Die Filmhistoriker streiten sich noch, sind zumindest verschiedener Meinung, ob es sich bei "Die Enttäuschten" um den allerersten Vertreter des Subgenres Nouvelle Vague handelt. Fakt ist, Claude Chabrols Debütfilm zählt zumindest zu den ersten Filmen der "Neuen Welle", die Ende der 50er Jahre in die französischen Kinos kam.
Wie kam es zu dieser Bewegung ? Eine Reihe französischer Filmkritiker, unter denen sich neben Chabrol auch stilprägende Regisseure wie Jean-Luc Godard, Alain Resnais, Eric Rohmer oder Francois Truffaut befanden, machte sich auf, selbst das Zepter des Filmeschaffens in die Hand zu nehmen, anstatt ständig für das Kinomagazin "Les Cahiers du Cinema" zu schreiben.
Der französische Film war ihrer Meinung nach zu dieser Zeit sehr festgefahren, es wurden hauptsächlich auf Romanen basierende Drehbücher geliefert, die Regisseure hatten dadurch viel zu wenig selbst Einfluss, was das Erschaffen des Filmes angeht. Die Stories waren zu eingleisig, zu vorhersehbar, die Bilder immer und immer wieder ähnlich, die meist sehr bekannten Schauspieler zu steril und unauthentisch.
Also machte sich u.a. Chabrol daran, nicht nur den französischen Film zu revolutionieren und erschuf die Nouvelle Vague mit.
Was macht diese Bewegung aus ? Was ist Inhalt und Charakter dieser bahnbrechenden Idee ? Es wurden z.B. meist bisher unbekannte Schauspieler engagiert, die jedoch nicht zuletzt aufgrund derartiger Filme später Weltruhm erlangen sollten. (Belmondo z.B.). Die Drehbücher basierten nicht auf irgendwelchen vorgefertigten literarischen Vorlagen, sondern sozusagen auf dem wahren Leben. Geschichten voller Sozialkritik, oft ein Individuum im Mittelpunkt, das sich zwar mit alltäglichen Problem herumschlagen muss, die Story aber jedoch genau deswegen auch authentischer, realer, gefühlsechter wird. Die Optik wurde grunderneuert, es gab Locations-Shootings, Aufnahmen außerhalb der Studios, lange Kamerafahrten ohne Zwischenschnitt, kleine Kameras ermöglichten es, sie teilweise wie Handkameras einzusetzen, es kommt zu Bildwacklern, was die Authenzität steigern sollte und es auch tut. Teilweise kommt es auch zum Einsatz ungewöhnlicher (für damalige Zeit) Bildfolgen bzw. -schnitte, der Jump Cut wurde erfunden. (siehe "Außer Atem" von Godard), Erzählstile wurden kreiert (siehe die Rückblenden und nicht-chronologische Erzählweise von "Hiroshima mon Amour" von Alain Resnais)
Kurz gesagt, viele Dinge, die für heutige Verhältnisse komplett normal erscheinen, haben wir der Nouvelle Vague zu verdanken und ihren Schöpfern. Diese waren sozusagen am Film als Ganzes beteiligt, am Gesamtwerk des Mediums.
Was lässt sich also über "Die Enttäuschten" sagen ?
Filmhistorisch gesehen ist der Film ein Wunderwerk. Wunderbare Kamerafahrten, die für diese Zeit definitiv avantgardistisch anmuten mussten, in einem kleinen Dorf gedreht, in dem Chabrol im zweiten Weltkrieg selbst Unterschlupf fand. In dieses Dorf kommt der Student Francois zurück, um sich von den Folgen einer Tuberkulose zu erholen. Er trifft auf seinen Jugendfreund Serge und muss feststellen, dass sich so einige Dinge in eine Richtung verändert haben, wie es Francois, wie es auch die Beteiligten nicht gedacht und erhofft haben. Für Francois gilt es ab nun, das Leben der Dorfbewohner, insbesondere das von Serge, positiv zu beeinflussen bzw deren Leben in geregelte Bahnen zu lenken. Doch was ist, wenn man feststellen muss, dass die Denkweisen einfach nicht kongruent sind ?
Wie gesagt, lange Kamerafahrten durch das Dorf, ohne Zwischenschnitt, teilweise wunderbar fotografierte Bilder, die, auch typisch für die Nouvelle Vague, größtenteils komplett ohne künstliche Beleuchtung auskommen, eine tolle Erzählweise, mehr als ansprechende Schauspielerleistungen und eine Story, so zeitlos wie sie nur irgendwie sein könnte. Es kann sich überall und immer genauso zutragen. Sollte man das Leben anderer Leute unbedingt beeinflussen wollen ? Wo fängt "Zivilcourage" an und wo hört Intoleranz auf ? Muss man anderen Leuten sein Denken aufdrängen, auch wenn, objektiv betrachtet, Verhaltens- und Denkweisen der Anderen zu kritisieren sind ?
Nicht nur für diese Zeit ein wahres Meisterwerk, das auch nach über 50 Jahren Nichts von seiner Pracht verliert. Ich gebe zu, ich bin ein Fan der Nouvelle Vague, es gibt wenige Filme dieser Richtung, die mir nicht zusagen, aber auch in Anbetracht der historischen Bedeutung des Films, sollte ein jeder ernsthafte Fan des anspruchsvollen Kinos dieses Werk gesehen haben!
9/10 Punkte