Zu Beginn der 1980er-Jahre schien es der am 25. Januar 1943 in Austin, Texas, geborene Tobe Hooper geschafft zu haben. Unter der Fittiche von Hollywoods Wunderkind Steven Spielberg durfte er 1982 den Box Office-Hit Poltergeist inszenieren. Die Tore in die schillernde Traumfabrik standen daraufhin weit offen, es herrschte kein Mangel an vielversprechenden Projekten, welche er frohen Mutes in Angriff nehmen konnte. Der Regisseur des Kultklassikers The Texas Chain Saw Massacre (1974) unterschrieb schließlich bei The Cannon Group, der (aus heutiger Sicht) kultigen Firma der umtriebigen Produzenten Menahem Golan und Yoram Globus. Man einigte sich auf einen Drei-Filme-Deal, und Hoopers erster Film nach Poltergeist wurde Lifeforce, die Verfilmung des Romans The Space Vampires (Vampire aus dem Weltraum, 1976) des Autors Colin Wilson (in weiterer Folge entstanden Invaders from Mars (Invasion vom Mars, 1986), das Remake eines Science-Fiction-Klassikers aus den Fünfzigern, sowie The Texas Chainsaw Massacre Part 2 (1986), das lang erwartete Sequel zu seinem genreprägenden Terrorschocker). Danach war es mit Hoopers Hollywood-Karriere mehr oder weniger vorbei. Man kann dem Texaner ja so einiges vorwerfen, aber bestimmt nicht, daß er sich nicht bemüht hätte. Auch sind diese drei so unterschiedlichen Werke keineswegs schlecht. Es hat leider den Anschein, als wären sie schlicht und einfach zur falschen Zeit entstanden.
In Lifeforce entdeckt die Crew des Space Shuttles Churchill ein riesiges, mysteriöses Raumschiff, welches sich im Schweif des Halleyschen Kometen (der übrigens 1986, im Jahr nach dem Kinostart, die Erde passierte) versteckt. Bei der Erkundung des ziemlich heruntergekommenen Schiffes entdecken die Frauen und Männer um Colonel Tom Carlsen (Steve Railsback, Turkey Shoot) neben der seit Langem toten Besatzung drei gläserne Behälter, in denen nackte, humanoide, gut erhaltene Körper liegen. Die Astronauten nehmen die verschlossenen Behälter mit an Bord, was sich bald als fataler Fehler erweist. Als die Churchill in die Erdatmosphäre eintritt, sind sämtliche Besatzungsmitglieder tot, und das Innere des Shuttles wurde von einem Feuer verwüstet. Lediglich Carlsen, der sich mit einer Rettungskapsel in Sicherheit bringen konnte, überlebt die Katastrophe. Wie sich jedoch herausstellt, haben die drei Außerirdischen in ihren Behältern das Feuer unbeschadet überstanden. In einem abgeschotteten Forschungslabor in London erwacht das Space Girl (Mathilda May, The Cry of the Owl) dann plötzlich zum Leben, packt den überraschten Soldaten und saugt ihm die Energie aus dem Leib. Anschließend macht sich die schöne nackte Frau aus dem Staub. Als der scheinbar tote Soldat seinerseits zwei Stunden später wieder erwacht und einem Arzt die Energie entzieht, ahnt SAS-Colonel Colin Caine (Peter Firth, The Hunt for Red October), daß eine Kettenreaktion in Gang gesetzt wurde, welche das Ende der Menschheit zur Folge haben könnte.
Mit einem mageren US-Einspielergebnis von 11,6 Millionen US$ blieb die im Juni 1985 in den amerikanischen Kinos gestartete 25-Millionen-Dollar-Produktion deutlich hinter den Erwartungen zurück. Ein Schicksal, das Lifeforce mit John Carpenters thematisch verwandten The Thing (1982) teilt, der an den Kinokassen jedoch wesentlich weniger dramatisch abgesoffen ist. Lifeforce ist ein so spektakuläres wie entzückendes Potpourri aus diversen Science-Fiction-, Horror-, Katastrophen- und Sexfilmmotiven, daß man aus dem Staunen fast nicht mehr herauskommt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich seinerzeit gebannt im Kino saß und jede Sekunde dieses irren Spektakels genoß. Und auch die drei weiteren Sichtungen, zwei davon in der vom Regisseur intendierten Langfassung, haben an meiner Faszination für diesen ungeheuer ambitionierten Film kaum etwas geändert. Interessant ist außerdem, daß die (offiziellen) Drehbuchautoren Dan O'Bannon (The Return of the Living Dead) und Don Jakoby (Death Wish 3) - bewußt oder unbewußt sei dahingestellt - viel Interpretationsspielraum ließen. So kann man Lifeforce z. B. als Parabel auf AIDS deuten, einer Krankheit, die Mitte der Achtziger erst langsam ins Bewußtsein der Menschen kroch und mit Homosexualität assoziiert wurde. Im Film gibt es einige homosexuelle Anspielungen; der Kuß zwischen Carlsen und Dr. Armstrong (Patrick Stewart, X-Men) ist nur die offensichtlichste. Andererseits kann man in dem überirdisch schönen Space Girl einen Engel sehen, der vom Himmel herabgestiegen ist, um die Sünder zu bestrafen und deren Seelen in die ewige Verdammnis zu schicken.
