. Internet Movie Database spielte sie 1971 in 18 Filmen, 1973 in 15 Filmen mit!) hatte neben ihren Auftritten in diversen, eher unbekannteren Streifen wie A Touch of Sweden (1971), Hell's Kitten (1972), Saddle Tramp Women (1972), The Cocktail Hostesses (Zeig mir deins, ich zeig dir meins, 1973) und Acapulco Gold (Panama Red, 1976) auch kleine Rollen in den Exploitationklassikern A Scream in the Streets (Der Schlächter, 1973) und Ilsa: She Wolf of the SS (1975). Leider verabschiedete sich Sandy Dempsey schon früh von der Bühne des Lebens, nämlich am 24. Mai 1975.
[7] Die Filmographie von Laurie Rose ist überschaubar; Erwähnenswert sind The Abductors (1972), The Hot Box (1972), The Adult Version of Jekyll & Hide (1972), The Woman Hunt (1973), Policewomen (Sadomona - Insel der teuflischen Frauen, 1974) und Waxwork II: Lost in Time (Spaceshift, 1992). In letzterem hatte sie einen Cameo-Auftritt als Bauchtänzerin.
[8] Richard Smedley war für zwei Jahre und ein paar Tage der Ehemann der umwerfenden Lana Wood, der Plenty O'Toole in Diamonds Are Forever (James Bond 007 - Diamantenfieber, 1971). Fans des Schlockmeisters Al Adamson kennen ihn vielleicht aus Brain of Blood (1971), Blood of Ghastly Horror (1972), Angels' Wild Women (1972) und The Naughty Stewardesses (1975).
[9] Steve Vincent war Sergeant Collins in Mantis in Lace (Lila aka Laila - Vampir der Lust, 1968) sowie Prinz John in The Ribald Tales of Robin Hood (Robin Hood und seine lüsternen Mädchen, 1969). Des Weiteren war er u. a. in Brand of Shame (Django Nudo und die lüsternen Mädchen von Porno Hill, 1968), Space Thing (1968), Thar She Blows! (Das Schiff der liebestollen Frauen, 1968) und Stu Segalls Drive-In Massacre (1977) mit von der fröhlichen Partie.
[10] Leider endet diese schmackhafte Sequenz zum ungünstigsten Zeitpunkt: gerade als sich der Kopf der einen der Schamgegend der zweiten nähert, schwenkt die Kamera elegant weg und es folgt eine Abblende.
[11] Ja, es gibt auch eine zweite; die ist aber wesentlich leichtverdaulicher ausgefallen als die erste.
[12] Auch John Woos Hard Target (Harte Ziele, 1993) und Ernest Dickerson Surviving the Game (Tötet ihn!, 1994) basieren lose auf dieser klassischen Erzählung der Horrorliteratur.
[13] Ein respektive zwei Jahre später beackerten Eddie Romero und Jesús Franco mit The Woman Hunt bzw. La Comtesse Perverse ähnliches Terrain.
[14] Der am 24. Dezember 1923 in Birmingham, Alabama geborene David F. Friedman war eine der schillerndsten Figuren des amerikanischen Exploitationkinos. Seit Mitte der 1940er-Jahre war der umtriebige Produzent bereits im Filmgeschäft tätig, ehe er Ende der Fünfziger auf Herschell Gordon Lewis traf. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Neben der fruchtbaren Zusammenarbeit mit Lewis (u. a. The Adventures of Lucky Pierre (1961), Scum of the Earth (1963), Blood Feast (1963), Two Thousand Maniacs! (1964) und Color Me Blood Red (1965)) hatte er auch bei Filmen wie The Defilers (1965), She Freak (1967), Love Camp 7 (1969), The Erotic Adventures of Zorro (Zorro und seine lüsternen Mädchen, 1972), Ilsa: She Wolf of the SS (1975), Johnny Firecloud (Feuerwolke, 1975) und 7 Into Snowy (1978) seine Finger als Produzent im Spiel. Friedman starb am 14. Februar 2011 in Anniston, Alabama.
[15] Er war z. B. Produzent von Hunter (Gnadenlose Jagd, 1984-1988) und ausführender Produzent bei Serien wie Silk Stalkings (Palm Beach-Duo, 1991-1999), Renegade (Renegade - Gnadenlose Jagd, 1992-1997), Pensacola: Wings of Gold (Pensacola - Flügel aus Stahl, 1997-2000) und Fashion House (2006).