Lifeforce legt von Beginn weg ein unerhörtes Tempo vor und geizt weder mit beeindruckenden Schauwerten noch mit verblüffenden Spezialeffekten. Der Hingucker schlechthin ist allerdings kein Effekt, sondern die ehemalige Ballerina Mathilda May, die von Kleidung wenig hält und deshalb konsequent hüllenlos agiert. Ihre unglücklichen Opfer wiederum sind kleine Wunderwerke der SFX-Kunst. Die völlig verschrumpelten, ausgesaugten Hüllen wurden mit menschengroßen, beweglichen Animatronic-Puppen zum Leben erweckt, und spätestens bei der Sequenz, wo die gefesselte Frau verzweifelt versucht, sich zu befreien und mit großen Augen in die Gegend starrt (bevor sie regelrecht explodiert), sollte einem klar werden, wie viel Herz und Seele in so einem Ding stecken können. Natürlich sind einige Effekte aus heutiger Sicht veraltet und können nicht mehr überzeugen (wie z. B. Patrick Stewarts nachgebildeter Kopf, aus dessen Mund Unmengen an Ektoplasmablut spritzt), aber die optischen Tricks, viele Prosthetic-Make-Up-Kreationen, das Raumschiff-Set und die verschiedenen Miniaturmodelle bereiten mir nach wie vor viel Freude. Um zu veranschaulichen, mit wie viel Aufwand und Einsatz und Übermut man hier zu Werke ging, einige aus der Internet Movie Database entlehnte Zahlen. Das Makeup Department umfaßte mehr als vierzig Personen, im Art Department arbeiteten etwa zweihundertdreißig Männer und Frauen, die Spezialeffektecrew bestand aus fünfundzwanzig Menschen, für die visuellen Effekte um John Dykstra waren ca. siebzig Leute zuständig, und bei den gefährlicheren Szenen sprangen achtundzwanzig Stuntmänner und -frauen ein.
Die zahlreichen unterschiedlichen Aspekte des Streifens (Science-Fiction, Horror, Weltraumabenteuer, Vampire, Besessenheit, Seuche, Zombieapokalypse, Sex, Weltuntergangsszenario) mögen nicht immer besonders gut miteinander harmonieren, aber gerade dieser todesverachtende Größenwahn in Kombination mit der beinahe schon visionären Extravaganz und dem mitreißenden Spirit macht die unwiderstehliche Faszination dieses nahezu einzigartigen Pulp-Spektakels aus. Lifeforce, der im Grunde ein ungezügelt zu A-Proportionen aufgeblasenes B-Movie ist, ist weit entfernt von einem glattgebügelten Hollywoodstreifen. Die vielen Ecken, Kanten, Ritzen, Löcher und Stolpersteine mögen auch darauf zurückzuführen sein, daß die (ungenannten) Herren Michael Armstrong und Olaf Pooley ihre würzige Sauce zu O'Bannons und Jakobys Skript dazugeben durften und daß die Mimen phasenweise fröhliches Overacting betreiben. Vor allem Steve Railsback, Frank Finlay (The Three Musketeers) - der angeblich den für die Rolle vorgesehenen Klaus Kinski ersetzte - und Patrick Stewart schlagen diesbezüglich immens über die Stränge. Dem Spaß an der Sache tut das freilich keinen Abbruch, zumal der ganze Kokolores mit heiligem Ernst präsentiert wird. Der große Schwachpunkt dieses famosen Guilty Pleasures ist leider Henry Mancinis (Breakfast at Tiffany's) zwar bombastischer aber völlig uninspirierter Orchesterscore, der schon während man ihn hört wieder aus dem Gedächtnis entschwunden ist. Mit Lifeforce haben die Herren Hooper, Golan und Globus definitiv mehr abgebissen, als sie schlucken können. Der Geldbeutel mag ihnen das verübeln; die Fans genießen, danken, und grinsen zufrieden.